Meinung 26.07.2016

Wir brauchen klugen Umweltschutz

Das E.ON Steinkohlekraftwerk Scholven steht am Mittwoch, 16. Dezember 2009, unter Dampf. Mit einer Nettogesamtleistung von rund … © Bild: AP/Martin Meissner

Früher ging es um sauberes Wasser und gesunde Luft. Heute geht es um hippen Öko-Lifestyle und inszenierte Ängste. Wird Umweltschutz zur quasi-religiösen Ideologie?

Als ich ein Kind war, hat Linz gestunken. Dass dort ein giftigtrüber Industrieschleier die Luft durchzog, sich über Häuser, Hügel und Bronchien legte, war in den 1980er Jahren ganz selbstverständlich. In einer Industriestadt machen die Fabriken eben Dreck. Das erschien damals genauso unvermeidlich und unhinterfragbar wie der Schnee im Winter.

Heute ist das anders. Industrie gibt es dort immer noch, aber durch konsequente Umweltpolitik hat man die Luftqualität dramatisch gesteigert. Es gibt viele solche Beispiele: Große Seen haben heute Trinkwasserqualität. Die Bleibelastung in der Luft ist gesunken, seit verbleites Benzin verboten wurde. Die schädlichen FCKWs werden kaum noch produziert, das Ozonloch verkleinert sich. All das sind beeindruckende Siege der Umweltbewegung.

Dass vorausblickende Leute in den Siebziger- und Achtzigerjahren begonnen haben, Umweltprobleme ernst zu nehmen, ist ein großes Glück, von dem wir heute alle profitieren. Die belächelten Demonstranten von damals mit den eigenartigen Frisuren hatten Recht. Umweltpolitik ist zum Mainstream geworden, und das ist gut so. Aber manchmal scheint es, als hätten wir irgendwann den rationalen, wissenschaftlichen Blick auf die drängenden Umweltprobleme verloren.

Marketing oder Wissenschaft?

Wir transportieren heute Pandabären in Flugzeugen um die halbe Welt, um sie dann zur Fortpflanzung zu überreden. Dass währenddessen die Weltmeere leergefischt werden, ist viel weniger schlagzeilentauglich. Wir demonstrieren gegen Atomkraftwerke und dulden stattdessen Kohlekraftwerke, die im Normalbetrieb, ganz ohne Unfall, viel größeren Schaden angerichtet haben. Wir finden Gentechnik ganz schrecklich und befürworten Biolandwirtschaft, ohne dabei zu bedenken, dass Biolandbau mehr Fläche benötigt und somit weniger Land für ungestörte Natur übriglässt.

Umweltschutzorganisationen verbreiten Panik, wenn in der Nahrung, in der Kleidung oder im Trinkwasser irgendwelche Spuren böser Chemikalien gefunden werden, auch wenn die Mengen völlig harmlos sind und selbst vorsichtig angesetzte Grenzwerte nicht überschritten werden. Mit dem Klimawandel, den wir durch unseren verrückten CO2-Ausstoß verursachen, haben wir uns aber offenbar irgendwie abgefunden.

Einkaufstaschen aus Plastik werden verboten. Schließlich wollen wir den Plastikmüll in den Weltmeeren reduzieren. Dass mitteleuropäische Plastiktaschen wohl kaum ihren Weg ins Meer finden werden und Papiertaschen in der Herstellung sogar umweltschädlicher sind, ignorieren wir.

Umweltschutz ist zum Lifestyle-Hobby geworden. Man will lieb zur Umwelt sein, aber es soll keinesfalls wehtun. Man greift brav zu den Energiesparlampen und wickelt die Biofalaffelwraps fürs Büro in umweltfreundliches Butterbrotpapier. Man fühlt sich dem Pöbel, der sein Fast-Food aus Styroporboxen isst, haushoch überlegen. Und in der Mittagspause unterhält man sich dann über die Pazifikkreuzfahrt, die man für nächsten Winter geplant hat. Und über das Haus im Grünen, das man sich eines Tages kaufen will. Dann muss man zwar eine Stunde zur Arbeit pendeln, aber das macht nichts, denn im neuen SUV kann man so schön Audiobooks hören.

Wir picken uns süße kleine Umweltproblemchen heraus, die gerade angesagt sind – nicht jene, die uns wirklich bedrohen. In Onlinepetitionen fordern wir ein Verbot für gefährliche Dinge mit kompliziertem Namen. Ob die Alternativen dazu umweltfreundlicher oder vielleicht sogar noch schlimmer sind, ist uns egal.

Kleine Tiere sind süß, über Antibiotikaresistenzen nachzulesen ist anstrengend. Da tragen wir lieber eine Kröte über die Straße.

Wir setzen die falschen Schwerpunkte, wie ein Polarforscher, der ein Brillenputztuch aus biologischen Ökofasern einpackt, aber seinen Schlafsack daheim vergisst. Wir begeistern uns für ziemlich belanglose Symbolhandlungen, bei echten, bedrohlichen Problemen gibt es allerdings kaum Fortschritt.

Es geht nicht ums Prinzip

„Das mag schon sein“, heißt es dann, „aber auch Symbole sind wichtig, da geht es ja ums Prinzip!“ Nein – es geht nicht ums Prinzip. Es geht um die Umwelt. Und die retten wir nicht durch das Pflegen von fröhlichen Wohlfühlsymbolen für hippe Bobos aus Freilandhaltung, sondern durch ökologische Studien, energiewirtschaftliche Analysen und Abfallwirtschaftsexperten. Wenn wir nicht mehr rational argumentieren, dann lassen wir den Umweltschutz zu einer quasi-religiösen Ideologie verkommen. Das wäre fatal.

Wir retten die Welt nicht, indem wir alles schlimm finden, was mit Atomen, Genen und Chemie zu tun hat, sondern indem wir mit allen Methoden der modernen Wissenschaft herauszufinden versuchen, wie wir das Leben auf unserem Planeten so abwechslungsreich und blühend erhalten können, wie es heute ist.

Klar - auch kleine Schritte sind besser nichts. Natürlich sollten wir wiederverwendbare Taschen kaufen, natürlich sollen wir energieeffiziente Beleuchtung verwenden und nett zu Kröten sein, und Babypandabären finde ich persönlich auch ganz toll. Aber von den großen Umweltproblemen, mit denen wir zu kämpfen haben, dürfen wir uns davon nicht ablenken lassen.

Florian Aigner

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© Bild: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.
( futurezone ) Erstellt am 26.07.2016