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Meinung
04/28/2019

Wissenschaftlich korrekte Panik

Jeden Tag erklärt man uns, wovor wir jetzt wieder ganz dringend Angst haben sollen. Drei Grundregeln helfen, Panikpropaganda von echten Gefahren zu unterscheiden.

Das Leben ist lebensgefährlich. Die einen warnen vor Chemtrails und Handystrahlen, die anderen vor Pestizidrückständen und Feinstaub. Was sollen wir tun? Wir können uns nicht pausenlos fürchten, aber wir sollten auch nicht alle Warnungen ignorieren. Irgendwie müssen wir entscheiden, wovor wir sinnvollerweise Angst haben sollten.

Zuallererst sollten wir fragen: Ist das, wovor wir uns fürchten, überhaupt real? Das klingt banaler als es ist. Als Kinder haben wir uns in der Dunkelheit vor Monstern gefürchtet, heute redet man uns ein, dass dunkle Mächte aus Flugzeugen giftige Chemtrails über den Himmel sprühen. Das ist natürlich Unsinn. Grundregel eins: Wenn sich das Objekt unserer Angst gar nicht belegen lässt, ist jede Angst bloß Zeitverschwendung.

Doch meistens fürchten wir uns vor Sachen, die es wirklich gibt: Etwa vor Handystrahlen oder vor mikrowellengewärmter Nahrung. Mikrowellen sind real – aber wir kennen keinen Mechanismus, durch den sie unser Essen in etwas Ungesundes verwandeln können. Es gibt auch keine Studien über Krankheiten, die bei Mikrowellennutzern signifikant häufiger auftreten als bei anderen Leuten. Das bringt uns zu Grundregel zwei: Wenn man keine Verbindung zu schädlichen Auswirkungen nachweisen kann, sollten wir uns nicht fürchten.

Komplizierter wird es bei Dingen, die tatsächlich schädlich sein können: Pestizide sind ungesund, Dieselabgase sollte man nicht zum Spaß einatmen, radioaktive Strahlung hat schon viele Leute umgebracht. Das sind echte Gefahren – aber noch lange kein Anlass zu blinder Panik. Man muss immer die Dosis beachten.

Viele Leute übersehen diesen Punkt: „Die einzig akzeptable Dosis ist null!“, heißt es dann. Aber das ist ein Denkfehler. Eine Dosis von null ist fast immer unmöglich. Jeder Bioapfel enthält Pestizide, die er von Natur aus selbst produziert. Auch fernab jeder Zivilisation nimmt man mit jedem Atemzug schädliche Substanzen auf, weil sie nun mal in der Luft vorkommen, seit es die Atmosphäre gibt. Überall auf der Welt werden wir radioaktiv bestrahlt – vom natürlich radioaktiven Gestein unter uns, oder von kosmischer Strahlung aus dem Weltraum. Sich davor zu fürchten ist sinnlos.

Wir brauchen daher noch Grundregel drei: Wir sollten uns nicht vor etwas fürchten, wenn es harmloser ist als andere Dinge, die wir bedenkenlos akzeptieren. Wer aus Angst vor Dieselabgasen das Fenster nicht öffnet, und dann auf den Balkon rauchen geht, handelt irrational. Wer sich vor Glyphosat-Spuren im Bier fürchtet, obwohl es millionenfach mehr Alkohol enthält, der unvergleichlich viel gefährlicher ist, macht einen Fehler. Wer aus Angst vor Strahlung aus Fukushima japanische Nahrung meidet, sich aber bedenkenlos im Langstreckenflugzeug kosmischer Strahlung aussetzt, sollte seine Prioritäten überdenken.

Es wird immer schwierig sein, die Grenze zwischen gerade noch harmlosen und gerade schon gefährlichen Dingen zu ziehen. Aber wir sollten die Gefahren um uns wenigstens in die richtige Reihenfolge bringen und unsere Energie den größeren Gefahren widmen, anstatt uns vor Kleinigkeiten zu fürchten.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.