Florian Aigner warnt vor der Gefahr, dass die wirkungslose Alternativmedizin zur gefährlichen Alternative im Gesundheitssystem werden könnte

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Meinung
04/05/2016

Zauberei soll Luxus bleiben

Gesundheitsversorgung für alle, Alternativmedizin als teures Extra – damit kann man leben. Aber was, wenn sich das eines Tages umkehrt?

Alternativmedizin ist ein Massenmarkt. Der eine lässt sich für teures Geld Zaubersymbole aufs Gesicht malen, der andere lässt sich durch Räucherstäbchen seine Aura einrenken. Es ist leicht, darüber Witze zu machen, und das sollte man auch tun.

Im Großen und Ganzen kann man solche esoterischen Irrwitzigkeiten aber meistens eher entspannt sehen. Es gibt fanatische Anti-Esoteriker, die mit wütendem Zorn den Untergang des aufgeklärten Abendlandes verkünden, wenn das Leben nicht mit orthodoxer Wissenschaftlichkeit vollzogen wird. Das finde ich manchmal ähnlich anstrengend wie den esoterischen Unfug selbst.

Die moderne Medizin wird nicht beschädigt, nur weil Oma ihren Rheuma mit bunten Heilkristallen bekämpft. Die Ideale der Aufklärung werden nicht in den Dreck gezogen, wenn sich Onkel Harald seine Chakren reinigen lässt. Und wenn Tante Uschi homöopathische Globuli kauft, dann zahlt sie zwar einen abartig hohen Preis für reinen Zucker, aber andere Leute geben hunderte Euro für eine Flasche Whiskey aus, die sie im Blindtest auch nicht vom Billigprodukt unterscheiden könnten. Wozu also die Aufregung?

Die Leichtmetallfelge der Seele

Sehr oft ist wirkungslose Scheinmedizin einfach Geschäftemacherei. Sie ist eine Methode, wohlhabenden Leuten für wenig Gegenleistung ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie ist wie die Leichtmetallzierfelge am Auto. Kein Mensch kann wirklich erklären, wozu sie gut sein soll, aber irgendwie kauft es dann doch fast jeder. Man will ja nicht knausrig wirken.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich will esoterische Scheinmedizin nicht in Schutz nehmen. Sie kann dazu führen, dass gutgläubige Leute echte Medizin ablehnen; sie kann Kinder dazu erziehen, Symptome mit Zaubermittelchen zu bekämpfen anstatt Probleme zu lösen; sie fördert ein vorwissenschaftliches Weltbild, das die Menschen unkritischer, dümmer und manipulierbarer macht. Aber meistens handelt es sich dabei um Luxusartikel, um unnötig teure Placebotherapien, um Mittelchen, die gutverdienenden Halbbildungsbürgern aus den Bobo-Bezirken helfen, sich alternativ und weltoffen zu fühlen. Man leistet sich das als teures Zusatzextra zur tatsächlich wirksamen Medizin. Das ist nicht wirklich schlimm.

Was, wenn das Gesundheitssystem kippt?

Viel mehr Angst macht mir der Gedanke, dass sich das eines Tages umdrehen könnte. Was ist, wenn sich esoterische Alternativmedizin von der exzentrischen Spielerei von Besserverdienern zur letzten Hoffnung der Unterschicht wandelt? Wenn sich größere Teile der Bevölkerung eines Tages keine echte Gesundheitsversorgung mehr leisten können, wäre es doch bloß logisch und naheliegend, diese Lücke mit billigen Scheintherapien zu füllen. Ich bin sicher, die esoterische Medizin wird diese Marktlücke sofort zu füllen versuchen, wenn sie sich auftut.

Mir graut vor der Vorstellung, dass eines Tages jemand seufzend seine Kontoauszüge studiert, und sich dann für die Auramassage entscheiden muss, weil er sich die Chemotherapie finanziell nicht leisten kann. Esoterik mag lustig und harmlos wirken, wenn sie ein frei gewähltes Zusatzprogramm ist. Sollte unser Gesundheitssystem eines Tages kippen und unfinanzierbar werden, stünde sie als wirkungslose Beschwichtigungsmethode, als erlogene letzte Hoffnung, als billiges Opium für das finanzschwache Volk zur Verfügung. Das wäre eine Katastrophe.

Keine Zauberei auf Krankenschein!

Und genau aus diesem Grund finde ich es gar nicht lustig, wenn darüber diskutiert wird, Alternativheilmethoden von staatlichen Krankenkassen bezahlen zu lassen. Zunächst könnte man das als großzügige Zusatzleistung vermarkten. Aber die finanziellen Probleme des Gesundheitssystems werden wohl in Zukunft nicht kleiner. Und die Verlockung wäre irgendwann wohl groß, manche medizinischen Leistungen zu streichen – mit dem Hinweis, dass man ja ohnehin auf die Alternativmedizin zurückgreifen könne, die freundlicherweise allen Leuten gratis angeboten wird. Das ist ein Szenario, vor dem ich wirklich Angst habe.

Darum, liebe Alternativmediziner, bleibt bitte dabei, euren Schabernack an die luxusverwöhnte obere Mittelschicht zu verkaufen, die auch problemlos Zugang zu echter Medizin hat. Dort hält sich der Schaden in Grenzen. Eine Zweiklassenmedizin, in der man die untere Klasse mit Wirkungslosem abspeist und nur die obere für echte Heilung bezahlen kann, wäre Gift für unsere Gesellschaft. Nicht Gift für die Aura, nicht Gift in homöopathischer Hochpotenz, sondern echtes, richtig schädliches Gift.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.