Netzpolitik
07.05.2014

“Die Netzgemeinde sollte sterben”

Auf der re:publica wird auch Selbstkritik geübt: Viele Debatten würden zu theoretisch geführt, heißt es. Gleichzeitig sehen sich Aktivisten Anfeindungen ausgesetzt.

Was ist eigentlich die Netzgemeinde, wer ist die Netzgemeinde und wo findet sie überhaupt Gehör? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Bloggerin Yasmina Banaszczuk, die in ihrem Vortrag “Get real, Netzgemeinde” eingangs eine ernüchternde Bilanz zieht: “Was hat der Netzaktivismus nach der NSA-Affäre rückblickend erreicht? Eigentlich nichts”, sagt Banaszczuk. Außerhalb der Blase der sogenannten Netzgemeinde, mit deren Definition sich nicht nur die Vortragende schwer tut, seien die Themen so gut wie nicht existent. Der Thementransfer zur breiten Masse sei gescheitert.

Banaszczuk kritisiert eine zunehmende Elitenbildung innerhalb der Netzgemeinde, die sich nach ihren Beobachtungen überwiegend aus Aktivisten und Meinungsführern zusammensetzt. “Gruppen wie Social-Media-Berater werden zumeist nur belächelt. Warum? Weil sie damit Geld verdienen.” Und selbst aus der relativ kleinen Gruppe jener, die sich im weitesten Sinne zu der Netzgemeinde zählen, kämen immer wieder nur eine handvoll halbwegs bekannter Personen zu Wort, die dann auf großen Bühnen stünden oder in Talkshows eingeladen würden. “Hauptsächlich sind das mittelalte weiße Männer”, kritisiert die Bloggerin, die dabei auch auf Personen wie Sascha Lobo verweist.

“Es ist eine lächerlich geringe Zahl der gesamten Internetnutzer, die überhaupt zu Wort kommt”, sagt Banaszczuk. “Eigentlich sollte die Netzgemeinde sterben.”

Zu theoretisch

Die Diskussionen würden viel zu theoretisch geführt und mitunter auch zu selbstmitleidig. Große Gruppen von Menschen, ganze Milieus werden laut Banaszczuk ausgeklammert. Abgesehen davon, dass es noch immer eine sehr große digitale Kluft gebe - im Jahr 2012 waren noch 27 Millionen Deutsche ohne Internet (Zugang und Nutzung) - stehe man auch vor dem Problem der Spaltung innerhalb der Internetnutzer.

Zu alt

Bereiche wie die äußerst lukrativen Fashion Blogs oder ganze Subkulturen der “Generation YouTube” werden laut der Bloggerin überhaupt nicht in den netzpolitischen Debatten einbezogen. Dabei würden gerade die ein sehr viel größeres Publikum erreichen und finden auch Gehör bei großen und mächtigen Konzernen.

“In Wahrheit sind wir einfach schon zu alt”, meint Banaszczuk, die sich selbst von der Kritik nicht ausnehmen möchte. “Es stimmt nicht, dass die Jugend eine Generation ist, die nur noch Selfies macht und sich für nichts mehr interessiert.” Man habe nur den Blick auf diese Menschen aus den Augen verloren bzw. interessiere sich innerhalb der ominösen Netzgemeinde gar nicht dafür. “Die Netzgemeinde muss sich öffnen und sie braucht konkrete Forderungen.”

Aktivisten-Burnout

Kritisch zeigt sich auch Teresa Bücker, die sich als freie Autorin mit Themen der digitalen Gesellschaft befasst und unter anderem Vorträge zu Feminismus und Netzpolitik hält. In ihrem Vortrag “Burnout & Broken Comment Culture” verweist Bücker auf die Herausforderungen und Probleme, mit denen Netzaktivismus zu kämpfen hat. “Aktivismus muss inklusiver werden und offen sein für neue Perspektiven.” Man müsse die sozialen Bewegungen von innen stärken.

Bücker warnt vor der Homogenität in den Gruppen, die sich für etwas engagieren, weil sie andersdenke Menschen, die vielleicht auch für die selbe Sache eintreten wollen, sehr schnell ausschließen. Oft führen gesellschaftliche Konventionen und Normen auch dazu, dass sich die Aktivisten in Selbstzensur üben und viele Dinge erst gar nicht aussprechen, weil sie die Reaktionen darauf fürchten.

Verbale Gewalt

Dass es im Netz zu verbaler Gewalt, Anfeindungen, Stalking und Diffamierungen kommt, ist nicht neu - allein der Blick in viele Foren von Zeitungen genügt oft. Bestimmte Gruppen, die sich im Netz engagieren, etwa wenn es um Feminismus geht, sehen sich mitunter solcher Aggression ausgesetzt, dass viele eingeschüchtert aufgeben. Das Resultat ist, dass die Communitys auseinander brechen und sich jene, die für eine Sache eintreten, aufgrund des zunehmenden Drucks und den Gewalterfahrungen zurückziehen.

“Virtuelle Verletzungen sind reale Verletzungen”, sagt Bücker. “Reaktionen im Netz bewirken Gefühle.” Überhaupt müsse man vond em Klischee wegkommen, Onlineaktivismus sei kein echter Aktivismus. “Wir haben nur ein echtes Leben, das unterscheidet nicht mehr zwischen Online- und analoger Welt.”