Netzpolitik
24.01.2018

Forscher: Rolle von Social Bots wird überbewertet

Der Datenwissenschaftler Michael Kreil hat anhand von Twitter-Profilen analysiert, wie „Meinungsroboter“ agieren – und festgestellt, dass es weniger gibt als gedacht.

Gibt es wirklich einen „Angriff von Meinungsrobotern“, die wie „echte Internetnutzer“ agieren, wie von Medien und Forschung behauptet? Oftmals ist davon zu lesen, dass Menschen derartige Bots nicht erkennen und dadurch manipuliert werden. Datenjournalist Michael Kreil hat genau das untersucht und seine Ergebnisse unter anderem am Chaos Communication Congress (#34c3) in Leipzig präsentiert.

Gekaufte Bots analysiert

Kreil hat für seine Forschung etwa selbst 4500 Social Bots auf Twitter gekauft. Er wollte damit rausfinden, wie sich ein „typischer Bot“ verhält. Merkmale könnten hier etwa die Metadatenanalyse liefern. Diese zeigt etwa, wenn ein Bot lediglich einen „Ei“-Avatar hat anstelle eines eigenen Profilbildes, oder keine genaueren Angaben zum Ort macht. „Das sind aber alles nur Indizienbeweise. Wenn man anfängt, sich hinzusetzen und da nachzuforschen kommt man schnell ins Grübeln.

Jegliche Bot-Erscheinung könnte auch menschlich erklärbar und jedes menschliche Verhalten könnte auch eine hochintelligente Künstliche Intelligenz sein“, erklärt Kreil in seinem Vortrag. Als Konsequenz seiner Analyse auf selbst gekauften Bots, schließt der Datenjournalist: „Ich habe keine politisch aktiven Social-Bot-Netzwerke auf Twitter gefunden. Entweder es gibt sie nicht, oder ich bin zu blöd“, so seine Schlussfolgerung.

Studienvergleich zur US-Wahl

Als weitere Konsequenz hat Kreil sich auch Studien von Forschern angesehen, die sich auf wissenschaftlicher Ebene mit Social Bots, etwa bei US-Wahlen, befasst haben. Dabei hat er festgestellt, dass offenbar die simple Zahl von 50 Tweets pro Tag mit bestimmten Hashtags wie #Trump #Clinton oder #Election als Kriterium herangezogen wurde, um einen Twitter-Account als „Bot“ einzustufen. „Warum gerade 50 und nicht 30 oder 100? Gilt das als Kriterium für alle Länder? Kann man das ungefragt für Deutschland übernehmen?“

Kreil hat sich daraufhin selbst die Accounts in den USA, die am Tag der Wahl unter dem Hashtag #ElectionDay getwittert hatten, angesehen und dabei Erstaunliches festgestellt: Es waren lediglich zwölf Accounts, die am Wahltag unter dem Hashtag am meisten getwittert haben und die von einer der Studien als Bot eingeordnet worden waren. „Einer davon hat Links zu Reddit getwittert, hatte aber kaum Einfluss. Ein anderer der Accounts war Trump-Unterstützer, aber kein Bot. Dann gab es mit AveHurley noch einen Account einer Oma aus Brooklyn und einen japanischen Studenten, den Account einer Journalistin die für ihre Redaktion live getwittert hatte und einen Satire-Account“, sagte Kreil. Ein Zusammenhang zwischen Social Bots und Meinungsmanipulation lässt sich aus den Ergebnissen nicht herstellen.

Wenig Beweise

Unter den Twitter-Accounts befanden sich daher einerseits zwei Bots mit automatisierter Nachrichtenveröffentlichung ohne großen Impact und eine Gruppe von Menschen, die an der politischen Diskussion teilgenommen hatten. In der Debatte um Social Bots sei viel Meinung unterwegs, aber wenig Beweise, so Kreil.

„Social Bots machen nur einen kleinen Prozentsatz aus“, so Kreil, der deshalb fordert: „Wir müssen uns tiefer damit auseinandersetzen. Es sind meiner Meinung nach wissenschaftliche Anfangsfehler gemacht worden.“ Der Datenjournalist fordert Wissenschaftler dazu auf, ihre eingesetzte Methodik zu überprüfen und auch die Studien von Kollegen in dem Feld zu hinterfragen.

Datenanalyse zur AT-Wahl

Kreils Feststellungen, dass nur wenige Accounts (in dem Fall Menschen) besonders aktiv in sozialen Medien sind und ihre Meinung ausdrücken, decken sich auch mit den jüngsten Datenanalysen von mokant.at. Das Portal hat untersucht, wie viele Menschen in Österreich vor der Wahl auf Facebook im digitalen Wahlkampf partizipiert hatten. Dazu wurden Kommentare auf rund 40 Facebook-Seiten, die im Wahlkampf von bedeuten waren, von August bis Oktober 2017 ausgewertet. Dabei wurde festgestellt: Die Mehrheit diskutierte gar nicht mit. In Prozent ausgedrückt heißt dies: Von allen, die kommentiert haben, waren zwei Prozent der User für 49 Prozent der Kommentare verantwortlich.

Bei den zwei Prozent handelte es sich um User, die 50 oder mehr Kommentare auf den untersuchten Facebook-Seiten gepostet haben. Womit wieder die Zahl „50“ ins Spiel kommt. „Hier ist gerade eine neue Wissenschaft im Entstehen. Ich empfehle allen, Datenanalyse und Geisteswissenschaften miteinander zu verbinden“, sagt Kreil.