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Netzpolitik
02/21/2011

Inside Wikileaks lässt viele Fragen offen

Daniel Domscheit-Bergs Wikileaks-Beichte ist erschienen und dank ihr wird vor allem eines klar: Die Whistleblower-Plattform Wikileaks lebte weniger vom technischen oder analytischen Know-How der Macher, sondern vor allem von ihrer Chuzpe. Eine Kritik von Christiane Schulzki-Haddouti.

Wikileaks war von Anfang an ein Hack, der sich um keine Regeln scherte und von Julian Assange ins Leben gerufen wurde, ohne sich eines juristischen Beistands zu vergewissern. Das war wohl auch erst einmal nicht nötig, da die „Stärke gegenüber den klassischen Medien“ auf dem Anonymitätsprinzip beruht, wie Domscheit-Berg in seinem kürzlich erschienenen Buch analysiert.

„Für einstweilige Verfügungen gab es bei Wikileaks nicht einmal einen Empfänger,“ schreibt Domscheit-Berg. Außerdem wurde die Domain wikileaks.org in Kalifornien registriert, womit das liberale US-Recht zur Anwendung kam. Dank John Youngs Pionierarbeit war bekannt, dass die amerikanische Rechtsprechung recht robust ist.

Das Zwei-Mann-Unternehmen

Nachdem Daniel Domscheit-Berg sich mit Julian Assange zusammengetan hatte, bestand Wikileaks lange Zeit nur aus den beiden sowie zwei Technikern, die namentlich nicht genannt werden. Domscheit-Berg und Assange jedenfalls waren es, welche die Veröffentlichung der Dokumente der Julius-Bär-Bank in die Wege leiteten und damit für einen weltweiten medialen Super-Kickoff sorgten.

Nach nur wenigen Tagen der Prüfung luden sie Daten auf die Website hoch - und versahen sie mit den Erklärungen des Einreichers selbst. Die Julius-Bär-Unterlagen landeten übrigens nur deshalb bei Wikileaks, weil der Informant keine Journalisten finden konnte, die über das Material berichten wollten. Es hätte durchaus kundige Experten gegeben, die jedoch Zweifel an einer seriösen Auswertung geäußert hatten.

Dass der daraufhin von der Bank in den USA angestrengte Rechtsstreit für Wikileaks gut ausging, ist vielleicht einfach Glück gewesen. Dabei gab es jedoch auch ein Opfer: Ein deutscher Architekt, der ein Jahr lang mit der falschen Anschuldigung des Finanzbetrugs leben musste. Laut Domscheit-Berg soll er der Einzige gewesen sein, der jemals fälschlich von Wikileaks beschuldigt wurde. Doch dieser Recherche-Lapsus, der auf das Konto des Einreichers ging, war für Assange wie Domscheit-Berg kein Grund zur Reflexion. Jetzt ging es erst richtig los: Immer mehr Dokumente wurden veröffentlicht - auf einer völlig veralteten, wackligen Serverstruktur.

„Komplizierte“ Technik
Über die Technik, die die Anonymität garantieren sollte, schweigt sich der Techniker Domscheit-Berg auffällig aus. Nur kurz zählt er einige Sicherungsmaßnahmen auf, führt sie aber nicht weiter aus. Da sind die ebenfalls erst erschienenen Berichte der Journalisten vom Guardian und Spiegel um Längen ausführlicher. Journalisten unterstellt Domscheit-Berg in seinem Buch dennoch „zu wenig Ahnung“ zu haben. Seine Strategie als Wikileaks-Sprecher war es, technische Hintergründe „so kompliziert wie möglich zu erklären“, bis diese „ermattet“ aufgaben.

Wenig beruhigend für auf Sicherheit bedachte Whistleblower sind denn auch seine wiederholten Schilderungen einer „schrottreifen Infrastruktur“, die erst im Laufe des Jahres 2009 von einem Techniker namens „Architekt“ auf Vordermann gebracht wurde. Dieser verließ kurz nach Domscheit-Berg ebenfalls das Projekt und nahm dabei all seine technischen Verbesserungen wieder mit. Dazu gehörte auch das Submisssion-System samt der eingereichten Dokumente, die Domscheit-Berg selbst nicht veröffentlichen will und Assange erst dann wieder überlassen möchte, wenn dieser eine sichere Infrastruktur wiederhergestellt hat.

Journalisten als „zähnefletschende Hunde“

Interessant ist auch das durchaus widersprüchliche Verhältnis zu den Journalisten. Sie werden meist negativ beschrieben, als Nutznießer, eitel, nervend oder Nutznießer, die die Exklusivität von Geschichten einfordern wie „Hunde, die zähnefletschend ihren Knochen verteidigen“.

So sollen es bei den „Afghan War Diaries“ die New York Times, der Guardian und der Spiegel gewesen sein, die Kooperationen mit anderen Medien und Journalisten verhindert hatten. Domscheit-Berg erwähnt zwar, dass Wikileaks auch von Journalisten genutzt wurde, um damit das rechtliche Risiko zu vermindern, das mit dem Zitieren vertraulicher und geheimer Unterlagen einhergeht. Doch er übersieht geflissentlich, dass Wikileaks ganz wesentlich von der analytischen Leistung der Journalisten lebte.
 
Auffällig wird dies beispielsweise an der Toll-Collect-Geschichte. Domscheit-Berg hatte auf einer prominenten Erwähnung im "Stern" beharrt, die dieser auf wenig zufriedenstellende Weise gewährte. Enttäuscht war er wohl vor allem weil die Geschichte nicht den gewünschten Knall-Effekt hatte. Unter den Tisch fällt bei seiner Schilderung, dass die Kooperation mit dem Stern und dem IT-Journalisten Detlef Borchers einer der ersten Versuche von Wikileaks war, mit Journalisten und Medien zusammenzuarbeiten, weil gerade die Analyse des Materials wichtig war.
 
Crowd-Sourcing-Effekt bleibt aus

Borchers hatte sich bei der Analyse der umfangreichen Dokumente einen Crowd-Sourcing-Effekt erhofft. Letztendlich blieb die Arbeit an ihm hängen. Mit vier Freiwilligen aus dem Heise-Umfeld durchstöberte er das umfangreiche Material und veröffentlichte in Folge fünf Meldungen im Heise-Ticker.

Borchers gibt heute unumwunden zu: „Was ich damals nicht als ernstes Problem realisiert hatte, war, dass Wikileaks ein Zwei-Mann-Unternehmen war. Und wenn man sich die proppenvolle CD mit den Mautverträgen anguckst, dann wird im Nachhinein schnell klar, dass Daniel und Julian dieses Konvolut nicht oder nur sehr oberflächig auf Metaspuren vom Whistleblower untersucht haben können und eine große Portion Leichtsinnigkeit im Spiel war.“ Borchers hatte hingegen Wikileaks für eine Kerntruppe von 30 bis 50 Leuten mit einem großen Haufen Freiwilliger gehalten. Echte Zweifel kamen ihm erst später.

Später wurde Wikileaks in eigener Sache zum Lügner: 50.000 Dollar soll die Arbeit am „Collateral Murder“-Videos gekostet haben. Julian Assange behauptete, dass die Entschlüsselung des Videos viel Arbeit verursacht hätte. Doch nötig war laut Domscheit Berg lediglich die Eingabe eines mitgelieferten Passworts.

In der Personality-Falle

Der Anspruch von Wikileaks war aber ja immer auch der gewesen, eine alternative Medienorganisation aufzubauen, die die "alten Medien" in den Schatten stellen sollte. Es war wohl dieser größenwahnsinnige Kick, der den Blick auf die mediale Realität versperrte. Diese ist in der Regel von klassischen Nachrichtenfaktoren wie Aktualität und Prominenz bestimmt.

Wikileaks hätte genau diese Medienmechanismen durchbrechen können. Doch die Entwicklung des Jahres 2010 zeigte, dass die Plattform nunmehr selbst auf diese Faktoren setzte. Bezeichnend dafür ist auch, dass Assange wie Domscheit-Berg jetzt in der Personality-Falle sitzen. Die Auswertung der Dokumente hingegen ist zum größten Teil gar nicht möglich, weil sie aufgrund Machtstreitigkeiten nicht mehr verfügbar sind oder weil sie Medienhäusern exklusiv überlassen wurden. Das alternative Medienprojekt ist an dieser Stelle gescheitert.

Kein Wort über „das chinesische Paket“

Detlef Borchers hat in seiner Rezension des Spiegel-Buchs „Staatsfeind Wikileaks“ schon auf die geheimnisvolle Gründungsgeschichte hingewiesen, die wohl nur Julian Assange wirklich erzählen kann. Man darf gespannt sein, wie er das Thema in seiner Autobiografie behandelt, die im April erscheinen wird. Bei Domscheit-Berg jedenfalls findet sich darüber kein Wort. Über eine Million Dokumente soll Wikileaks schon zu Gründungszeiten gehabt haben.

Versetzt man sich in die Gründerfigur, ist das Ausgangsproblem ganz klar: Wie soll man potenzielle Whistleblower davon überzeugen, Dokumente auf eine bislang unbekannte Plattform zu laden, wenn noch gar kein Vertrauen aufgebaut ist? Wie sollte man dieses Vertrauen denn gewinnen? Als Einzelkämpfer? Mit einem nicht-existenten Advisory Board? Eigentlich wirksam nur mit einem Effizienzbeweis, mit Arbeitsproben.

Fader Beigeschmack

Dass diese nun angeblich aus einem chinesischen Hackangriff stammen, der über einen amerikanischen Tor-Server geleitet wurde und dort abgegriffen wurde, hat mehr als nur einen faden Beigeschmack. Es war der Hack eines Hacks. Aber er korrumpierte die gesamte Szene, die hinter der Idee von Wikileaks stand. Man kann als Tor-Betreiber nicht vorgeben, private Daten zu schützen - und diese dann für eigene Zwecke verwenden.

Nicht zuletzt die nicht endenden Streitereien um die Spendengelder zeigen, dass das Projekt von Anfang an unsauber aufgesetzt war. Befeuert von der großen Idee der informationsanarchistischen Aufklärung und einer gehörigen Portion Eitelkeit wurde es von keinen Regeln -  auch keiner Hacker-Moral – getragen. Und genau aus diesem Grund musste es auch irgendwann in schwere Bredouille kommen.  

Whistleblower als Randfiguren

Bezeichnend ist auch, dass die Macher sich außerhalb der isländischen Freihafen-Idee nie wirklich um rechtliche Whistleblower-Fragen gekümmert haben. Zwar widmet Domscheit-Berg sein Buch „all jenen, die viel riskiert haben, um die Welt transparenter und gerechter zu machen“, den Geheimnisverrätern. Er selbst allerdings thematisiert die Whistleblower in seinem Kapitel über Bradley Manning nur am Rande. So schreibt er treffend: „Viele gute Artikel und Berichte zu den Leaks wurden weniger wahrgenommen als die persönlichen Verstrickungen der Beteiligten.“ Doch genau dies passiert auch in seinem eigenen Buch.

Guido Strack, Vorsitzender des Kölner Whistleblower-Netzwerks, fragt sich denn auch nach der Lektüre des Buchs: „Wo sind die Antworten auf die Frage, welche Geheimhaltung sinnvoll ist? Wo steht, dass es immer möglich sein muss, staatliche Stellen über Rechtsbrüche zu informieren. Dass es möglich sein muss sich an die Öffentlichkeit zu wenden, wenn diese dennoch untätig bleiben. Dass eine Rechtsordnung ihren Bruch nicht als Geheimnis schützen darf. Dass Demokratie weitestgehende Transparenz des Handelns aller öffentlicher Gewalt bedarf und diese heute in Form von Open Data und Open Government und nicht nur – aber auch – durch Informationsfreiheitsgesetze zu realisieren ist.“

Unklare Entscheidungsstrukturen

Ein Hauptproblem von Wikileaks, das schreibt Domscheit-Berg an mehreren Stellen, waren unklare Entscheidungsstrukturen. Assange meist stellte die Regeln auf, und änderte sie nach Gutdünken immer wieder. Die isländische Kooperation scheiterte ebenfalls – am Streit darum, ob Julian Assange sich angesichts der Ermittlungen der schwedischen Staatsanwaltschaft als Sprecher nicht für eine Weile zurücknehmen sollte. Allerdings bekundete Domscheit-Berg auch den Willen, diese wieder aufgreifen zu wollen.

Es bleibt eigentlich nur ein Gutes: Wikileaks hat der Welt gezeigt, wie wertvoll Transparenz und Offenheit für die Gesellschaft sind. Und wie gefährlich es für die werden kann, die Menschen das Recht zur Meinungsfreiheit kategorisch beschneiden wollen. Im Unternehmen, in einer Organisation, in einer Gesellschaft. Es bleibt zu hoffen, dass die Beteiligten nun ihre Lehren ziehen – und das Leaking nachhaltig und regelrecht etablieren.