Netzpolitik
23.05.2018

"Regierungen sollen wie Unternehmen denken"

Beim GovTech.Pioneers hat Investor und Keynote-Speaker Tim Draper seine Visionen über eine technologiegetriebene Zukunft präsentiert. Nicht allen gefällt dies.

Der US-Venture-Capital-Investor Tim Draper eröffnete die Keynote des Gov.Tech-Pioneers Festival am Mittwoch mit einem Aufruf an Regierungen, wie Unternehmen zu denken, um künftig im Wettbewerb mit anderen Regierungen zu bestehen. Er selbst sei Estlands dritter Bürger mit einer e-Identität gewesen. Seine Vision: Künftig werden sich Bürger aussuchen können, wo sie ihren virtuellen Wohnsitz haben.

Zukunftstechnologien wie Bitcoin, Blockchain in Kombination mit sogenannten „smarten Verträgen“ sowie künstlicher Intelligenz werden aus der Sicht von Draper die Zukunft und die Rolle und Aufgaben eines Staates massiv verändern und beeinflussen. Währungssysteme und Krankenversorgung ließen sich in Zukunft dezentral über die Blockchain verwalten. „Wenn wir Bitcoin, Blockchain mit Smart Contracts und künstlicher Intelligenz kombinieren, könnten wir die perfekte Bürokratie schaffen“, so die Vorstellung von Draper.

Medizin und AI

Pharma-Unternehmen, die nur eine Pille für alles als Lösung anbieten, hätten dann ebenfalls ausgedient. Stattdessen verfolgt eine künstliche Intelligenz genau, wo sich ein Bürger in den letzten Tagen aufgehalten hat und diagnostiziert: „Er hat nur eine Erkältung aus Jamaika mitgebracht, das ist nichts Ernstes“.

Die passende Medizin wird dann ebenfalls bereitgestellt. Dabei sollen alle Daten miteinander verknüpft werden und dem Bürger Empfehlungen oder Warnungen gesendet werden. Über sogenannte „Smart Contracts“ kann die Versicherung informiert, oder gar die medizinische Versorgung abgewickelt werden.

Faire Algorithmen

Künstliche Intelligenz sei fair und transparent, so die Vorstellung von Drapers, der deswegen auch keinerlei „ethische Bedenken“ oder Gefahren im Einsatz neuer Technologien sieht. Im Gegenteil: Er selbst habe argentinische Bitcoin-Investoren dabei unterstützt, an ihre Zukunft zu glauben. „Die haben mir erzählt, dass ihre Familien bereits dreimal alles verloren hatten, was sie besaßen. Dann haben sie in Bitcoin investiert.“ Das war freilich vor dem Absturz der virtuellen Währung gewesen, von dem hier bisher nicht gesprochen wurde.

Für die Gov.Tech-Pioneers-Speakerin Julia Kloiber, Mozilla Fellow und Co-Gründerin des „Prototype Fund“ der Open Knowledge Foundation in Deutschland, ist Drapers Ansatz der eines „alten, weißen Mann, der überlegt, was die Zukunft ausmacht“. Stattdessen müsse man viele Stimme involvieren, wie sie im Gespräch mit der futurezone erklärt. „Das ist der Kern, an dem es hakt.“ Es sei für Regierungen sicher der falsche Weg, sich ausschließlich von Technologie treiben zu lassen oder wie ein Unternehmen zu denken.

Kritik: "Nicht wie ein Business denken"

„Wenn man als Regierung an die Zukunft denkt, sollte man sollte sich nicht so stark auf Technologie fokussieren, sondern zuerst einmal fragen, was die Problemstellungen sind, die man damit lösen kann. Ansonsten entwickelt man Tools, die Bürger vielleicht gar nicht brauchen“, so Kloiber. Anders als bei Start-ups und der dazugehörigen Culture gehe es bei einem Staat nicht um ein „möglichst rasches Buy-out“, also den Verkauf der entwickelten Lösung zum höchstmöglichen Preis, sondern um Nachhaltigkeit für Bürger.

„Ein Staatsapparat wird von Steuergeldern finanziert. Der sollte den Bürgern dienen und deren Interessen. Da kann man nicht wie bei einem Produkt denken. Es ist außerdem überheblich, zu denken, dass man alles aus der Start-up-Welt auf alle Bereiche umlegen kann, vor allem, wenn es um Demokratie oder Mitsprache der vielen geht“, so Kloiber.

Partizipation statt Diktatur

Wenn man als Staat die Devise „der Markt wird es schon richten“ verfolgt, so Kloiber, werde es bald keinen öffentlichen Nahverkehr mehr geben, weil sich plötzlich nur noch Dienste wie Uber durchsetzen. „Der Markt richtet es nur für einige wenige, das sieht man oft genug.“

Für Kloiber ermöglicht der Einsatz neuer Technologien im Bereich Government im „Idealfall“, dass viele Leute mitmachen, Input geben und es ausprobieren. „Fortschritt ist nicht schlecht, aber man darf nicht blauäugig herangehen oder die Anwender vergessen. Stattdessen sollten wir Leute befähigen, und sie nicht weiter abschotten.“

 

Das GovTech. Pioneers findet noch den ganzen Tag im Wiener Palais Wertheim statt. Die futurezone ist Medienpartner.