© Werner Boote

Alles unter Kontrolle

Werner Boote: "Wer die Daten hat, hat die Macht"

Der Dokumentar-Filmemacher Werner Boote begab sich in den vergangenen vier Jahren auf den Weg rund um den Globus, um die „schöne neue“ Welt der totalen Kontrolle zu erkunden. Mit seinem bisher bekanntesten Dokumentarfilm „Plastic Planet“ (2009) gewann er die „Goldene Romy“ in der Kategorie „Bester Kinodokumentarfilm“. Vier Jahre später hat er in „Population Boom“ (2013) mit dem Mythos der Überbevölkerung aufgeräumt. Nun erscheint am 25.12. sein neuer Film über die Selbstverständlichkeit der Überwachung. Mit dem neuen Werk „Alles unter Kontrolle“ will Boote einmal mehr aufrütteln und die Menschen zu Handlungen bewegen. Die futurezone traf den Filmemacher zum Interview.

futurezone: Wie sind Sie auf die Idee für den Film gekommen?
Werner Boote: Durch den Kinoerfolg von Plastic Planet und Population Boom war ich mit einem wachsenden Interesse an meiner Privatperson konfrontiert. Menschen wollten wissen, was ich denke, ob ich verheiratet bin, wo ich wohne. Es hat mich irrsinnig geärgert, dass man dies im Netz herausfinden konnte. Ich habe dann die Firma angeschrieben, dass sie die Adresse rausnehmen sollen, aber die hat meine Anfrage einfach völlig ignoriert.

Was passierte dann?
Ich habe so eine Machtlosigkeit gespürt, dass mit meinen Daten etwas gemacht wird, das mir nicht recht ist. Ich fand es außerdem irrsinnig arg zu sehen, dass andere Leute da irrsinnig viel Geld scheffeln mit meinen Daten. Dann habe ich mir angesehen, in welche Bereiche das geht und das ist am Ende das, was ich mit dem Film dann eigentlich sagen will: Wer die Daten hat, hat die Macht.

Sie haben sich machtlos gefühlt. Aber sind wir das nicht alle, auch trotz ihres Filmes?
Bei "Plastic Planet" haben auch zuerst alle gesagt, dass man nichts gegen das Plastik tun kann. Aber dann sind Leute losgezogen, die haben dagegen gekämpft, die haben Gesetze verändert. Menschen haben ihr Verhalten geändert, Firmen haben neue Produkte auf den Markt bringen müssen, als Reaktion auf diese Verhaltensänderung. Auch wenn alle sagen, dass man als Einzelner nichts machen kann: Das stimmt einfach nicht.

http://www.allesunterkontrolle.at/
Das heißt, es ist auch dieses Mal Ihr Anspruch, die Menschen mit Ihrem Film zum Umdenken zu bewegen?
Genau. Ich freue mich am meisten, wenn jemand meinen Film einen „Call-to-Action“-Film nennt, weil das ist das, was „Plastic Planet“ auch war. Das ist genau das, was ich machen will. Meine Hoffnung ist, dass auch nach „Alles unter Kontrolle“ viele Menschen draufkommen, das sie etwas tun können.

Was zum Beispiel?
Sich vielleicht einmal die Allgemeinen Geschäftsbedingungen durchlesen, bevor sie zustimmen. Oder sich die Ortungsdienste ihrer Smartphones genauer anschauen und deaktivieren. Durch eine allgemeine Aufmerksamkeit kann man wieder mehr Daten unter Kontrolle bekommen. Ich will einer breiten Öffentlichkeit einen Schub geben, sich anzuschauen, was sie alles hergeben, ohne davon zu wissen.

Menschen sollen also ihre eigenen Daten zurückerobern – und diese auch selbst verkaufen können?
So wie der Wahlberater von US-Präsident Obama, Harper Reed, im Film sagt – es ist ein Deal. Nur im Moment ist der Deal, dass wir uns nicht bewusst sind, was unsere Daten eigentlich wert sind. Leute im Supermarkt freuen sich, wenn sie mit ihrer Kundenkarte etwas um 50 Cent billiger kriegen, kommen aber nicht auf die Idee, dass der Supermarkt vielleicht dadurch auch einen Mehrwert und einen Profit hat – etwa durch Einsparungen im Logistik-Bereich. Wir müssen verstehen, wieviel Wert unsere Daten haben und sie dann zurückerobern.

Wie genau soll das Ihrer Meinung nach funktionieren?
Es gibt nicht eine Lösung, sondern das kann nur sehr vielschichtig funktionieren. Ich bin beruflich etwa noch immer auf Facebook und Twitter, aber ich verzichte auf Kredit- und Bankomatkarten. Das glaubt mir keiner, aber ich lebe ganz gut ohne. Ich bestelle auch nichts online – glaubt auch kaum jemand. Wen geht es außerdem was an, wenn ich im Cafe Eiles eine Melange trinke? Die Ortungsdienste am iPhone sind abgedreht. Auch die Geschäftsbedingungen lese ich mir durch. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was zu weit geht. Warum muss eine Sport-App Zugriff auf mein ganzes Netzwerk haben? Das ist völlig pervers.

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Man kann aber, wenn man einen Dienst am Smartphone nutzen will, nur entweder zustimmen oder es lassen.
Derzeit ja, aber wenn alle Leute ein bisschen mehr überlegen, dass die eigenen Daten viel wert sind werden sich die App-Programmierer sich auch etwas Anderes überlegen müssen. Die brauchen ja die User. Nur durch eine breite, öffentliche Aufmerksamkeit, werden solche schamlosen Apps in ihre Schranken gewiesen und in eine bessere Richtung gezwungen. Das wäre mein Wunsch. Und wenn das im Mainstream angekommen ist, wird auch die Politik reagieren.

Was ist Ihrer Meinung nach das größere Problem: Der Staat, der immer mehr Überwachungsbefugnisse möchte, oder die Firmen?
Es ist eine Kombination aus beiden. Die Firmen, die in immer mehr Bereiche eindringen und der Staat, der immer mehr Zugang hat. Was sagen Sie?

Es ist beides heikel, wobei das mit dem Staat langfristig noch gefährlicher ist, weil es demokratiepolitisch relevant werden könnte.
Die Frage ist, wie sich das Machtgefälle Staat und Wirtschaft langfristig entwickelt. Was ich arg finde, ist, dass der Staat in so vielen Sachen hinten nach hinkt und die Industrie ist so viele Schritte voraus ist. Dann wird jahrelang überlegt, wie man dem regulierend entgegen treten könnte. Es ist daher ganz wichtig, dass eine öffentliche Aufklärung passiert. Was futurezone als Beispiel eh schon lange tut. Es muss einfach jeden interessieren, der einen Computer hat oder ein Handy.

Das wird sich mit den Generationen hoffentlich verändern, bessern. Derzeit hat Überwachung aber wieder einen extrem guten Ruf in der Bevölkerung. Nach den jüngsten Terror-Attacken in Paris haben 70 Prozent der vom KURIER befragten Österreicher gesagt, sie hätten nichts gegen eine Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung in Österreich. Das ist das klassische „Wir wollen mehr Überwachung“.
Das ist das klassische „wir haben keine Ahnung“….

Scheinbar ist nach Terror-Attacken immer Angst in der Bevölkerung da.
Angst wird sofort ausgenützt. Aber ja, die Angst ist da. Ich glaube aber, das ist ebenfalls eine Aufklärungsfrage. Desto mehr die Menschen wissen, was mit ihren Daten passieren kann, desto differenzierter können Regulierungen diskutiert werden. Wenn alle darüber informiert werden, dass die Geheimdienste von 9/11 auch nur übers Fernsehen erfahren haben, kommen sie vielleicht drauf, dass es doch nicht die richtige Lösung ist, sich die totale Überwachung zu wünschen. Ist es das, was man will? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein normal denkender Mensch sich die totale Überwachung wünscht – so dumm kann doch gar niemand sein.

Sollte man meinen, ja..
Das muss man eh differenziert sehen – je informierter die Menschen sind, desto schwieriger tun sich dann Politikerinnen und Politiker damit, etwas daherzureden, wo ich mir denke, ich muss den Kopf in den Fernseher reinstecken. Ich glaube, User-freundliche Filme wie „Alles unter Kontrolle“ können ein kleiner Schritt sein, um die öffentliche Aufmerksamkeit in diese Richtung zu lenken, weil jeder seinen Weg finden kann, um damit umzugehen.

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Was war bei Ihren Recherchen zu „Alles unter Kontrolle“ das, was Sie am meisten schockiert hat?
Es war eine lange Reise. Ich bin seit vier Jahren mit dem Film beschäftigt, vor zwei Jahren habe ich die Förderung bekommen, lustigerweise einen Monat vor den Snowden-Enthüllungen. In den vier Jahren gab es schon Sachen, wo ich mir dachte : Oh mein Gott. Aber generell ist es so, dass ich die ganze Zeit versuche, Leute zu treffen, die mir so arge Momente bescheren. Das ist das, warum ich Filme machen so liebe. Man wird jedes Mal aufs neue überrascht.

Sie haben im Zuge Ihrer Recherchen auch diverse Auskunftsbegehren über Ihre Person gestellt. So fanden Sie heraus, dass sie in Österreich als „archivierwürdig“ eingestuft werden. Wie fühlt man sich da als Filmemacher?
Als ich mir von den österreichischen Behörden alle Daten ausheben habe lassen, die es von mir gibt, habe ich mich schon gewundert, dass da gestanden ist, dass ich als archivierwürdig eingestuft und als Aktivist kategorisiert bin. Ich bin nichts anderes als ein Filmemacher, der journalistisch arbeitet.

Sie werden öfters mit Michael Moore verglichen. Für Sie eine Ehre oder eher eine Last?
Ich habe kein Problem damit. Ich finde, er hat es geschafft, auf unterhaltsame Art und Weise Dokumentarfilme in den Mainstream zu bringen. So gesehen finde ich es ok, nur meine Herangehensweise ans Filmemachen ist eine andere. Ich habe das Gefühl, dass Michael Moore ein Thema nimmt und seine Meinung dem Film aufdrängt. Er tut alles, um diese Meinung zu untermauern. Ich hingegen falle in ein Thema hinein, das ich einfach interessiert, und schaue, wo es mich hinbringt.

Das hängt oft von den Interviewpartnern ab und ich lerne mit jedem Gespräch dazu. Die Stimme im Film von der persönlichen Sprachassistentin, die kam beispielsweise erst am Ende im Schneideraum dazu – als nicht fassbares Konstrukt von Macht. Das ist schon meine große Achtung, die ich vor der künstlichen Intelligenz habe, die auf alle unsere Daten zugreift.

"Alles unter Kontrolle" von Werner Boote ist ab 25. Dezember im Kino zu sehen.

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Barbara Wimmer

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