Netzpolitik
01.10.2018

Wie WWW-Erfinder Berners-Lee Facebook das Wasser abgraben will

Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, hat mit Inrupt ein Start-up gegründet, mit dem er die Online-Welt verändern will.

1989, als der britische Informatiker die Grundidee für das „World Wide Web“ entworfen hatte, konnte man noch nicht ahnen, wohin sich die Online-Welt einmal entwickeln würde. Das Web ist jetzt durchkommerzialisiert und in den Händen einiger weniger Digital-Monopolisten. Daten sind die neue Währung und Millionen von Menschen nutzen Dienste der „großen Drei“: Facebook, Google oder Amazon. Diese befinden sich im Ranking nicht umsonst unter den fünf wertvollsten Marken der Welt.

"Das Netz, das viele vor Jahren verwendet haben, ist nicht mehr vergleichbar mit dem, was neue Nutzer heute vorfinden. Was einst ein reichhaltiges Angebot an Blogs und Webseiten war, ist unter dem Gewicht von ein paar mächtigen Plattformen komprimiert worden“, erklärt Berners-Lee auf der Webseite seines neuen Start-ups Inrupt. Dieses hat er zusammen mit seinem Geschäftspartner John Bruce gegründet, um die Online-Welt wieder zu einem digitalen Schauplatz zu machen, in dem einzelne Nutzer wieder die Kontrolle über ihre Daten erhalten.

Business-Partner

Bruce hat, bevor er mit Berners-Lee Inrupt gegründet hat, bereits mehrere Start-ups geleitet, die jeweils im Anschluss von großen Firmen aufgekauft worden waren. Eines davon war Resilient, ein Start-up für Cybersicherheit, das von IBM übernommen wurde. Im Laufe des Herbstes wollen die beiden nun mit potenziellen Investoren reden, damit diese noch mehr Mitarbeiter und Entwickler einstellen können. Inrupt beginnt mit seiner Arbeit nicht bei Null.

Berners-Lee hat am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits im Rahmen eines Forschungsprojekts Vorarbeit geleistet. Seit rund zwei Jahren entwickelt er dort Solid (Social Linked Data), eine neue Plattform, mit der Nutzer die Kontrolle über ihre Daten zurückbekommen sollen. Seit neun Monaten nimmt Berners-Lee nun ein Sabbatical, um an dem Projekt Vollzeit weiterzuarbeiten. „Das Start-up haben wir jetzt gegründet, um dem Projekt einem Rahmen zu begeben und es mit Infrastruktur und Energie zu füllen“, so Berners-Lee.

Kontrolle über die Daten

Die Basis-Idee des britischen Informatikers ist rasch erklärt: Internet-Nutzer sollen eine Plattform bekommen, über die sie ihre bisherigen Aktivitäten im Netz durchführen können, aber ohne, dass Unternehmen wie Google oder Facebook automatisch ebenfalls Zugriff auf diese Daten bekommen. Das betrifft etwa das Abrufen eines Online-Kalenders, das Streamen von Musik, das Schreiben von E-Mails oder Nachrichten oder das Sichern von Daten. Die Daten werden dabei dezentral gespeichert und befinden sich nicht in der Hand der großen Konzerne. Bernes-Lee nennt diese Entwicklung „Pod“ und Nutzer können selbst entscheiden, mit wem sie diese Daten in ihren Pods teilen. „Damit sollen Menschen wieder die Macht über ihre eigenen Informationen im Web zurückerlangen“, erklärt der Informatiker.

Ein Pod ist ein "Personal Online Data Store", also ein Daten-Safe, der auf ausgewählte Inhalte Lese- und Schreibrechte gewährt. Das umfasst die üblichen Social-Web-Funktionen wie Gefällt Mir, das Teilen oder Kommentieren sowie die Einbindung in Social Feeds durch Dritt-Apps. Eingebaute Funktionen wie Adressbuch, Chat, Kalender, Dokumente, Links, Mehrbenutzer-Notizbuch und Online-Meeting ermöglichen Zusammenarbeit.

Es ist nicht der erste Versuch mit einer dezentralen Lösung die Marktmacht von Online-Giganten wie Facebook oder Google zu durchbrechen. Das soziale Netzwerk „Diaspora“ etwa ist etwa gescheitert, weil es von den Nutzern nicht angenommen worden war. Doch Berners-Lee hält den Zeitpunkt für den Start von Inrupt für „perfekt“. Facebook sei seit dem jüngsten Datenskandal rund um Cambridge Analytica in Bedrängnis geraten, so der Informatiker. In Europa wird zudem gerade darüber diskutiert, wie man die Marktmacht des Online-Riesen Einhalt gebieten kann.

Aufruf an Entwickler

„Einen besseren Zeitpunkt für den Start von Inrupt gibt es nicht“, so Berners-Lee, der Hacker und Entwickler dazu aufruft, sich Inrupt genauer anzusehen. „Viel wird davon abhängen, wie viele innovative Köpfe sich an dem Open-Source-Projekt beteiligen werden und ihre eigenen Ideen einfließen lassen. Ich baue sehr stark darauf, dass es uns gelingen wird. Denn Entwickler waren schon immer kreativ, wenn es um Lösungen für Probleme geht.“ Die Giganten Facebook, Google oder Amazon will Berners-Lee nicht um Erlaubnis fragen, ob er das Web noch einmal nach seinen Vorstellungen umbauen darf.