Netzpolitik
12.03.2017

WWW-Erfinder warnt vor Fake News

Tim Berners-Lee warnt zum 28. Geburtstag des World Wide Web in einem offenen Brief vor Datenkraken, Falschinformationen und gezielter politischer Online-Werbung.

Am 12. März 1989 reichte Tim Berners-Lee beim CERN in Genf einen Vorschlag zum besseren Informationsmanagement ein, aus dem später das World Wide Web hervorgehen sollte. 28 Jahre später mahnt der WWW-Erfinder in einem offenen Brief zu mehr Datenschutz und zu strikterer Regulierung politischer Werbung im Web.

„Ist das demokratisch?“

Politische Kampagnen könnten heute auf einen prall gefüllten Pool persönlicher Daten zugreifen und würden ihn dazu verwenden, um Nutzer mit individuell zugeschnittenen Botschaften anzusprechen. Bis zu 50.000 Variationen von Online-Werbungen seien etwa im US-Wahlkampf täglich auf Facebook ausgespielt worden. Nutzer seien durch die Online-Werbung mit Falschinformationen gefüttert und vom Wählen abgehalten worden, schreibt Berners-Lee unter Verweis auf die Trump-Kampagne, die mithilfe der Datenanalysefirma Cambridge Analytica aus Online-Daten destillierte Persönlichkeitsprofile für fragwürdiges politisches Direkt-Marketing genutzt haben soll. Gezielte Werbung erlaube es, völlig unterschiedliche oft auch einander widersprechende Botschaften an unterschiedliche Gruppen zu senden, kritisiert Berners-Lee: „Ist das demokratisch?“

Viele Leute würden sich im Web ausschließlich über eine Handvoll Social-Media-Sites informieren, konstatiert Berners-Lee. Was sie dort zu sehen bekommen, werden von Algorithmen auf Basis ihrer persönlichen Vorlieben ausgewählt. Falschinformationen könnten sich auf diese Weise wie ein Lauffeuer verbreiten und für politische und finanzielle Zwecke missbraucht werden.

„Kontrolle über Daten verloren“

„Wir haben die Kontrolle über unsere persönlichen Daten verloren“, konstatiert der WWW-Erfinder. Das Geschäftsmodell vieler Websites sehe den Tausch persönlicher Daten gegen deren Dienste vor. Unsere Daten würden dann in „proprietären Silos“ gespeichert und an Dritte ohne unser Wissen weitergegeben.

Die Datensammlung durch diese Unternehmen führe auch zu Begehrlichkeiten von Regierungen und Behörden, die ebenfalls Zugriff auf diese Daten wollen und ihn sich über „extreme Gesetze“ auch beschaffen würden. Das führe nicht nur zu mehr Überwachung, sondern auch zu Einschränkungen der freien Rede. Viele Leute würden davor zurückschrecken, sich über sensible Themen, wie Gesundheit, Sexualität oder Religion im Web zu informieren.

Lösungen für diese Probleme zu finden, sei nicht einfach, merkt Berners-Lee an. Es brauche neue technische Möglichkeiten, mit denen Nutzer wieder in die Lage versetzt werden, ihre Daten zu kontrollieren. Gatekeeper wie Facebook und Google müssten verstärkt dazu angehalten werden, die Verbreitung von Fake News einzudämmen, fordert Berners-Lee. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass eine zentrale Stelle darüber entscheide, was wahr oder falsch sei. Daneben brauche es auch Transparenz über den Einsatz von Algorithmen und eine Regulierung politischer Werbung im Netz.

"Viele Versprechen erfüllt"

Das Web habe viele seiner Versprechen erfüllt und erlaube es allen, Informationen zu teilen und über geographische und kulturelle Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Er habe vielleicht das World Wide Web erfunden, schreibt Berners-Lee. Ohne die Blogs, Tweets, Fotos, Videos, Apps und Webseiten von Millionen von Menschen wäre es aber nicht das, was es heute ist. Nun sei es wichtig, sich gemeinsam den Herausforderungen zu stellen, die überbordende Datensammlungen, Fake-News und intransparente politische Werbung für die Offenheit des Netzes stellen.