Netzpolitik 04.04.2018

YouTube-Schießerei: Twitter-User machen 20 Unschuldige zu Schützen

© Bild: AP / Jeff Chiu

Twitter entpuppt sich einmal mehr die Speerspitze der Falschmeldungen. Auch das Konto eines YouTube-Mitarbeiters wurde gehackt.

Die Schießerei bei YouTube zeigt wieder, wie problematisch soziale Netzwerke bei solchen Ereignissen sein können. Weil jeder möglichst rasch Informationen haben will, nutzen das einige User aus, um wissentlich Falschinformationen zu verbreiten.

Obwohl alle großen Unternehmen versprochen haben, mehr gegen Hoax und Fake News vorzugehen, scheint es schlimmer als besser zu werden. Aktuell wurden über 20 Personen fälschlicherweise verdächtigt, der Schütze im YouTube-Hauptquartier gewesen zu sein. Bei der Schießerei in Parkland, Florida, im Februar, waren es „nur“ fünf. Die angeblichen Motive der Schützen reichen von Religion über Hass auf den YouTube-Algorithmus bis zu Eifersuchts-Dramen.

Twitter bevorzugt

Wenn es um das Verbreiten von Falschinformationen geht, ist Twitter die erste Wahl. Das liegt daran, dass der Kurznachrichtendienst den Ruf hat, die erste Informationsquelle für aktuelle Ereignisse zu sein. In der Vergangenheit war es oft Twitter, auf dem Augenzeugen und Betroffene nahezu live berichteten, was gerade vorgeht.

Medien, die zu diesem Zeitpunkt kaum oder gar keine Informationen zum Geschehen haben, greifen das gerne auf, um als erste „Breaking News“ zu haben. Und viele Twitter-User, die entsetzt, schockiert oder sonst wie berührt von dem sind, was gerade vorgeht, teilen die aktuellen Berichte oft ohne sie zu hinterfragen.

Account von YouTube-Mitarbeiter gehackt

Auch bei der Schießerei in der YouTube-Firmenzentrale war es Twitter, auf dem der Vorfall öffentlich bekannt wurde. Der YouTube-Mitarbeiter Vadim Lavrusik schrieb auf Twitter, dass ein Schütze im Gebäude sei. Er habe Schüsse gehört und sich mit Kollegen in einem Zimmer verbarrikadiert. Danach wurde sein verifiziertes Twitter-Konto gehackt. Die Hacker posteten damit Nachrichten wie „Ich kann meinen Freund nicht mehr finden, ich habe ihn während der Schießerei verloren!“ und „Ehrlich, mein Name ist so schwul.“

Nach User-Beschwerden wurden die Tweets gelöscht. Sogar Twitter-CEO Jack Dorsey meldete sich dazu kurz zu Wort („wir sind dran“). Trotzdem tauchten mehrfach erneut Tweets von den Hackern auf, die wieder kurze Zeit danach von Twitter gelöscht wurden.

Mehr als 20 falsche Schützen

Während ein gehackter Account als „Einzelfall“ abgetan werden kann, sind die zahlreichen Falschmeldungen ein größeres Problem. Über 20 Personen wurden fälschlicherweise als Schützen genannt. Jane Lytvynenko hat auf ihrem Twitter-Konto viele davon gesammelt und veröffentlicht, um aufzuklären.

Sogar sie selbst wurde zur Schützin gemacht. Vermutlich von denen, die andere Fake News in die Welt gesetzt haben und nicht einverstanden sind, dass Lytvynenko die Falschmeldungen aufdeckt. Auch andere, bekannte „Debunker“, die schon bei der Parkland-Schießerei Falschmeldungen aufdeckten, wurden als Racheaktion zu den Schützen erklärt.

Motivation

Die Motivation der Personen, die während solcher tragischen Ereignisse Falschmeldungen verbreiten, sind verschieden. Einige machen sich einen Spaß daraus. Für die Community des Portals 4chan etwa ist es ein Running Gag, dass der Comedian Sam Hyde als Schütze verbreitet wird.

Andere versuchen mit Fake News einfach nur Aufmerksamkeit zu generieren, Internet-Persönlichkeiten einen Streich zu spielen oder politisch Stimmung zu machen. Mehrere rechtsorientierte Medien berichteten von einer muslimischen Frau mit Kopftuch, die vermutlich im Zuge eines Diversity-Programms bei YouTube angestellt war. Das Ganze passierte auch in die andere Richtung. So wurden mehrere Frauen, die sich öffentlich für Waffenbesitz und die Republikaner aussprechen, als Schützinnen genannt.

Ein paar Mal wurde auf Twitter berichtet, dass eine Waffenfanatikerin um sich geschossen hat. Das kolportierte Motiv: Dass YouTube strengere Regeln bezüglich Waffen-Videos eingeführt hat. Andere Motive, die im Laufe der vergangenen Stunden genannt wurden: Die Schützin war eifersüchtig und wollte ihren Freund töten; sie wollte sich dafür rächen, dass YouTube islamistische Videos gelöscht hat; und ein YouTuber ist durchgedreht, weil YouTube nicht genug gegen Trolle und Hass-Postings bei seinen Videos unternommen hat bzw. die Reichweite für die geposteten Videos reduziert hat.

Geld verdienen mit Fake News

Ein finanzieller Hintergrund ist bei vielen der Hoax-Meldungen auf Twitter nicht erkennbar. Falschmeldungen mit Links zu Websites, die dann mit Werbung Geld verdienen, sind üblicherweise auf Facebook zu finden. Da auf Facebook oft Werbung für mehrere Tage oder Wochen für die Fake News geschaltet wird, damit mehr User diese sehen, werden meist keine aktuellen Ereignisse herangezogen.

Weil die Schießerei in der YouTube-Zentrale stattgefunden hat, hat Facebook jetzt aber einen kleinen Sonderstatus bei den Falschmeldern. Da YouTube selbst betroffen ist, wird die Plattform aktiv gegen Hoax-Videos zu diesem Thema vorgehen. Deshalb weichen viele auf Facebook aus, um die Hoax-Videos dort zu verbreiten. Aktuell gibt es dort etwa Verschwörungsvideos, laut denen die Schießerei von der Regierung inszeniert wurde.

Die Rache der Trolle

Dass es aktuell viel mehr Falschmeldungen bei diesem Ereignis gibt als bei früheren, liegt daran, dass YouTube direkt als Konzern betroffen ist. Es gibt kaum einen aktiven YouTuber, der sich nicht schon mal über die Plattform beschwert hat. Dadurch lässt sich vielen von ihnen ein Motiv für die Tat andichten.

Zudem polarisiert so gut wie jeder YouTuber. Jeder hat Feinde und Trolle. Einige davon nutzten die Gelegenheit, um den YouTubern eins auszuwischen. Unter den sozialen Netzen gilt YouTube bei Forschern als das mit der feindseligsten Umgebung. Es hat den größten Anteil an Hasskommentaren und Beleidigungen, ua. aufgrund der Art, wie Kommentare gereiht und angezeigt werden und weil viele YouTuber keine Moderatoren für ihre Kommentare haben.

Maßnahmen

Laut Twitter beobachte und verfolge man die kursierenden Fake News derzeit würde Maßnahmen ergreifen, wenn diese gegen die Richtlinien verstoßen. Tatsächlich wurden in den Stunden nach der YouTube-Schießerei Tweets gelöscht und einige Accounts gesperrt.

Aufgrund der Größe des Netzwerks und der Charakteristik wird das aber nicht ausreichen, um die Flut an Falschmeldungen zu verhindern. Bei der nächsten Tragödie wird Twitter wieder die Plattform Nummer eins sein, mit der Trolle ihre Falschmeldungen verbreiten und damit möglicherweise Unschuldige in Gefahr bringen und sie dem Hass des Netzes aussetzen.

( futurezone ) Erstellt am 04.04.2018