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Experiment

Das Ende des klassischen Schulbuchs

„Als ich erfahren habe, dass es technisch möglich ist, individuelle Schulbücher zu drucken, habe ich mich sofort dafür interessiert“, erzählt Michael Lemberger, Chef des Bildungsverlags Lemberger, im Gespräch mit der futurezone. Der Bildungsverlag ist einer der ersten in Österreich, der Lehrern die Möglichkeit bietet, zusätzliche Seiten in Schulbücher einzubinden. „Das ist auch in kleiner Auflage möglich. Wenn jemand 15 Stück bestellt, kann er ein Buch inklusive erweiterten Seiten zum selben Preis beziehen wie ein klassisches Schulbuch, von dem man normalerweise zigtausend Stück machen lässt“, sagt Lemberger.

Optisch kein Unterschied

Morawa
Optisch sieht das Schulbuch dabei wie jedes Großserien-Buch aus, obwohl es digital gedruckt wird. „Es ist kein Unterschied zu anderen Büchern erkennbar“, erklärt Lemberger. Das Einbauen von Übungen und besonderen Themen im Schulbuch kann dabei nicht nur der individuellen Leistungsverbesserung dienen, sondern auch organisatorische Vorteile aufweisen. „Man kann auch auf regionale Interessen und Schwerpunkte eingehen, es ermöglicht Flexibilität“, sagt Lemberger. So müssen Extrablätter, die früher oder später meist von den Schülern verlegt werden, nicht immer wieder kopiert werden."

Neben dem Bildungsverlag Lemberger unterstützt unter anderem auch der Österreichische Bundesverlag Schulbuch (ÖBV) die neue Möglichkeit des individuellen Schulbuchs. Laut einer ÖBV-Studie, bei der rund 2000 Lehrer befragt wurden, wünschen sich 84 Prozent der Lehrer mehr Eingriffsmöglichkeiten in die Erstellung von Lehrbüchern. 94 Prozent der Lehrer gaben an, dass sie „gerne bis vielleicht“ Schulbücher über eine Verlags-Online-Plattform individuell zusammenstellen würden. Beim Bildungsverlag Lemberger ist dies seit Herbst 2014 möglich.

Es rechnet sich

Doch wie kann es sein, dass so ein individualisierter Druck gleich viel kostet wie ein herkömmliches Massenschulbuch? „Obwohl es ein erweitertes Schulbuch ist, läuft dieses Buch außerhalb der Schulbuchaktion. Das bedeutet in dem Fall außerhalb des Handels, weil das Produkt direkt von der Druckerei myMorawa bezogen wird. Es wird anders kalkuliert", erklärt Lemberger: "Bei Printprodukt habe ich normalerweise 50 Prozent Fixkosten, plus Lager und Buchhandelsrabatt. Diese 50 Prozent fallen weg. Die Produktion ist teurer als bei der normalen Schulbuchaktion, aber trotzdem geht sich das kalkulatorisch aus."

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Der Nachteil für die Eltern: Weil es nicht Teil der österreichischen Schulbuchaktion ist, bei der Kindern bestimmte Schulbücher unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, müssen die Eltern das Buch selbst bezahlen - es kostet dann gleich viel wie das Schulbuch gekostet hätte, wenn es nicht Teil der Schulbuchaktion ist.

So funktioniert es

Lehrer haben prinzipiell aber immer die Möglichkeit, das Schulbuch, das sie für ihre Klasse am besten halten, zu bestellen. Das heißt, sie dürfen die Unterrichtsmittel selbst auswählen und bestellen. In vielen Schulen wird nur "der Einfachheit halber", also aus logistischen Gründen, alles von einer Stelle aus bestellt. Eine Kundenbestellung des Lehrers auf der Website des Verlegers löst eine direkte Bestellung bei myMorawa aus. Die Bücher werden dabei direkt bei myMorawa gedruckt, denn Morawa ging im März diesen Jahres auch unter die Drucker und hat sich einen Vollfarb-Inkjet Canon CS 3700 Drucker angeschafft. Im 14. Wiener Gemeindebezirk wurde eine digitale Druckstraße eingerichtet. Bereits drei Wochen nach Aufbau der Anlage wurden die ersten Aufträge abgewickelt.

Digitaldruck bei myMorawa

Jetzt wird in der Halle bereits für sieben bis acht Schulbuchverleger gedruckt. „Wir verzeichnen dreistellige Zahlen im Buchbereich und sind mit den Auflagen sehr zufrieden“, erzählt Patrick André, CEO von myMorawa. Geliefert werden kann dank des direkten Zugangs zur digitalen Buchstraße bereits binnen zwei bis drei Tagen. „Die Zeiten, als der digitale Druck schlechtere Qualität geliefert hat als der Offset-Druck, sind vorbei“, so André. Neben Schulbüchern werden bei myMorawa auch Self-Publishing-Bücher gedruckt. Mit der Inkjet-Technologie von Canon können insgesamt 1700 A4-Seiten pro Minute produziert werden.

Peter Saak, Geschäftsführer von Canon Austria, betont gegenüber der futurezone, dass das Unternehmen myMorawa nicht nur mit der Technik ausgestattet, sondern auch Know-How zur Verfügung gestellt habe. "Als kundenorientiertes Unternehmen hat sich Canon dazu verpflichtet, Kunden beim Geschäftswachstum und der Entwicklung von fünf neuen Geschäftsideen zu unterstützen", so Saak, der auch die Idee des individuellen Schulbuchs begrüßt.

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Gedrucktes Buch nicht überholt

Doch ist das gedruckte Schulbuch überhaupt noch zeitgemäß, wo es doch vermehrt digitale Lernmittel gibt? „Wir haben beides. Wir bieten digitale Inhalte und Bücher an und haben bei zahlreichen Produkten eine Verlinkung im Buch integriert, wo man über Schnittstellen zu Online-Inhalten kommt. Das erweiterte Schulbuch wird gut angenommen und es passiert auch ganz viel in diesem Bereich. Aber ich glaube nicht, dass die Schulbücher in ein paar Jahren nicht mehr auf Papier verfügbar sein werden, weil das greifbare Medium irrsinnig viele Vorteile hat“, sagt Lemberger.

Der Zugang zum Internet in Schulen ist laut Lemberger noch nicht sehr weit vorangeschritten. „Ich kenne viele Schulen, wo praktisch nichts funktioniert, oder die Schule sich über sechs Internet-Zugänge für Lehrer, Schulwart, Bibliothek und PC-Räume freut. Da müsste man viel Geld in die Hand nehmen“, sagt Lemberger. „Mit Printprodukten werden wir noch zigtausende Schüler versorgen.“

Nicht Teil der Schulbuchaktion

Ob sich noch mehr Verlage für das individuelle Schulbuch begeistern können, wird sich zeigen. Für viele Verlage ist es auch deshalb eine interessante Alternative, weil sich Schulbücher in der Schulbuchaktion erst bei rund 10.000 bis 15.000 Stück rechnen. „Das schaffen viele gar nicht“, sagt Lemberger. Dass das individuelle Schulbuch Teil der Schulbuchaktion werde, sei ausgeschlossen. „Es müsste jede individuelle Seite bewilligt werden. Das ist unrealistisch und zerstört den Gedanken, schnell und individuell Inhalte hinzuzufügen.“

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