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11.11.2015

Fairphone 2: "Telefone sind leider komplexer als Bananen"

Das Fairphone 2 will laut Firmengründer van Abel mit fairen Produktionsbedingungen und guter Reparierbarkeit punkten. Österreichisches Know-how ist mit an Bord.

Zehn Sekunden. Gerade mal so lange dauert es, um das Display des Fairphone 2 ohne Schraubenzieher auszuwechseln. Auch alle anderen Verschleißteile, wie Lade-Anschlüsse, Kopfhörer-Ausgang, Kamera, Batterie und Gehäuse lassen sich mit wenigen Handgriffen austauschen. "Die modulare Bauweise war ein wesentlicher Aspekt bei der Entwicklung des zweiten Fairphones. Wenn Menschen ihre Mobiltelefone nicht mehr nur zwei Jahre, sondern vier Jahre und mehr nutzen würden, wäre schon vieles in punkto Nachhaltigkeit erreicht", erklärte Fairphone-Gründer und CEO Bas van Abel bei der Produkt-Präsentation in Wien.

Modulares System

Das Modularsystem soll die leichte Reparierbarkeit gewährleisten und so die Lebensdauer des Telefons entscheidend verlängern. Angedacht ist zudem, dass gewisse Komponenten wie die Kamera oder auch das Back-Cover in Zukunft mit leistungsstärkeren Bauteilen upgegradet werden können. Neben einer besseren Kamera kann das Telefon etwa auch mit einer smarten Rückseite versehen werden, über die das Gerät induktiv geladen werden kann.

"Wenn man es schaffen wollte, ein 100 Prozent faires Telefon zu produzieren, müsste man wohl alle Probleme der Welt lösen und Weltfrieden schaffen. Die Prozesse für fair produzierte Lebensmitteln kann man zudem nicht auf Elektronik umlegen, da Smartphones nun mal um ein vielfaches komplexer als Bananen sind", sagt Abel im Gespräch mit der futurezone. Ungeachtet dessen solle man sich aber nicht entmutigen lassen. "Die Nachfrage nach fairerer Elektronik ist da. Die Macht der Konsumenten ist nicht zu unterschätzen. Je mehr Leute solche Produkte wollen und auch kaufen, desto höher wird der Druck auf etablierte Hersteller", ist Abel überzeugt.

Faires Know-how aus Österreich

Neben den Bemühungen, dass die für Fairphone 2 verwendeten Konfliktrohstoffe wie Zinn, Tantal und Wolfram nicht aus Minen stammen, die indirekt den Bürgerkrieg in der Region finanzieren oder ihre Arbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen abbauen lassen, soll dieses Mal auch das Gold aus Minen mit fairen Produktionsbedingungen stammen. Um das Unterfangen in die Tat umzusetzen, konnte Fairphone den österreichischen Leiterplattenhersteller AT&S als Partner gewinnen, der alle Fairphone 2 ausstattet und das Gold für die Leiterplatten benötigt.

"Wir stehen kurz davor, Fairtrade-Gold in der Elektronikindustrie einzusetzen. Das ist eine echte Premiere und ein wichtiger Schritt in Richtung fairere Elektronik", sagt AT&S-CEO Andreas Gerstenmayer. Natürlich sei die Verarbeitung von fair produziertem Gold nur ein kleiner Schritt. Andererseits sei es wichtig, irgendwo anzufangen und sich von den komplexen Lieferketten nicht abhalten zu lassen. "Es geht darum zu zeigen, dass es möglich ist und andere Hersteller ebenfalls für die Sache zu begeistern", unterstreicht Gerstenmayer die Vorbildwirkung von Fairphone und AT&S in dem Bereich.

Fair nicht unbedingt teurer

AT&S habe seit jeher auch in den Produktionsanlagen auf die Etablierung europäischer Umwelt- und Arbeitsstandards gesetzt und den Energie- und Ressourcenverbrauch minimiert. "Vor einem Jahrzehnt hat man uns dafür noch belächelt, heute sind diese Maßnahmen ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil, da das Verschwenden von Ressourcen entsprechende Kosten verursacht", sagt Gerstenmayer.

Dem AT&S-CEO zufolge müsse ein fairer produziertes Gerät auch nicht zwangsläufig teurer sein. "Natürlich ist der gesamte Prozess etwas aufwändiger, gerade wenn man die Lieferkette von der Mine bis zur Verarbeitung in Fabriken transparent gestalten und überall Standards einhalten will. Würden allerdings alle Hersteller auf eine fairere Produktion umsteigen, gibt es naturgemäß wieder Möglichkeiten zu optimieren - der Kostenanstieg für die Produktion eines Endproduktes ist aus Kundensicht vermutlich vernachlässigbar", sagt Gerstenmayer zur futurezone.

Ausstattung des Fairphone 2

Dass das Fairphone 2 mit 525 Euro etwa 200 Euro teurer als das Vorgängermodell ist, begründet Fairphone-Gründer Bas van Abel mit den hochwertigeren Komponenten, die im Nachfolger verbaut wurden. "Wir wollten sichergehen, dass das Telefon von seiner Ausstattung her einen langen Lebenszyklus unterstützt", sagt van Abel. Das Smartphone verfügt über ein 5-Zoll-Full-HD-Display mit Gorilla-Glas. Neben 32 GB internem Speicher ist ein Qualcomm-Snapdragon-801-Prozessor mit 2GB RAM verbaut. Ein Micro-SD-Slot zur Speichererweiterung ist ebenso verbaut wie ein Dual-SIM-Slot, um das Gerät mit zwei SIM-Karten (praktisch für Auslandsreisen) zu benutzen.

Bei der Auslieferung kommt das Gerät mit vorinstalliertem Android 5.1 (Lollipop). An einem Update auf Android 6 werde bereits gearbeitet. Um die Software auf dem neuesten Stand zu halten, hofft Fairphone auch auf die Community, welcher der Source-Code für das eigene System zur Verfügung gestellt wird. Neben der Weiterentwicklung der Android-Version soll es auch Portierungen auf alternative Betriebssysteme wie FirefoxOS, Jolla und Ubuntu geben, versprach van Abel.

Fairphone 2 bei T-Mobile?

Neben der Bestellung des Telefons über die eigene Fairphone-Webseite könnte das Smartphone auch über neue Vertriebspartner im Handel erhältlich sein. Die Auslieferung der ersten Geräte soll im Dezember starten. In Österreich zeigt unter anderem der Mobilfunker T-Mobile Interesse daran, das Gerät seinen Kunden anzubieten. Dazu müsste vermutlich auch die deutsche Konzernmutter von der Idee überzeugt werden. Aus Produktionssicht orten die Fairphone-Macher kein Problem. "Durch die geschaffenen Produktions-Voraussetzungen können wir auch eine halbe Million Geräte im Jahr fertigen", sagt Abel. Bislang waren 140.000 verkaufte Geräte pro Jahr das erklärte Ziel der Fairphone-Macher.

In Österreich sowie dem gesamten deutschsprachigen Raum war das Interesse am Fairphone schon bisher überdurchschnittlich. Die Idee, mit dem österreichischen Hersteller AT&S zusammenzuarbeiten, sei letztlich sogar aus der Community selbst heraus gekommen, verrät van Abel. Bei den futurezone Awards, die kommende Woche in Wien vergeben wird, ist das Fairphone 2 in der Kategorie Green Environment, powered by Fujitsu einer der drei Finalisten.