iOS 7 auf dem iPad

© Martin Stepanek

Apple
09/18/2013

iOS 7 im Test: Braves Design-Update ohne große Neuerungen

Am Mittwoch liefert Apple sein großes Betriebssystem-Update iOS 7 für iPhone, iPad und iPod Touch aus. Die futurezone konnte die finale Version von iOS 7 bereits testen.

von Martin Stepanek

Mehr als sechs Jahre nach der Einführung des ersten iPhones unterzieht Apple sein mobiles Betriebssystem dem ersten großen Design-Relaunch seiner Geschichte. Dass iOS bis zum heutigen Tag an der Oberfläche praktisch unverändert im Einsatz war und dabei kaum gealtert ist, spricht für das bahnbrechende und stimmige Konzept des Ur-iPhones. Unter der Federführung von Chefdesigner Jonathan Ive, der bisher ausschließlich für das Hardware-Design zuständig war, wurde iOS 7 nun grundlegend überarbeitet.

Seit der ersten Beta sind zwar einige Monate vergangen, rückblickend betrachtet war diese Vorabversion allerdings schon recht aussagekräftig, was die Veränderungen betrifft (zum futurezone-Bericht). Die finale iOS-7-Version, die bereits seit einigen Tagen im Netz kursiert, haben wir auf einem aktuellen iPad 4 und einem iPhone 4, das gerade noch in den Genuss des Updates kommt, getestet. Wir wollten nicht zuletzt überprüfen, inwiefern sich das Update in der Praxis auch auf einem älteren Gerät schlägt – frühere Updates haben hier immer wieder für Performance-Probleme bei früheren Modellen gesorgt.

Vorbereitungen

Vor dem Update, das hierzulande für die Abendstunden (19.00) erwartet wurde, sollte man zunächst sicher gehen, dass man über ein aktuelles Backup seines iPhones, iPads oder iPod Touchs verfügt. Dies kann entweder lokal über iTunes und den eigenen Computer erfolgen oder über Apples Online-Dienst iCloud. Wenn man über iCloud speichert, lohnt es sich auf dem Gerät nachzuschauen, welche Inhalte von Apps tatsächlich gespeichert werden.

Über iTunes gekaufte Apps und Medieninhalte lassen sich leicht mit dem eigenen Account wiederherstellen – wurden aber eigene Bilder, Videodateien, oder ähnliches auf das iOS-Gerät importiert oder in einer App erstellt, sollte überprüft werden, ob diese auch in der iCloud gespeichert werden. Am einfachsten geht das direkt über den iCloud-Menüpunkt in den „Einstellungen“ auf dem jeweiligen iOS-Gerät. Um zur detaillierten Apps-Ansicht zu gelangen, muss man sich leider ein wenig durchhanteln, man findet den besagten Unterpunkt unter „Speicher & Backup“, „Speicher verwalten“. Standardmäßig sollte iCloud aber alle in Apps erzeugten Daten speichern, sofern die Programme dies unterstützen und man einzelne Apps nicht manuell deaktiviert hat.

Wer sichergehen möchte, dass das über ein Gigabyte große Update nicht über seine mobile Datenverbindung, sondern über WLAN stattfindet, kann in den „Einstellungen“ auf dem Gerät unter dem Punkt „iTunes und App Store“ prüfen, ob der Punkt „Mobile Daten verwenden“ deaktiviert ist. Alternativ kann man das Update natürlich auch über iTunes, das ebenfalls eine Aktualisierung erhalten wird, am Computer herunterladen und so das Upgrade des Geräts vornehmen. Laut Studien wickeln bereits 30 Prozent der iOS-User ihre Updates über das mobile Netz ab – ob das weltweite Update auf iOS 7 wirklich für Netzprobleme sorgen wird, wie einige Betreiber im Vorfeld vermutet haben dürfte sich in den Abendstunden und im Laufe des Donnerstags zeigen.

iOS 7 läuft stabil und akkuschonend

Viele Änderungen hat die futurezone bereits imBeta-Testausführlich besprochen. Nach einigen Tagen intensiver Nutzung verschiedener Geräte-Generationen lässt sich zusammenfassend sagen, dass Apple ein großteils konsistentes Update vorgelegt hat, das für langjährige iOS-Nutzer zunächst ungewohnt erscheint, aber auch einige praktische Neuerungen bietet. Grobe Software-Bugs sind beim Testen nicht aufgefallen, das System läuft sehr stabil und beeinträchtigte selbst auf dem drei Jahre alten iPhone 4 die Akkuleistung nicht im Geringsten.

Was die Flüssigkeit beim Scrollen und Blättern betrifft, muss das iPhone 4 den neuen Design-Funktionen und Animationen ein wenig Tribut zollen. Ganz leichte Ruckler und Verzögerungen beeinträchtigen das User-Erlebnis kaum, könnten im einen oder anderen Szenario aber spürbar sein. Wie in der Vergangenheit sind beim älteren Gerät nicht alle neuen Funktionen und Design-Spielereien von iOS 7 übernommen. Beim neuen iPad funktionierte alles wie gewohnt schnell – auch der dort eingeführte minimale 3D-Effekt im Home-Screen sorgt für keinerlei Performance-Einbußen beim Wechseln zwischen den Homescreen-Ansichten.

Über Design lässt sich (nicht) streiten

Ob das Design gefällt oder nicht, ist zu einem Gutteil Geschmacksache. Bei manchen neuen Icons wird so mancher aufgrund der bunten und etwas gewagten Gestaltung an die 90er-Jahre erinnert werden. Ob diese Designs in Würde altern werden, wird man naturgemäß erst in einigen Jahren beurteilen können. Die generelle Menüführung von iOS und die von Apple neu gestalteten eigenen Apps wirken nach kurzer Umgewöhnungszeit definitiv aufgeräumter und schlichter. Apple macht sich dabei den Vorteil zunutze, sehr filigrane Schriften und Elemente einsetzen zu können, da mit Ausnahme des iPad Minis alle Geräte, die iOS 7 erhalten, über ein hochauflösendes Retina-Display verfügen.

Einheitliche Formsprache

Die Verspieltheit, welche sich unter Steve Jobs in Textur-Nachahmungen und einem Potpourri von digitalen (Hand-)schriften in den Apps äußerte, ist einer klaren Designsprache gewichen, die mit 3D-Effekten bei Buttons und Rändern radikal aufräumt und der Formsprache folgt, die etwa Microsoft bei Windows 8 und Windows Phone, aber auch Google in seinen verschiedenen Online-Services Schritt für Schritt umsetzt: Viel Weißraum, schmale Schriften, einheitliches Erscheinungsbild.

Ein gewisses Maß an Verspieltheit hat sich Apple aber auch bei iOS 7 nicht nehmen lassen. Zum einen macht die detaillierte und filigrane Gestaltung von Elementen und Icons – etwa das Batteriesymbol oder das Kompass-Symbol von Safari – auf den hochauflösenden Screens Freude. Eine in der Community umstrittene Entscheidung betrifft hingegen den Einsatz von milchglasartigen Einblendungen, die sich dem jeweils farblichen Hintergrund anpassen und so das Betriebssystem stärker aus einem Guss erscheinen lassen soll. Ungewohnt bis störend wurde im Test lediglich die fixe Milchglas-Leiste im Home-Screen empfunden, die vor allem auf dem iPad stärker als vorher als Fremdelement wahrgenommen wird.

Foto-App und Kalender

Die meisten Apple-eigenen Apps haben ein ansprechendes optisches Update erfahren. So auch die neu gestaltete Foto-App, die nun wie iPhoto Fotos noch stärker nach Datum und Aufnahmeort zusammenfasst und verschiedene Zoomstufen anbietet. Beim Kalender ist die polierte Optik allerdings kein wirklicher Gewinn. Bereits ab drei ganztägigen Ereignissen reicht der Platz für die Darstellung nicht mehr aus und man muss selbst am iPad mühsam in einer schmalen Leiste scrollen, da sich die Ansicht nicht adaptiv anpasst. Auf dem iPad ist zudem ein Darstellungsfehler vorhanden – hinter der rot eingefärbten Ziffer des aktuellen Datums lugt der Rest der sonst angezeigten schwarzen Ziffer hervor.

Schaltzentrale

Einige der neuen Funktionen, die es mit iOS 7 bis zum iPhone 4 geschafft haben, sind uneingeschränkt begrüßenswert. Praktisch und seit dem Ur-iPhone von Apple-Liebhabern gefordert ist die neue Schaltzentrale, die sich mit einem Wisch vom unteren Geräterand einblenden lässt. Unabhängig davon, wo man sich gerade auf dem Gerät befindet, kann man so WLAN, Flugmodus, Bluetooth, Sleep-Modus und die Geräte-Ausrichtung bedienen.

Neben Lautstärke- und Musikfunktionen hat Apple beim iPhone auch die Uhren-App, den Taschenrechner, die Kamera und eine Taschenlampe dort integriert. Darüber hinaus wird der neue Dienst Airdrop angezeigt, sofern das Gerät das Teilen von Dateien zwischen iOS-Geräten über WLAN und Bluetooth unterstützt.

Benachrichtungszentrale

Die Benachrichtigungszentrale kann wie bei der Vorgängerversion vom oberen Bildschirmrand heruntergezogen werden. Sie wurde designtechnisch poliert und weist nun mit semantisch aufbereiteten Informationen auf, indem sie das Wetter in ausformulierten Sätzen präsentiert oder auch über anstehende Termine informiert. Die auch aus dem Sperrbildschirm ohne Pin-Eingabe aufrufbare Ansicht kann individuell gestaltet werden – User können also entscheiden, ob eingehende Mails, App-Benachrichtungen von Facebook und Co und ähnliches dort zusammengefasst präsentiert werden oder vor dem Auge unliebsamer Betrachter geschützt werden sollen.

Suchfunktion

Überarbeitet wurde auch die neue Suchfunktion, die sich nun nicht mehr mit einem Wisch nach rechts auf dem Homescreen einblendet, sondern indem man im Home-Bildschirm nach unten zieht. Dabei muss man lediglich aufpassen, dass man nicht die oben beschriebene Benachrichtigungszentrale vom oberen Rand runterzieht. Dass die Suchfunktion in dieser Art und Weise überhaupt existiert, ist nicht selbsterklärend. Die gelieferten Ergebnisse erinnern nun aber mehr an die Apple- oder Windows-Suche auf Computern, die sämtliche Inhalte, die zum Suchbegriff passen, auflistet.

Multitasking und App-Updates

Die wesentlichsten weiteren Neuerungen betreffen das Multitasking und die App-Verwaltung. So werden offene Apps mit Doppelklick auf den Homebutton nun übersichtlich mit Voransicht präsentiert. Will man Apps schließen, können sie einfach nach oben aus dem Screen geschoben werden. Neu ist zudem, dass Apps sich – wenn erwünscht – automatisch updaten. Die lästige Nummern-Anzeige beim App-Store-Icon, die beinahe täglich nach einem Update bettelte, ist somit Vergangenheit. Werden Apps automatisch upgedatet, wird der User darüber in der Mitteilungszentrale informiert.

Airdrop

Eine weitere Neuheit ist der bereits kurz erwähnte Datei-Tausch zwischen iOS-Geräten über Airdrop. Die bereits bei neuen Macbooks verfügbare Funktion wurde nun auch auf die iOS-Welt übertragen – im Wesentlichen soll über die Nutzung von WLAN und Bluetooth das einfache und laut Apple sichere Übertragen von Dateien gewährleistet werden. Der neue Dienst besitzt allerdings ein großes Manko. Er ist weder mit Macbooks kompatibel noch für alle iOS-7-Geräte vorgesehen. Lediglich die neueste iPad-Generation (iPad 4, iPad Mini), das iPhone 5 aufwärts und die neueste iPod Touch Generation kommen in den Genuss der neuen Funktion.

Kamera und Foto-App

Ähnlich sieht es bei der überarbeiteten Kamera-App aus. So sind die angebotenen Filter, die man bereits von Instagram – wenngleich mit größerer und besserer Auswahl – kennt, auch wieder nur in den jüngeren iOS-Geräten verfügbar. Auf dem iPad fehlt etwa die Panorama-Funktion ohnehin komplett, hier wurde auch bei iOS 7 nicht nachgebessert. Neben den Filtern verfügt die Kamera-App nun auch über einen quadratischen Ausschnitt – die ganz große Innovation bleibt das Update aber schuldig. Positiv hervorzuheben ist allerdings die Auslösezeit für Fotos, die softwareseitig auch beim iPhone 4 auf einen Bruchteil einer Sekunde gesenkt werden konnte.

Safari und Musik

Neben dem Safari-Browser, der mit einer neuen Leselisten-Funktion, einem Privatmodus und einer Sammelliste von Twitter-Links wieder zu Chrome und Co aufschließen kann, präsentiert sich auch die Musik-App in neuem Gewand. Apple-Fans, die sich schon auf den neuen Dienst iRadio gefreut haben, werden zum Start aber ebenfalls enttäuscht werden. Aufgrund von Lizenzschwierigkeiten ist der Start in Österreich, aber auch im wichtigen Markt Deutschland verschoben. Der iRadio-Button scheint folglich erst gar nicht auf – es sei denn, man verfügt über einen amerikanischen iTunes-Account – in den man wiederum im entsprechenden Store eingeloggt sein muss.

Siri lernt dazu

Apples Sprachassistent Siri, der ab dem iPhone 4S inkludiert ist, wurde Apple zufolge verbessert. Neben der im Deutschen bekannten Frauenstimme kann nun auch ein Mann ausgewählt werden. Die Spracherkennung funktionierte im Test mit dem iPad 4 recht zuverlässig. Inhaltlich profitiert Siri von einer besseren Anbindung an Bewertungsportale wie yelp, aber auch an Wikipedia, Twitter und die Microsoft-Suchmaschine Bing. Auf die Feststellung „Ich will Pizza essen“ liefert Siri tatsächlich 15 Pizza- und Italienisch-Restaurants in der Umgebung. Dass der Sprachassistent die Frage aus der Feststellung implizieren kann, zeigt das Potenzial derartiger Technologien auf. Hier darf man gespannt sein, welche Fortschritte Apple, Google und Microsoft in den kommenden Jahren noch erzielen.

Wie bisher kann Siri auch zur Texteingabe über Sprache verwendet werden. Mit iOS 7 kann der Sprachassistent auch mehr Befehle zum Bedienen des Geräts entgegennehmen als vorher, wie etwa Einstellungen aufrufen, Helligkeit verändern oder Voicemail aufrufen.

Gelungenes Update mit Abstrichen

Zweifelsohne: Apple hat in vielerlei Hinsicht gehalten, was es mit iOS 7 versprochen hat. Das größte iOS-Update in der noch jungen Geschichte des Betriebssystems. Die von Apple versprochenen Hunderten neuen iOS-7-Funktionen fallen bei näherer Betrachtung allerdings weit weniger stark ins Gewicht, als man es vom radikalen Design-Wechsel erwarten würde. Interessanterweise beschleicht einen nach einigen Tagen mit iOS 7 sogar das seltsame Gefühl, dass das neue Betriebssystem sich gar nicht so neu anfühlt, wie Apple seit Wochen glauben machen will.

Relaunch geglückt, aber...

Das deutet einerseits darauf hin, dass der Design-Relaunch geglückt ist, da man sich nach kurzer Eingewöhnungszeit gut zurecht findet und vieles trotz der ungewohnten Optik auch schnell wieder vertraut wirkt. So hat Apple penibel darauf geacht, die meisten Menüführungen und Beschreibungen 1:1 vom alten System zu übernehmen. Auch war man offenbar bedacht, nicht alles komplett über den Haufen zu werfen und die Stärken des zweifelsohne guten mobilen Betriebssystems zu erhalten.

Dass Apple das Rad der Zeit nicht neu erfinden kann und muss, da vieles an iOS schon vorher gut funktionierte, liegt auf der Hand. Die meisten Neuerungen stellen eine willkommene Verbesserung dar und auch das Redesign ist unabhängig von persönlichen Geschmack der User zumindest konsistent gehalten. Die übervorsichtige Vorgangsweise von Apple bei funktionellen Neuerungen könnte allerdings dazu führen, dass die Begeisterung für das neue System, das als Befreiungsschlag gegen die erstarkte Android-Konkurrenz gedacht ist, schneller verpufft, als es Apple lieb sein kann.

So hätte Apple iOS 7 auch dazu nützen können, um das Betriebssystem von seinen Restriktionen der Urversion – etwa bei der Dateiverwaltung – endgültig zu befreien. Stattdessen hat sich Apple für viel Kosmetik entschieden, die zwar ihren Reiz hat, aber Gefahr läuft, User nach einigen Tagen Eingewöhnungsphase ein wenig enttäuscht zurückzulassen.