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© Michael Stelzhammer

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10/06/2019

iPhone 11 Pro im Test: Sehr super, aber verrückt teuer

Apples neues Smartphone kann im Test in vielen Kategorien überzeugen, hat aber ein entscheidendes Problem.

von Martin Stepanek

Selten haben mich die neuen iPhones bei der alljährlichen Präsentation so kalt gelassen wie in diesem Jahr. Das iPhone 11 Testgerät blieb zwei Tage ungeöffnet – ok, es war Wochenende – auf meinem Schreibtisch zuhause liegen. Und nachdem US-Medien durch die Bank zum Schluss kamen, dass man das Pro sowieso nicht unbedingt braucht, habe ich mir von diesem Gerät erst recht nicht allzu viel erwartet.

Nachdem mich schon das iPhone 11 im Test mit seinen neuen Kameras, dem erstaunlich guten Nachtaufnahme-Modus und einem für Apple-Verhältnisse halbwegs moderaten Preis überraschte, lässt mich das iPhone 11 Pro nach einigen Tagen Verwendung einigermaßen begeistert zurück. Ich würde sogar so weit gehen, dass es das erste iPhone seit vielen Jahren ist, bei dem für mich fast alles stimmt. Zum „fast“ ein wenig später.

Verarbeitung und Haptik

Im Vergleich zum iPhone 11 fühlt sich das iPhone 11 Pro spürbar wertiger an. Das mag daran liegen, dass ich kein Fan vom weißen iPhone 11 bin, das wie schon das Xr mit seinem hellen Aluminium-Rahmen keinen besonders edlen Eindruck hinterlassen hat. Das iPhone 11 Pro hingegen fühlt sich komplett wie aus einem Guss an. Der Stahlrahmen verbindet die glatte Glasvorderseite perfekt mit der Rückseite, die aus einem leicht texturierten, matten Glas besteht.

Die neuartige Glasrückseite ist ein großer Gewinn, da sie gegen Fingerabdrücke praktisch resistent ist. Dass Apple bei den Farben des Pro-Modells allerdings nur mit einer furchtbar gediegenen Auswahl von einem seltsamen Militärgrün bis zu den etablierten Farben Space Grey, Silber und Gold aufwartet, ist einfallslos und mutlos.

Drei Kameraaugen

Der Aufsatz mit den drei Kameras sieht auf Fotos absurder aus als in der Realität. Nach einigen Tagen hab ich die seltsamen Kameraaugen irgendwie sogar lieb gewonnen. Vielleicht weil sie im ewig durchkomponierten sauberen Apple-Design ein bisschen wie eine verrückte Anomalie wirken. Mehr stören mich seit jeher die aus dem Gehäuse hervorstehenden Linsen.

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Auch wenn kameraversierte RedaktionskollegInnen mich ständig eines Besseren belehren, dass das gehäusetechnisch kaum anders möglich sei, will ich einfach nicht glauben, dass Steve Jobs das jahrelang so akzeptiert hätte.

Display und Größe

Als Verfechter kleinerer Displays – persönlich bin ich nach jahrelanger iPhone-SE-Verwendung preisbedingt beim iPhone 8 gelandet – finde ich das iPhone 11 Pro mit seinen 5,8 Zoll nahezu perfekt. Es ist nur eine Spur kleiner als das iPhone 11, aber genau diese wenigen Millimeter in Höhe und Breite machen für mich den Unterschied, der das Gerät gerade noch handlich wirken lässt.

Ein viel diskutiertes Thema zwischen dem iPhone 11 und dem Pro ist der Unterschied zwischen LCD mit mäßiger Pixeldichte (326 ppi) und OLED mit hoher Pixeldichte (458 ppi). Für viele langjährige Apple-Nutzer ist OLED immer noch Neuland. Tatsächlich ist die Farbdarstellung ein wenig anders. Das Weiß von Schriften etwa ist beim Pro gelblicher und wirkt auf den ersten Blick wie das gesamte Display durch die wegfallende Hintergrundbeleuchtung sogar weniger strahlend.

US-ECONOMY-APPLE-STORE

Hat man sich an die technologie-bedingte Farbenaufbereitung gewöhnt, lernt man die ausgewogenere Darstellung aber schnell zu schätzen. Wie bereits beim iPhone-11-Test vermutet, profitieren Pro-Nutzer im Dark-Modus auch vom echten Schwarz der OLED-Technologie. Ohne direkten Vergleich werden einem manche dieser Beobachtungen nicht auffallen. Nebeneinander gelegt besitzt das iPhone 11 Pro einfach das bessere und bei Dauernutzung weniger anstrengende Display. Punkt.

Fantastische Kameras

Ein wirklicher Meilenstein ist Apple bei allen iPhone-11-Modellen bei den Kameras gelungen. Weitwinkel und Ultra-Weitwinkel sowie die Front-Kameras sind bei beiden Modellen gleich. Beim Pro bekommt man allerdings zusätzlich eine Teleobjektiv-Kamera, mit der Detailaufnahmen perfekt gelingen. Wer einen Garten mit Blumen hat, darf sich freuen. Aber auch für Aufnahmen in die Ferne kann man von dem Objektiv profitieren, indem man den gewünschten Ausschnitt näher herholen kann. Die Qualität kann in diesem Fall aber nicht ganz mithalten.

Ungeachtet dessen, dass Apple bei Ultra-Weitwinkel und Teleobjektiv noch Luft nach oben hat, macht die Kombination an verfügbaren Kameras einfach nur Spaß, zumal das Hin- und Herschalten mit einem Klick absolut intuitiv erfolgt. So kann man vom selben Standort Fotos aus völlig unterschiedlicher Perspektive schießen. Die dritte Kamera des iPhone Pro für Nahaufnahmen ist gegenüber dem iPhone 11 ein riesiger Gewinn.

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Ultra-Weitwinkel iPhone 11 Pro

Standard-Linse iPhone 11 Pro

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Nachtmodus iPhone 11 Pro

Aufnahme ohne Nachtmodus iPhone 11 Pro

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Ultra-Weitwinkel iPhone 11 Pro

Teleobjektiv Porträtmodus iPhone 11 Pro

Standard-Linse iPhone 11 Pro

Ultra-Weitwinkel iPhone 11 Pro

Ultra-Weitwinkel iPhone 11 Pro

Standard-Linse iPhone 11 Pro

Teleobjektiv iPhone 11 Pro

Das Killer-Feature für mich ist und bleibt aber der Nachtmodus. Den habe ich ja schon beim iPhone 11 gelobt. Und auch wenn er beim iPhone 11 Pro praktisch ident umgesetzt sein dürfte – User könnten eventuell von den leicht besseren Bildstabilisatoren profitieren – es ist und bleibt einfach einer der größten singulären Quantensprünge, die Apple bei einer Generation umgesetzt hat.

Wie ein dunkles Zimmer, in dem man mit freiem Auge kaum was erkennen kann, nach mehreren Sekunden Belichtungszeit ausgeleuchtet und relativ scharf auf dem Bild auftaucht, hat schon etwas Magisches. Mit der Verbreitung und Weiterentwicklung des Nachtmodus dürften hoffentlich die letzten unverbesserlichen Kamerablitz-Fetischisten auf dieses Hilfsmittel verzichten, das im Dunkeln noch nie ein brauchbar schönes Foto hervorgebracht hat.

Innenleben und Performance

Über die Leistungsfähigkeit der verbauten Chips musste man sich bei den iPhone-Modellen noch nie Sorgen machen. Auch das iPhone 11 Pro läuft superflüssig. FaceID funktioniert mittlerweile hervorragend. Dass Apple den Notch erst nächstes Jahr eliminiert und dann eventuell auch einen Fingerprint-Sensor im Display verbaut, ist für einen selbsterklärten Innovationsführer ein bisschen peinlich, aber ok. Es gibt wichtigeres.

HONG KONG-US-APPLE-IPHONE

Die Akku-Laufzeit ist gut, aber nicht revolutionär. Zwei volle Tage wird man ohne Aufladen aber nicht durchkommen. Zumindest, was das Schnellladen angeht, hat Apple beim iPhone 11 Pro nachgebessert. So liegt im Gegensatz zum iPhone 11 standardmäßig ein leistungsstärkeres Netzteil bei. Mit diesem lässt sich das iPhone 11 Pro von in zehn Minuten von 10 auf 30 Prozent aufladen. Nach 30 Minuten ist das Smartphone zumindest 65 Prozent geladen, womit man knapp einen Tag durchkommen sollte.

Technologie für Superreiche

Doch nun zum Dealbreaker für mich: Dem Preis. Jetzt ist es nichts Neues, dass Apple-Geräte teuer sind und die mit dem iPhone X eingeführte Superteuer-Schiene sich offenbar für den US-Konzern bewährt hat. Und das ist und bleibt für mich auch das Dilemma mit dem iPhone 11 Pro und der Innovationskraft von Apple.

Denn ja, ich finde das Gerät tatsächlich nahezu perfekt. Es fühlt sich hervorragend an, ist exzellent verarbeitet, verfügt über beeindruckende Kameratechnologien, ein tolles Display und spannende Softwaretechnologien. Doch anders als bis zum iPhone 7, als sämtliche innovativen Weiterentwicklungen um 700 bis 800 Euro zugänglich gemacht wurden, verlangt Apple nun 1149 Euro - für 64 Gigabyte Speicher.

A customer packs Apple's new iPhone 11 Pro Max after it went on sale at the Apple Store in Beijing

Sorry, aber das ist einfach verrückt. Denn iCloud hin oder her – die 64 Gigabyte sind angesichts 4K-Videoaufnahmen und dem Umstand, dass man so ein teures Gerät mittlerweile eher drei bis vier Jahre verwenden muss, grenzwertig wenig. Da Apple anders als beim iPhone 11 kein 128-Gigabyte-Modell anbietet, darf man für das Modell mit mehr Speicher (256 GB) dann gleich 1319 Euro auf den Tisch legen.

Da man bei einer derartigen Summe hinsichtlich Display-Schäden eher auf Nummer sichergehen sollte, drängt sich ein AppleCare-Schutzpaket auf, das sich der Konzern zusätzliche 229 Euro kosten lässt. Damit sind wir dann schon bei 1548 Euro – ohne Schutzhülle. Und das, sorry, ist einfach unverschämt. Das ist Technologie und Innovation für Superreiche und hat mittlerweile wirklich wenig damit zu tun, womit Apple den Markt viele Jahre angetrieben hat. Zumal andere – um viel weniger Geld – ähnliches zustande bringen.

Fazit

Das iPhone 11 Pro ist das beste iPhone aller Zeiten und kann im Gesamtpaket mehr überzeugen als das iPhone X oder iPhone Xs. Der Preis von 1149 Euro für nur 64 Gigabyte Speicher ist allerdings schwer zu rechtfertigen. Mit dem iPhone 11 kann man in diesem Jahr zumindest auf ein günstigeres Kompromissmodell ausweichen, das technologisch fast ebenbürtig ist, mich im direkten Vergleich mit dem iPhone Pro in Summe aber auch nicht restlos glücklich machte.

Disclaimer: Das iPhone 11 Pro wurde uns freundlicherweise von A1 für einen begrenzten Zeitraum zum Testen zur Verfügung gestellt.