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03/19/2014

Tesla S P85: Ein stiller, schwarzer Ninja

Eine Fahrt im modernsten E-Car der Gegenwart ist ein Erlebnis. Die futurezone hat das Elektroauto dort getestet, wo es gebaut wird.

An der Konzern-Weltzentrale sind wir vorbei gefahren und die Fabrik in Fremont, wo er gefertigt wurde, ist etwa 35 Kilometer entfernt. Es gibt wohl keine perfektere Location, um einen Tesla zu testen, als das Silicon Valley, wo er entwickelt und gebaut wurde. Hier gibt es sowohl Straßen wie die Autobahnen 101 oder 280, auf der die Beschleunigung in 4,4 Sekunden auf 100 km/h getestet werden kann, als auch hügelige und kurvige Strecken in Richtung Los Altos oder Portola Valley.

Nick Hatt, Verkäufer bei Tesla in Palo Alto hat die fast einstündige Testfahrt organisiert – Samstag 12 Uhr mittags. Eine Viertel Stunde müsse man früher dort sein, um ein Formular (auf dem iPad) auszufüllen. Was gleich beim Betreten des Schauraums auffällt – es gibt kein Papier, keine Prospekte, lediglich einen kleinen Block, auf dem Interessierte sich für eine Probefahrt anmelden können. Alle Informationen gibt es im Web, auch den Konfigurator. Dann geht’s los – mit dem wohl besten Modell, das Tesla derzeit zu bieten hat, einem Tesla S P 85 - P steht für Performance, sprich, 85 kWh Batterie, 421 PS (310 kW) und eine Reichweite von 265 Meilen, was etwa 500 Kilometer sind. Der Test-Tesla ist schwarz, die Fahrt wird mit einer Google Glass festgehalten.

Danke, Elon Musk

Ein stiller, schwarzer Ninja. Er ist das begehrenswerteste E-Auto der Gegenwart, das wir Elon Musk zu verdanken haben. Der geborene Südafrikaner, der den Online-Bezahldienst Paypal entwickelt hat und mit so verrückten Ideen wie dem Hyperloop (ein Tunnelsystem, in dem Passagierkabinen knapp unter der Schallgeschwindigkeit die kalifornische Küste entlangdüsen) von sich Reden macht, wird heute schon als der nächste Steve Jobs gehandelt.

Miniatur-Tesla statt Autoschlüssel

Schon das Einsteigen in den Tesla S P 85 ist ein Aha-Erlebnis - der Schlüssel bzw. der Türöffner, ist ein kleines Plastikstück, das einer Tesla-Karosserie nachempfunden ist. Sobald man in die Nähe des Autos kommt, klappt automatisch ein Handgriff aus der Tür und das Schloss ist entsperrt – öffnen muss man die Türen noch selbst. Schmunzeln muss man bei der Tatsache, dass man mit dem Miniatur-Tesla auch den Kofferraumdeckel und die Fronthaube öffnen kann, indem man auf den entsprechenden Teil auf dem Mini-Auto klickt. Kaum sitzt man im Wagen, springt sozusagen der Motor von selbst an.

Der 17-Zoll-Touchscreen

Im Wageninneren fällt – nachdem man Seitenspiegel und Sitz per Knopfdruck in die gewünschte Position gebracht hat (es können verschiedene Profile angelegt und dann per Touchscreen aktiviert werden) – das riesige Display auf, das die Mittelkonsole dominiert. Ganze 17 Zoll misst der längliche Touchscreen, auf dem als Betriebssystem Linux zum Einsatz kommt. Auf die Frage, ob es irgendwann einmal Android an Bord eines Teslas geben könnte, wollte Nick Hatt keine definitive Antwort geben. „Man sollte nichts ausschließen.“

Wie ein überdimensionales Smartphone

An der oberen Kante des Touchscreens sind Symbole eingeblendet, wie man sie vom Display eines Smartphones her kennt – Temperatur, Batteriestand, Home-Taste des Hauptmenüs, Infosymbol (zum Tesla), Bluetooth, Netzanzeige (Tesla kooperiert in den USA mit AT&T) sowie Uhrzeit. Darunter befindet sich die Leiste des Hauptmenüs – Media, Navigation, Energieprotokoll des Autos, Web-Browser, Rückfahrkamera und Telefon.

Den Screen kann man so aufteilen, dass etwa das Navigationsmenü/Landkarte eingeblendet wird und eine Webseite oder die Rückfahrkamera. Man kann als Fahrer selbst entscheiden, welche Funktion man oben oder unten eingeblendet haben will. Beim Navi – es wird Google Maps verwendet – kann die Ansicht beliebig in Karten- oder Satellitenansicht gewechselt werden und beim Energieprotokoll wird im Kurvenlook angezeigt, wie sparsam man unterwegs ist.

Energie-Protokoll

Die Energiekontrolle findet sich auch auf dem Armaturenbrett wieder, dort, wo sich bei anderen Autos den Tourenzähler befindet. In der Mitte Tempo-Anzeige sowie Verbrauchs- und auch Ladezeiger. Das rechte Feld kann man selbst belegen, von Radio-Channel bis Musikdienst. Alle Menüs lassen sich auch via Lenkrad steuern, einiges per Stimmsteuerung und einiges mit einer Wippe an der rechten Lenkradseite – so etwa auch das Panorama-Glasdach, das sich stufenlos öffnen lässt. In der Mitte der Konsole gibt es übrigens auch zwei USB-Stecker, damit man andere Geräte wie Smartphone oder Tablet aufladen kann.

Supercharger

Bei einem Ladevorgang von etwa 20 Minuten wird bei einem Tesla Supercharger die Batterie wieder zur Hälfte aufgeladen; das soll im Schnitt 16 Mal schneller sein als bei den üblichen Ladestationen, die es heute gibt. Bis die Batterie ganz voll ist, dauert es bei einer Supercharger-Station 75 Minuten. Elon Musk schwebt aber vor, dass künftig an den Supercharger-Stations nicht nur Strom getankt, sondern die ganze Batterie, also eine leere gegen eine volle ausgetauscht werden könne - und der Akku ist praktisch so groß wie die gesamte Bodenplatte. Bei einem Event im Spätsommer 2013 wurde demonstriert, dass der Batteriewechsel in eineinhalb Minuten durchgeführt werden könne – schneller als jeder normale Treibstoff-Tankvorgang dauert.

Freilich lässt sich der Wagen auch über eine normale Steckdose laden, allerdings kann dies mindestens einen Tag dauern, bis die Batterie voll ist. Schließt man den Wagen quasi über Nacht an, wird man nie mehr als einen Ladestand von etwa 60 Prozent schaffen.

Der Connector

Der Designer des Autos hat jedenfalls an jedes Detail gedacht, der Ladeanschluss befindet sich nicht hinter einem Deckel, sondern verbirgt sich hinter einem Rücklicht links hinten. Dieses öffnet sich automatisch, wenn man mit dem Ladekabel – Connector genannt – in die Nähe kommt.

500 Kilometer Reichweite

Die Reichweite des Tesla S beträgt etwas mehr als 500 Kilometer – Referenzland ist Kalifornien, Referenztempo sind 88 km/h. Die Reichweite hängt freilich auch vom Fahrstil, von der Typologie des Landes und von den Temperaturen ab. Auf Knopfdruck werden auf dem 17-Zoll-Screen die umliegenden Ladestationen eingeblendet, zu denen man sich lotsen lassen kann. 79 sind es derzeit in den USA, 14 zur Zeit in Europa – eine davon in Österreich, St. Anton. Pro Station gibt es vier bis zehn Ladeeinheiten.

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„In den USA ist das Netz jedenfalls schon so gut ausgebaut, dass man leicht von der West- zur Ostküste gelangt“, sagt Nick Hatt. Da sind uns die Vereinigten Staaten jedenfalls voraus, wie auch ein Test des BMW i3 des Spiegel gezeigt hat. Ladestationen, die es als solche hätte geben müssen, gab es nicht.

Verbrauch

Auf 100 Kilometer verbraucht der Tesla S – US-Preisniveau - knapp drei Dollar, also etwa 2 Euro, so Nick Hatt. Die jährlichen Strom-Betankungskosten betragen 650 Dollar/470 Euro, wenn man 24.000 Kilometer fährt. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Auto (Annahme 7 Liter Spritverbrauch pro 100 Kilometer), erspart sich ein Tesla-Fahrer etwa 1900 Euro pro Jahr und fährt mit Null Emissionen. So die Rechnung, wenn man den Kaufpreis nicht berücksichtigt, denn der ist überdurchschnittlich hoch.

Megaseller

Pro Tag werden in der Tesla-Filiale in Palo Alto zwischen einem und 20 Teslas verkauft. Testfahrten finden an jedem Wochentag statt und Käufer sind Musiker, Sportler, Start-up-CEOs und vor allem Kunden, die auf Nachhaltigkeit wert legen – und Geld haben.

Comfort- oder Sport-Modus

Wie sich der Tesla S fährt, kann man zum Teil selbst laufend einstellen – per Menüpunkt kann man bei der Fahrweise zwischen einem Comfort-, einem Standard- und einem Sport-Modus wählen, dementsprechend lässt er sich lenken. Tatsächlich fährt er sich im Comfort-Mode wie eine Großraumlimousine und in der sportlichen Einstellung zwar nicht so hart wie ein Porsche, aber deutlich direkter. Das macht sich vor allem auf den hügeligen Strecken entlang der Page Mill Road zum Foodhill Park bemerkbar.

Spitzentempo mit Surren

Auf der Interstate 280 drücken wir einmal so ordentlich aufs Gas, um zu spüren, wie sich Beschleunigung in einem eCar mit 421 PS anfühlt – sensationell. 4,2 Sekunden bis Tempo 100 – sollen es sein, sind es gefühlt auch, Zeit zum Mitstoppen hat man da in der Begeisterung keine. Ein leises Surren und Zischen wird hörbar, wie man es aus Science-Fiction-Filmen kennt, in denen diese lautlosen Autos herumfahren. Bei 84 Meilen pro Stunde, also 135 km/h drosselt der Tesla - 65 Meilen ist der erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf diesem Teilstück der I280. „Das ist bei allen unseren Testautos so, das hat rechtliche Gründe“, sagt Nick und grinst. Schade, denn 210 km/h beträgt die „amtlich ausgewiesene“ Höchstgeschwindigkeit des S-Tesla.

Drei Tesla S-Varianten

Den Tesla S gibt es mit unterschiedlich starkem Elektromotor bzw. Batterie – 225 kW (306 PS), 270 kW (367 PS) oder 310 kW (421 PS) bzw. 60 kwH, 85 kwH und 85 kwH Performance; alle drei Batterien nutzen Lithium-Ionen-Zellen, die auf maximale Energiedichte, Wärmemanagement und Sicherheit ausgerichtet sind. Die günstigste Version kostet 65.300 Euro, die teuerste Version mehr als 120.000 Euro.

Conclusio

Der Tesla S ist derzeit sicherlich eines der interessantesten Autos auf dem Markt. Lässt man den Verkaufspreis außer acht, so wäre es ein Auto, das man aus Nachhaltigkeitsgründen sofort kaufen müsste – auch wenn es Skeptiker gibt, die meinen, dass auch ein Elektroauto an sich wenig zur Verkehrsvermeidung beiträgt, der Öffentliche Verkehr gestärkt werden müsse und der Strom aus den Ladestationen nicht unbedingt nachhaltig erzeugt worden ist.

Nachteilig ist sicherlich der hohe Anschaffungspreis, denn die Zahl jener, die sich ein Auto kaufen können oder wollen, das es in der günstigsten Version um 65.300 Euro gibt (S-Version), wird sich in Grenzen halten. Das Modell X kommt voraussichtlich 2015 auf den Markt, in kommenden Jahr soll dann auch erstmals der Tesla E vorgestellt werden – ein Elektroauto für den Massenmarkt, das ab 2016 erhältlich sein wird. Bis dahin bleibt aber der Tesla S das Maß aller Dinge – wenn der Preis nicht wäre.