Science
06/24/2013

350 Millionen Dollar für ein neues Las Vegas

Für die meisten Besucher steht Las Vegas für Casinos, Entertainment, Einkaufen und Essen. Was die wenigsten wissen: Die Hotel- und Casinoburgen am weltberühmten Las Vegas Strip befinden sich eigentlich außerhalb der Stadtgrenze und trugen neben dem Aufkommen riesiger Shopping-Center wesentlich zum Verfall des Stadtkerns bei. Der Technologie-Visionär und Zappos-CEO Tony Hsieh will das nun mit der Ansiedlung von Start-ups und einer Reihe von Community-Projekten ändern.

350 Millionen Dollar: Das ist die Summe, die Hsieh aus seinem Privatvermögen in die Entwicklung und Wiederbelebung von Downtown Las Vegas investiert. Immer wieder ist in Medien zu lesen, Las Vegas solle damit zu einem zweiten Silicon Valley, einem weiteren Start-up-Hub der Hightech-Industrie werden, indem Hsieh über Investitionen aufstrebende Technologie-Unternehmen nach Vegas lockt. Die Tech-Start-ups sind aber nur ein Teil der Geschichte, wie Kim Schaefer, die Sprecherin für das Downtown Project im Gespräch mit der futurezone in Las Vegas erzählt.50 Millionen Dollar für Technologie„Im letzten Jahr haben wir über den Vegas Tech Fund in 23 Technologie-Start-ups investiert. Die für fünf Jahre veranschlagte Gesamtsumme beträgt aber nur 50 Millionen Dollar, weitere jeweils 50 Millionen werden zur Förderung von kleinen Unternehmen und für Bildungsmaßnahmen, wie den Bau eines Kindergartens und einer Schule investiert“, sagt Schaefer. Der Rest des Geldes fließe in den Kauf von Gebäuden und Grundstücken, um in der Fremont East Gegend eine zusammenhängende Fläche zu schaffen, welche die Downtown von Las Vegas nachhaltig prägen soll.

Downtown Project

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Fehlendes Engagement kann man Tony Hsieh jedenfalls nicht vorwerfen. So bewohnt der Zappos-CEO ein Appartement in der Downtown, das er beinahe täglich für geführte Info-Touren über das Downtown Project der Öffentlichkeit zugänglich macht. Eine der größten Veränderungen für die Gegend wird allerdings der Umzug des Zappos-Hauptquartiers aus einem beschaulichen Vorort Las Vegas in das alte Rathaus in der Downtown bedeuten. Bereits im Herbst sollen die 1400 Zappos-Mitarbeiter das dann frisch renovierte neue Hauptquartier beziehen.Kein Zappos-LandAnstatt wie Apple, Google oder Microsoft in einen abgeschlossenen eigenen Campus zu investieren, will Hsieh den heruntergekommenen Stadtteil mittels Wohnprojekten, Restaurants, Geschäften und Schulen wiederbeleben. Dass Zappos-Mitarbeiter von außerhalb in die Arbeit fahren und ihre Zeit nur im neuen Zappos-Gebäude verbringen werden, möchte Hsieh mit einem einfachen Trick verhindern. Der direkte Zugang zu der ans Gebäude angedockten Parkgarage wird versiegelt. Um zum eigenen Auto zu gelangen, müssen Mitarbeiter außen um das Gebäude herum durch die Nachbarschaft „wandern“.

Vereinzelt geäußerte Befürchtungen, die Downtown von Las Vegas werde zu einem Zappos-Land umfunktioniert, versuchen die Downtown Project-Verantwortlichen mit Community-Meetings und vielen Gesprächen zu entkräften. Das Feedback sei aber ohnehin durchwegs positiv. „Las Vegas wurde nie für seine Bewohner gebaut, sondern immer für seine Besucher. Das Projekt sehe ich als Chance, das Herz der Stadt wiederzubeleben, und zwar für die Menschen, die hier auch tatsächlich zu Hause sind“, sagt Schaefer, die selber seit 1994 in der Stadt lebt.

Kein BebauungsplanSo entschlossen Zappos-CEO Hsieh und die Projekt-Verantwortlichen sind, in den kommenden Jahren ein florierendes Viertel in die Stadt zu zaubern, so unkonkret sind manche der Planungen. Ein Kleidergeschäft, ein mexikanisches Restaurant und eine Saftbar wurden mit Hilfe des 50-Millionen-Dollar-Fonds bereits ins Leben gerufen. Ansonsten sollen die aufgekauften Flächen nach dem Bedarf der Community und jeweiliger Geschäftsideen vergeben werden.

Als fix gilt neben eines Kindergartens und einer Montessori-Schule, welche gleichzeitig die Grundlagen für modernes Unternehmertum vermitteln soll, auch ein aus Container zusammengewürfeltes Community-Center, das flexibel von Geschäften, Cafés und Kulturprojekten genutzt werden kann. Eine feuerspeiende Gottesanbeterin rundet den sogenannten „Container Park“ ab und auch ein IMAX-Kino sowie ein Meditations-Zentrum sind bereits fix für das Downtown Project vorgesehen.Feuerspeiende GottesanbeterinBeim Betrachten diverser Skizzen und Pläne inklusive der feuerspeienden Gottesanbieterin in der Wohnung des Multimillionärs Hsieh (er ist während der Führung allerdings nicht anwesend) beschleicht einen gelegentlich doch das Gefühl, es hier eher mit einer riesigen Spielwiese einiger Phantasten zu tun zu haben, als mit einem Stadtprojekt, das Tausenden Menschen einen neuen Lebensmittelpunkt geben soll. Dass vieles improvisiert und vor allem spielerisch vonstatten gehen soll, dürfte auch in der Persönlichkeit des Zappos-CEO begründet sein.

„Sehr viele Dinge werden scheitern und zig Millionen werden wohl auch in den Sand gesetzt. Aber irgendetwas Spannendes wird sicher dabei herauskommen, selbst wenn manches sich völlig anders entfalten wird, als es ursprünglich vorgesehen war“, meint Ariel Poler von BestofAngel im Gespräch mit der futurezone. Poler hat sich als Angel Investor und Start-up-Förderer im Silicon Valley einen Namen gemacht hat und kennt Hsieh noch aus den gemeinsamen Anfangstagen bei LinkExchange, dessen erstem Erfolgsprojekt.

Hsieh werde auch dieses Mal seinen Weg machen, das habe er bewiesen, als er nach verschiedenen Investitionen ganz auf Zappos gesetzt habe. Las Vegas besitze für Leute aus der San-Francisco-Gegend als Start-up-Standort vielleicht nicht den absoluten Reiz. Gleichzeitig gebe es aber in den USA und auf der ganzen Welt sehr viele talentierte Leute und Unternehmen, welche die Möglichkeit, ihr Geschäft von Las Vegas aus aufzubauen, in jedem Fall nützen würden, ist Poler überzeugt.Kein zweites Silicon Valley„Der Zugang zu den ‚Mächtigen’ ist in Las Vegas völlig anders als im Silicon Valley. Hier ist es alltäglich, dass Tony in einem Lokal am Nebentisch einen Kaffee trinkt. Jeder kann zu ihm hingehen, er hat immer ein offenes Ohr“, sagt Schaefer. Las Vegas sei daher auch eine gute Adresse für Start-ups, die für das Silicon Valley noch nicht ganz bereit seien. Dazu komme, dass die Lebens- und Wohnkosten sowie die Steuerbelastung um ein Vielfaches geringer seien als in der Gegend um San Francisco. „Eine Investment-Summe gibt Start-up-Gründern hier viel mehr Zeit, um ihre Geschäftsidee erfolgreich umzusetzen, als in San Francisco oder New York.“

Einen ersten vermeintlichen Rückschlag musste das Projekt allerdings bereits hinnehmen. So kündigte mit der Robotik-Firma Romotive eines der Vorzeige-Start-ups des Downtown Project an, seine Zelte in Las Vegas abzubrechen und nach San Francisco zu ziehen. „Persönlich gesehen ist das natürlich ein großer Verlust. Was das Downtown Project angeht, beweist die Erfolgsgeschichte von Romotive aber eigentlich nur, dass das ganze funktioniert. Sie sind mit wenigen Leuten hierhergekommen und haben von hier aus sechs Millionen Dollar Investorengeld aufstellen und auf 24 Mitarbeiter wachsen können“, meint Schaefer.

Return on Investment nicht im VordergrundVom wirtschaftlichen Erfolg von Romotive wird auch die Initiative profitieren, da der Vegas Tech Fund immer noch am Unternehmen beteiligt sei. Einen genauen Plan, woher das Geld für das Downtown-Projekt nach den ersten fünf Jahren kommen soll, gibt es derzeit aber nicht. Zum einen hoffen die Initiatoren rund um Hsieh auf die eigendynamische Entwicklung des Stadtteils, andererseits ist die Hoffnung groß, dass sich Investitionen in Unternehmen wie Romotive mittelfristig auch rentieren.

„Der unmittelbare Return on Investment, die Kapitalrendite, stehen bei allen Projekten definitiv nicht im Vordergrund. Und um ehrlich zu sein, gibt es vermutlich einfachere und bessere Wege, wie Tony sein Kapital von 350 Millionen gewinnbringend anlegen oder investieren könnte, als ausgerechnet in ein Nachbarschaftsprojekt“, erklärt Schaefer. Aber gerade das mache die Persönlichkeit des Zappos-CEOs aus. „Das ist das Faszinierende an Tony: Er glaubt an andere Menschen und Ideen und ist immer aufrichtig und bescheiden geblieben.“

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Tony HsiehIn den USA ist der 39-jährige CEO der Online-Schuh- und Bekleidungsfirma Zappos längst kein Unbekannter mehr. Den Grundstein für seine Bilderbuchkarriere legte Hsieh mit der Gründung der Bannerwerbung-Firma LinkExchange im Jahr 1996. Knapp zweieinhalb Jahre später hatte die Seite über 400.000 Mitglieder – ein für die damalige Zeit phänomenaler Wert – und wurde von Microsoft für 265 Millionen Dollar gekauft.

Mit dem Erlös investierte Hsieh in eine Reihe von Unternehmen, unter anderem in das Online-Schuhgeschäft Zappos (damals noch unter dem Namen „Shoesite“), dessen CEO er im Jahr 2000 wurde. Die damals erzielten 1,6 Millionen Dollar Umsatz konnten bis 2009 auf eine Milliarde Dollar gesteigert werden und führten schließlich zur Übernahme von Zappos durch Amazon um 1,2 Milliarden Dollar. Hsieh soll zumindest 214 Millionen Dollar von dem Deal eingestreift haben, blieb bis zum heutigen Tage aber weiterhin CEO des Tochterunternehmens von Amazon.