Science 24.04.2017

Adipositas: Entzündungsmarker warnen vor Folgeerkrankung

Die Zahl adipöser Jugendlicher hat zuletzt stark zugenommen. An der FH Campus Wien werden Methoden entwickelt, um Folgeerkrankungen früh zu erkennen.

“In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der stark übergewichtigen Jugendlichen - Kriterium ist ein Body-Mass-Index von über 30 - ungefähr verdoppelt. In Österreich sind rund 20 Prozent der elf- bis 13-Jährigen betroffen, rund 20 Prozent sind übergewichtig und zirka sechs Prozent adipös", sagt Martina Fondi von der FH Campus Wien. Das ist für das Gesundheitswesen ein großes Problem, weil auch die Zahl der Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2, Atherosklerose und Bluthochdruck zunimmt. Diese Krankheiten treten mittlerweile bereits im Jugendalter bei manchen adipösen Patienten auf. An der FH Campus werden Methoden entwickelt, Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren, damit Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können.

Martina Fondi
© FH Campus Wien
Der Ansatz, den die Forscher dabei verfolgen, ist das Aufspüren bestimmter Proteine, die ein Zeichen für Entzündungsreaktionen sind. Diese Abwehrreaktionen werden durch eine bestimmte Art von Immunzellen ausgelöst, die sich im Fettgewebe unter der Haut und im Bauchraum einlagern. Solche Monozyten lösen durch Immunreaktionen kalte Entzündungen, sogenannte Metaflammationen, aus, die mitverantwortlich für mögliche Folgeerkrankungen sind. “Wir haben in Zusammenarbeit mit der MedUni Wien eine Methode entwickelt, die das Enzym H01 als Marker für Metaflammationen nützt. So können wir Hochrisikopatienten früh erkennen und über den H01-Wert im Blut auch prüfen, ob therapeutische Maßnahmen greifen”, sagt Fondi. Weitere mögliche Marker werden von den Wissenschaftlern derzeit gesucht.

Erster Schritt

Monozyt zwischen roten Blutkörperchen
© Wikimedia, CC-BY-SA 4.0 Bobjgalindo
Die Behandlung für Patienten mit erhöhtem Risiko klingt vergleichsweise einfach: Betroffene sollen ihre Ernährung umstellen und viel Sport treiben. Bei Diabetes im Frühstadium kann auch eine medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden. "Im Frühstadium greift Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion und Bewegung, begleitet von engmaschigen Kontrolluntersuchungen, erst wenn das nicht greift, setzt man auf medikamentöse Therapie. In Wahrheit ist die Situation kompliziert. Jugendliche sitzen heute mehr vor Bildschirmen, in Schulen werden die Turnstunden gekürzt und den Eltern fehlt oft das Bewusstsein für die Problematik. Wir haben es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun”, sagt Fondi. In Zusammenarbeit mit der Wiener Gebietskrankenkasse wurden zehn- bis 15-jährige Jugendliche mit Adipositas in einem zweijährigen Pilotprojekt über jeweils ein halbes Jahr intensiv bei therapeutischen Maßnahmen unterstützt, von Diätologen, Psychologen und Sportwissenschaftlern.

“Zu Beginn und am Ende wurde der Gesundheitszustand durch Blutanalysen kontrolliert. Die Ergebnisse waren gut, das wird jetzt zum Dauerprogramm ausgebaut”, sagt Fondi. Denkbar wäre in Zukunft auch die Entwicklung einer immunologischen Therapie, die bei Patienten mit hohem Risiko die Entzündungen bekämpft. “Das Ziel ist nicht, bloß die Symptome zu behandeln, Patienten müssen auch andere Maßnahmen ergreifen. Aber im Spätstadium wäre eine Bekämpfung der Metaflammation oft hilfreich”, sagt Fondi.

Die Arbeit der FH Forscher dient in einem größeren Zusammenhang auch als Grundlage für weitere Arbeiten im medizinischen Bereich. “Biomarker sind derzeit ein heißes Thema. Das ist Ausdruck eines Wandels in der Medizin, die dabei ist, sich in vielen Bereichen - etwa der Krebstherapie - zu personalisieren. Unsere Arbeit ist ein Schritt in Richtung einer Diagnostik, die ein molekularbiologisches Profil einer Person analysiert, um personalisierte Behandlungsoptionen zu entwickeln”, sagt Fondi.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FH Campus Wien entstanden.

(futurezone) Erstellt am 24.04.2017