Science
10.09.2015

"Apple, Google und Co agieren wie Feudalherren"

An der Universität Zürich diskutierten Experten Wege aus der Abhängigkeit von den Technologiekonzernen. Mit einem Bürgernetzwerk könnte die Datenhoheit zurückerobert werden.

Der Siegeszug von Apples iPhone und vergleichbaren Ökosystemen wie der Google- oder Microsoft-Welt haben zu vielen innovativen Entwicklungen, Services und neuen Geschäftsmodellen geführt. Die damit akzeptierten Eingriffsmöglichkeiten einiger weniger Hersteller erinnern Clemens Cap, Informatikprofessor an der Universität Rostock, allerdings zunehmend an ein modernes feudales System.

Lehnsherren 2.0

"Einige wenige Lehnsherren - die Googles, Apples, Microsofts und Amazons dieser Welt - erlauben die Nutzung ihrer Geräte und Dienste. Die Endanwender, die modernen Vasallen, profitieren einerseits davon, werden gleichzeitig aber entmündigt. Sie müssen alle Regeln und Vorgaben bedingungslos akzeptieren, um das erstandene Gerät, sei es nun ein iPhone, ein Windows-PC, oder den bezahlten Dropbox-Account überhaupt verwenden zu können", sagte Cap am Dienstag an der Universität Zürich bei einer von Future Network und der Schweizer Informatik Gesellschaft veranstalteten Technologiekonferenz.

Erzwungene Updates

Dass die Bevormundung eher zunehme, würden die jüngsten Berichte über Windows 10 zeigen, das im Hintergrund praktisch immer Daten an Microsoft sende. Dass nun auch Windows 7 und 8 über Updates mit den zweifelhaften Datenverbindungen im Hintergrund ausgestattet werden, sei nur eines von vielen Beispielen. "Es ist bekannt, dass Microsoft bei Skype-Chats und E-Mails wie etwa auch Google mitliest und dadurch auch schon User wegen Kinderpornografie verpfiffen hat. Abgesehen vom ernsten Thema in diesem Fall: Dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen in den privaten Kommunikationsverkehr von Kunden hineinschaut und Personen unter Generalverdacht stellt, erinnert schwer an Spitzelmethoden der Stasi und anderer Regime", sagt Cap. Die Methode werde auch nicht besser, wenn sie automatisiert von Computern oder Algorithmen durchgeführt werde.

Andere angeführte Beispiele betreffen die Beschränkungen Apples bei der Nutzung seines Ökosystems. Das iPhone ist praktisch unbrauchbar, wenn man keine Apple-ID und den damit verknüpften AGB zustimmt. Unverständlich sei auch, dass man als User nach einem Upgrade nicht mehr zu einer vorherigen Version zurückkehren könne. Auch dass nur Apps im Store freigeschaltet werden können, die dem Weltbild Apples entsprechen, entspreche einem digitalen Feudalismus 2.0. "Nach Kant wäre die Zeit nun reif für die digitale Aufklärung. Ungeachtet einiger Open-Source-Projekte und Hardware wie dem Notebook Librem 15, bei dem sich im Sinne des Datenschutzes Mikrofon, Kamera und WLAN mit Kill Switch abschalten lassen, bin ich mir aber nicht sicher, ob der eingeschlagene Weg noch abwendbar ist", zeigt sich Cap skeptisch.

Bürgernetzwerk als Ausweg

Optimistischer, dass die Revolution gelingen könnte, ist hingegen der Computerwissenschaftler Dirk Helbing von der ETH Zürich. Er will das gerade anbrechende Zeitalter des Internets der Dinge mit seinen 50 bis 150 Milliarden internetfähigen Sensoren, die für die kommenden zehn Jahre prognostiziert werden, für den Aufbau eines Bürgernetzes nutzen. In einem ersten Schritt will das Projekt "NervousNet" User dazu bringen, ihre mit dem Smartphone gesammelten Sensordaten zur Verfügung zu stellen. Welche Daten anonymisiert geteilt werden, entscheiden die User. Das Speichern ist dezentral über verteilte Datenserver vorgesehen, auch eigene Server sollen verwendet werden können.

Neben den in Smartphones bereits verbauten Sensoren wie GPS, Mobilfunk, Bluetooth, NFC, Kameras, Beschleunigungs-, Entfernungs- und Bewegungssensoren können in Zukunft durch neue smarte Objekte auch Temperatur, Luftdruck, Sauerstoffgehalt, Luftqualität und beliebige andere Daten gewonnen werden. "Über so ein Netzwerk kann ein Erdbeben entdeckt und Warnungen an Freunde geschickt oder auf einfache Weise Staus verhindert sowie ein Ampelsystem intelligent gesteuert werden", erklärt Helbing. Auch die Bestandsaufnahme und der nachhaltigere Umgang mit Ressourcen könne über so ein Sensornetzwerk organisiert werden.

"Unsichtbare Hand"

Um komplexe Systeme zu Fall zu bringen, genügt laut Helbing oft ein kleiner Auslöser, so Helbing mit Verweis auf die Lehman-Brothers-Pleite, die zig Banken in den Konkurs schlittern ließ oder ein EU-weites Strom-Blackout im November 2006, das von einer einzigen Leitung ausgelöst wurde. Um derartige Gefahren zu vermeiden seien dezentrale Lösungen gefragt, die auf Basis von Echtzeitdaten und ständigem Feedback zur Selbstorganisation des Systems beitragen können. "Man muss sich das wie ein Ameisen- oder Bienenstaat vorstellen. Auch dort gibt die Königin nicht die Anweisung, was die einzelnen Tiere zu tun haben - es funktioniert einfach durch vordefinierte Regeln. Daten können viel dazu beitragen, dass diese Interaktionsregeln so adaptiert werden, dass es auch im Krisenfall funktioniert", sagt Helbing.

Dass die Gesellschaft die Hoheit über ihre Daten wiedererlange, sei eine wichtige Voraussetzung, um Demokratie und Pluralismus in der Gesellschaft zu erhalten. Das Projekt NervousNet gehe über den Ansatz von Open Data hinaus. "Solche offenen Daten sind natürlich toll, aber die Frage ist: Wo kriegen wir sie her? Facebook, Apple oder Google geben sie uns sicher nicht. Gleichzeitig haben wir mit Smartphones und den sensorbestückten Geräten, die noch kommen, als Gesellschaft die notwendigen Werkzeuge, um Daten selber zu sammeln und zu vernetzen", erklärt Helbing im futurezone-Interview.

Google Alphabet als Signal

Die Befürchtung, dass die nun dominierenden Technologiekonzerne ihre Macht bezüglich der Datenkontrolle konservieren können, hegt der Computerwissenschaftler nicht: "Das Internet der Dinge ist eine disruptive Entwicklung und mischt die Karten neu. Die etablierten Hersteller haben dort bisher noch kaum Fuß gefasst, der Zeitpunkt ist also gut, ein derartiges Bürgernetzwerk zu etablieren versuchen." Auch sei nicht auszuschließen, dass Google, Apple und Co eine solche Bewegung unter Umständen unterstützen würden. "Dass sich Google mit Alphabet eine völlig neue Struktur gegeben hat, ist eine Signalwirkung. Larry Page hat meines Erachtens schon verstanden, worum es in Zukunft geht."