Zur mobilen Ansicht wechseln »

Digitale Gesellschaft "Auch hochbezahlte Jobs werden durch Maschinen ersetzt".

"Wir schaffen Wesen oder Maschinen, die uns in vielerlei Hinsicht überlegen sind", sagt Christoph Kucklick.
"Wir schaffen Wesen oder Maschinen, die uns in vielerlei Hinsicht überlegen sind", sagt Christoph Kucklick. - Foto: Jim, Fotolia
Der digitale Wandel verstärkt die Ungleichheit und bedroht Arbeitsplätze. Warum wir Technik dennoch lieben, erklärt der Soziologe Christoph Kucklick im futurezone-Interview.

In seinem Buch „Die granulare Gesellschaft“ untersucht Christoph Kucklick, wie der digitale Wandel unsere Wahrnehmung der Welt verändert. Die futurezone hat mit dem Soziologen und Journalisten über die Folgen der Digitalisierung gesprochen.

futurezone: Wie verändert die Digitalisierung unsere Gesellschaft?
Christoph Kucklick: Meine These ist, dass die Digitalisierung unsere Wirklichkeit in neuer Weise auflöst. Digitale Sensoren, Rechner, Kameras und dergleichen erlauben, einen deutlich feinkörnigeren Blick auf die Realität. So erfassen wir über Handydaten oder Facebook genauestens, wer mit wem kommuniziert; Dating-Sites verfolgen in enormem Detailreichtum, was Menschen tatsächlich tun beim Flirten; und Sensoren melden aus den Tiefen unseres Körpers noch die schwächsten Warnsignale. Wir erleben eine Mess-Revolution – und immer wenn wir unsere Fähigkeit zur genaueren Messung steigern, passieren große Umwälzungen. Unsere bisherigen Institutionen, etwa das Recht, sind auf eine grobkörnige Welt geeicht – mit der neuen kommen sie nicht mehr zurecht.

Christoph Kucklick
Christoph Kucklick - Foto: Conrad Piepenburg
Sie schreiben, dass sich dadurch die Ungleichheit vergrößert, in welchen Bereichen macht sich das bemerkbar?
Es gibt zwei verschiedene Aspekte der Ungleichheit. Das eine ist ökonomische Ungleichheit, die nimmt in unseren entwickelten Ländern zu. Technologischer Wandel ist ein wesentlicher Treiber dafür. Leute, die mit intelligenten digitalen Maschinen zu kooperieren verstehen, Manager, Börsenmakler, Banker oder Ärzte etwa, werden dafür übermäßig belohnt und erzielen hohe Renditen. Wer das nicht beherrscht, fällt zurück oder wird durch Maschinen ersetzt. Das fördert die Ungleichheit. Sie bedeutet aber nicht notwendigerweise eine Entsolidarisierung oder gar der Zerfall der Gesellschaft. Wir leben nach wie vor in vergleichsweise solidarischen Gesellschaften mit stabilen Sozialsystemen, die noch nicht bröckeln.

Der andere Aspekt?
Feinkörnigkeit – oder wie ich sage: Granularität – steigert die Unterschiede zwischen Dingen, zwischen Menschen. Ein Beispiel: US-Präsident Obama hat den ersten digitalen Wahlkampf geführt. Sein Team kannte von rund 170 Millionen Wählern wohl nicht nur Namen und Adresse, sondern auch ihre Vorlieben und ihre Freunde auf Facebook und Etliches mehr. Dank dieser präzisen Profile hat er unterschiedlichen Gruppen, vermutlich sogar Einzelnen, unterschiedliche maßgeschneiderte Botschaften gesendet. Die demokratische Gleichheit, die in Wahlen gefeiert werden soll, zerstäubt und aus einem Volk von Gleichen werden algorithmisch getrennte Einzelne. Wir erleben eine digital erzeugte Krise der Gleichheit.

Intelligente Technik drängt zunehmend in unseren Alltag und unsere Arbeitswelt. Wie verändert sich unser Verhältnis zu den Maschinen?
Wir werden von ihnen einerseits massiv bedroht, andererseits zeichnet sich eine emotionale Verschmelzung ab. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 50 Prozent unserer Jobs von Maschinen übernommen werden könnten – auch anspruchsvolle, hochbezahlte Jobs, etwa von Anwälten. Auf der anderen Seite verbinden wir uns mit digitaler Technologie wie mit keiner anderen zuvor: Smartphones, Spielekonsolen und dergleichen haben eine tiefe emotionale Bedeutung für uns – aufgrund ihrer Feinkörnigkeit sind sie besonders „anschmiegsam“, wie jemand treffend sagte: sie umhüllen unser Leben als Wunscherfüllungs- als Sehnsuchtsmaschinen.

Was passiert mit den Menschen, die den technischen Anforderungen nicht mehr gerecht werden und ihren Job verlieren?
Sie werden abgehängt, weil sie gesellschaftliche Grundkompetenzen nicht beherrschen. Da werden Leute definitiv entkoppelt und es wird eine Frage des Bildungssystems sein, wie sie wieder angeschlossen werden können.

Ist das Bildungssystem für diese Umwälzungen gerüstet?
Unsere Schulen sind miserabel auf diese Entwicklungen vorbereitet. Wir überlassen die technologische Bildung der Jugendlichen mehr oder weniger ihnen selbst bzw. den Spieleentwicklern. Denn Games bilden für viele Menschen den wesentlichen Zugang zu digitaler Technik – wer sie nur negativ sieht, übersieht diese wichtige „Erziehungsfunktion“ von Spielen. 

Wir werden durch Technik auch zunehmend überwacht und kontrolliert. Sie sprechen sogar von einer Kontrollrevolution.
Unsere Daten werden zunehmend zentralisiert gespeichert und nach Kriterien verarbeitet, die uns meist völlig unklar sind. Wir werden berechnet und können nicht zurückrechnen. Diese schwarze Materie der Algorithmen zu durchleuchten, müsste eine der wesentlichen staatlichen Aufgaben der Zukunft sein. Aber die Regierungen versagen darin komplett, weil sie datengierig sind und die Bürgerrechte mit Füßen treten. Als ehrliche Broker zwischen Bürgern und Unternehmen fallen sie aus – und erzeugen so ein fatales Regulierungsvakuum.

Sie schreiben, dass der Datenschutz tot ist. Warum?
Der Datenschutz ist in einer grobkörnigen Welt entstanden und den der neuen Granularität nicht gewachsen. Ein Beispiel: Der Datenschutz unterscheidet personenbezogene von nicht personenbezogenen Daten. Inzwischen aber erlauben hoch-auflösende, nicht-personenbezogene Daten viele Rückschlüsse auf einzelne Personen. Die Unterscheidung ist also gegenstandslos – aber aus Ratlosigkeit wird an ihr wie an einem Gral festgehalten. Wir brauchen einen neuen, intelligenten Datenschutz, der auf die tatsächlichen Probleme antwortet.

Granulare Gesellschaft
Kucklicks Buch Die granulare Gesellschaft ist im Ullstein-Verlag erschienen - Foto: Ullstein Buchverlage
Wie stark müssen neue technische Möglichkeiten eingeschränkt werden?
Ach, wenn immer so klar wäre, was zu verbieten ist. Nehmen wir selbstfahrende Autos. Sieht so aus, dass sie die Unfallzahl deutlich verringern könnten. Klasse. Zugleich handeln wir uns mit ihnen gewaltige ethische Probleme ein. Wir müssten ihnen zum Beispiel beibringen, wie sie entscheiden, wenn bei einem der seltenen Unfälle nur die Wahl besteht, entweder zwei Kinder oder einen Rentner zu überfahren. Das müssen wir der Maschine vorab einprogrammieren – aber nach welchen Kriterien? Darüber müsste das Parlament befinden, doch man stelle sich diese Debatte vor: Parlamentarier streiten über Leben und Tod von Bürgern! Bislang haben wir auf die situative Vernunft von Menschen vertraut, bei Maschinen geht das nicht mehr – auf unsere Gesellschaft kommen enorme Entscheidungslasten zu. Und wir haben keine Ahnung, wie wir sie lösen sollen.

Der Digitalisierung schreiben sie auch viel positives Potenzial zu. Was verändert sich zum Guten?
Wir erkennen die Wirklichkeit durch die Digitalisierung als solche vielleicht nicht besser, aber wir sehen mehr und anderes. Ich beschreibe etwa das Beispiel des vierjährigen Felix, der Diabetes hat. Durch digitale Technologien wird seine Diabetes extrem exakt erfasst – und so die Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Das ist ein hoffnungsfrohes Element. Solche Geschichten, die den Einzelnen oder Gruppen Macht in die Hand geben, gibt es an vielen Stellen in der Gesellschaft. Daraus folgt aber nicht, dass alles gut wird. Aber es gibt, um es pathetisch auszudrücken, ein Potenzial zur Verbesserung des Lebens.

Wie verändert sich unser Selbstverständnis und unser Weltbild durch die Digitalisierung? Müssen wir uns neu erfinden? 
Die Digitalisierung ist eine einzige große narzisstische Kränkung für uns Menschen. Unser Selbstbild beruht wesentlich darauf, dass wir uns als die cleversten Wesen auf dem Planeten erachten. Jetzt schaffen wir Wesen oder Maschinen, die uns in vielerlei Hinsicht kognitiv überlegen sind. Wir werden uns nicht mehr lange als die Super-Rationalen deuten können, was bedeutet: Wir müssen uns ein neues Selbstverständnis zulegen. Der einzige Weg, der uns bleibt, ist, uns in einem viel höherem Maße als bisher als soziale, fühlende und emphatische Wesen aufzufassen. Auch werden wir unsere Identitäten deutlich flexibler halten, nicht zuletzt um den Berechnungen durch Algorithmen zu unterlaufen. Wir werden unberechenbarer, anarchischer und überraschender werden.

Zur Person

Christoph Kucklick

Der 1963 geborene Journalist und Soziologe ist Chefredakteur des Reportagemagazins Geo. Sein Buch „Die granulare Gesellschaft“ ist im Ullstein Verlag erschienen.

Frage des Tages

Haben Sie Angst um Ihren Job?

Frage des Tages


Bitte um mitspielen zu können.
  • Haben Sie Angst um Ihren Job?


(futurezone) Erstellt am 26.02.2015, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Dein Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?