"Die Sargfabrik" der Wiener Architektengruppe BKK in Wien-Hütteldorf

© Kurier / Gerhard Deutsch

Science
05/03/2019

Begrünte Fassaden könnten Menschenleben retten

2018 gab es 766 Hitzetote in Österreich. Vor allem in Städten sind Menschen gefährdet. Pflanzen helfen gegen "Hitzeinseln".

von Andreas Puschautz

766 Tote forderte die letztjährige Hitzewelle in Österreich, wie das Hitze-Mortalitätsmonitoring der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) ergab. Damit verloren 2018 aufgrund der Temperaturen fast doppelt so viele Menschen ihr Leben wie im Straßenverkehr. Während auf Österreichs Straßen aber Jahr für Jahr weniger Menschen sterben, wird die Zahl der Hitzetoten aufgrund der Klimakrise weiter zunehmen.

Besonders gefährdet sind wie so oft die Schwächsten, deren Kreislauf angreifbar ist: Kinder, alte und kranke Menschen. Und wiederum vor allem jene in den Städten. Das lässt sich auch an Zahlen festmachen: So sind in Wien mittlerweile jeweils um ein Drittel mehr Sommertage (über 25 Grad) und Hitzetage (über 30 Grad) zu verzeichnen als noch 1995.

Die Stadt als Backofen

Das liegt am Phänomen der urbanen Hitzeinseln. In dicht bebauten Gebieten heizt die Sonne Asphalt und Beton auf. Diese speichern die Hitze und geben sie dann langsam wieder an die Umgebung ab. Wie ein Backofen, der auch noch heiß bleibt, nachdem er schon längst wieder abgedreht wurde.

Im Extremfall kann der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland bis zu 12 Grad ausmachen. In Wien sind es im Sommer immerhin bis zu drei Grad am Tag und fünf in der Nacht.

Das muss aber nicht so sein. „Das Positive ist, dass man auch auf lokaler beziehungsweise regionaler Ebene viel machen kann“, sagt Jürgen Preiss, Projektmanager der „Urban Heat Island“-Strategie der Stadt Wien.

Grünflächen am effektivsten

Wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung des Hitzeinsel-Effekts ist die Schaffung von Grünschneisen durch den Ausbau der städtischen Grünflächen. Denn diese kühlen die Stadt gleich auf mehrfache Weise: Sie geben die Hitze wieder an die Umgebung ab und sie kühlen sie über Verdunstung zusätzlich aktiv herunter. Pro Baum können das bis zu mehrere Hundert Liter pro Tag sein.

Nun ist es in Stadtentwicklungsgebieten wie der Seestadt Aspern leicht, Grünflächen von Anfang an miteinzuplanen. Im bereits dicht verbauten Gebiet braucht es aber andere Lösungen, wie Dach- oder Fassadenbegrünungen. Auch diese bringen einen signifikanten Effekt – und wirken zusätzlich als Extra-Dämmung. Darum fördert die Stadt Begrünungen nicht nur finanziell, sondern auch durch Know-how, wie etwa mit dem Leitfaden Fassadenbegrünung.

Grünraum ist aber nicht alles, auch Wasser und hellere Straßenbeläge machen viel aus. Während Asphalt bis zu 60 Grad heiß wird, „bleiben hellere Beläge bis zu 20 Grad kühler“, erzählt Preiss: „Das merken die Fußgänger, aber auch die Hunde.“ Darum werden bei der kürzlich präsentierten Neugestaltung der Zieglergasse auch helle Pflastersteine verlegt und Kühlbögen installiert, die feinen Sprühnebel erzeugen.

Preiss kann aber auch anderen Modellen etwas abgewinnen. So setzt New York etwa auf weiß gestrichene Dächer, die das Sonnenlicht reflektieren und dadurch die Stadt kühlen sollen. Der Nachteil sei aber, dass das nur „monofunktional“ wirke. Begrünte Dächer würden zusätzlich der Biodiversität nützen und Regenwasser zurückhalten.

Besonders letztere Funktion ist nicht zu unterschätzen: Einerseits kühlt dieses Wasser später wieder die Stadt, wenn es verdunstet. Zusätzlich nimmt es aber auch den Druck von der Kanalisation bei Starkregen – der infolge der Klimakrise auch immer häufiger wird. „Wäre die Hälfte der Dächer begrünt, würden die Kanäle nicht mehr überlaufen“, sagt Preiss.

In Sachen Klima hängt eben alles zusammen. Darum ist für Preiss vor allem die gesamtheitliche Betrachtung wichtig. Diese sei um ein Vielfaches effektiver.