© Neil Harbisson

Implantate
06/26/2016

Cyborgs: Wenn Menschen ihren eigenen Körper hacken

Die einen implantieren sich winzige Magnete, um elektrische Felder zu spüren. Andere tragen Mikrochips unter der Haut, um Türen zu öffnen oder Smartphones zu entsperren.

In den USA wächst die Gruppe derer, die sich Cyborgs oder Body Hacker nennen, und mit technischen Hilfsmitteln die Fähigkeiten ihrer Sinne oder Körper erweitern wollen. Einer der prominentesten Vertreter der Bewegung ist ein Mann mit einer Kamera am Kopf: Der von Geburt an farbenblinde Brite Neil Harbisson (zum futurezone-Interview) hat ein Eyeborg - ein an einer Antenne angebrachtes elektronisches Auge, das Farben in bestimmte Töne übersetzt und diese direkt an Nerven in seinem Schädel überträgt.

Über Musik sehen

Zusammen mit seiner Partnerin Moon Riba, deren implantierte Mini-Magnete sie über eine Seismographen-App Erdbeben spüren lassen, gründete Harbisson 2010 in Barcelona die Cyborg Foundation. Mittlerweile ist die Stiftung, die die Idee verbreiten soll, nach New York umgezogen. „Wir haben so viele Anfragen aus aller Welt bekommen“, sagte Harbisson in einem Interview. Auch in Deutschland war der selbst ernannte Cyborg und Aktionskünstler, der mittels seines Eyeborgs aus dem visuellem Input Musik macht, schon zu Gast - auf der Re:Publica 2013 hielt er einen viel beachteten Vortrag und warb für den Ansatz, die Spanne menschlicher Sinneswahrnehmungen durch technische Hilfsmittel zu erweitern.

„Das ist nicht Science-Fiction. Es bringt uns sogar näher an die Natur“, betonte er. Viele Tiere, wie Fledermäuse oder Delfine, hätten diese anderen Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung. Harbisson, der ein bestimmtes Rot beispielsweise als Ton F, ein Orange als Fis hört, hat die Frequenzskala seines Eyeborgs deshalb erweitert: Er kann jetzt auch infrarote und ultraviolette Wellen wahrnehmen. „Das hilft mir auch dabei, mich gegen die Sonne zu schützen“, witzelte er bei seinem Auftritt in Berlin. Gemeinsam mit der Choreographin Moon Riba, die die von ihr erspürten Erdbeben auf der Bühne in faszinierende Tanzhappenings umsetzt, verfolgt Harbisson einen vor allem künstlerischen Ansatz.

Implantierbarer Kompass

Auch Amal Graafstra aus Seattle im US-Staat Washington ist ein Pionier der Szene. Schon 2005 ließ er sich reiskorngroße Mikrochips in den Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger implantieren, um mit den integrierten Codes seine Haustür zu öffnen. Seine Firma Dangerous Things hat allein seit 2013 über 10.000 solcher RFID-Chips verkauft - ebenso Pakete zur Do-It-Yourself-Implantation für Unerschrockene. Auch die futurezone hat den Trend bei der diesjährigen CeBIT genau unter die Lupe genommen (zum Bericht).

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Die von Harbisson mitgegründete Firma Cyborgnest bringt bald einen implantierbaren Kompass auf den Markt, der mit leichter Vibration dem Träger den Nordpol anzeigt - ein zusätzlicher Zugvogel-Sinn. Auffälliger und mit bisher rein ästhetischer Funktion ist das Implantat Northstar - ein deutlich größerer Mikrochip mit fünf Leuchtdioden, die durch die Haut scheinen. Das Biohacker-Kollektiv Grindhouse Wetware sorgte damit auch auf dem diesjährigen Treffen der Szene, der Body Hacking Con in Austin (Texas), für Aufsehen. Die Frage, was Body Hacking genau ist und will, wurde in Austin lebhaft diskutiert.

Gesundheitsvorsorge

Denn neben dem Verfremden oder „Erweitern“ des Körpers, gibt es auch Hacker, denen es in erster Linie um Selbstoptimierung oder gesundheitliche Vorsorge geht. Die Grenze zum Self Tracking, angefangen beim Armband zum Schrittzählen bis hin zum permanenten Messen von Gesundheitsdaten, ist hier fließend.
Kritik übten manche auch daran, dass Ansätze für Frauen in der Szene wenig Beachtung fänden. Die Technik-Journalistin Rose Eveleth wunderte sich, dass männliche Body Hacker zwar Eveleths implantierte Magnete, nicht aber eine Spirale zur Empfängnisverhütung als Technologie ansehen würden.