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Science
05/13/2019

Flipped Classroom: Wie man Unterricht sinnvoll digitalisiert

Die FH Campus Wien erforscht, wie digitale Technik in Kombination mit dazu passenden didaktischen Konzepten den klassischen Unterricht verbessern kann.

Die meisten gängigen Bildungskonzepte setzen heute darauf, möglichst viel Inhalt in Klassen und Vorlesungssälen zu vermitteln. Das Aneignen besonders komplexer Zusammenhänge soll dann aber meist außerhalb der Bildungseinrichtungen stattfinden. Dieser Ansatz lässt sich allerdings auch problemlos auf den Kopf stellen, vor allem, wenn moderne Technologie genutzt wird, um Faktenwissen medial zu vermitteln und zeit- und ortsunabhängig zur Verfügung zu stellen. Das nennt sich dann "Flipped Classroom". An der FH Campus Wien wird im "Flipped Classroom Lab" im Rahmen eines Förderprojekts der Stadt Wien erforscht, mit welchen Technologien und didaktischen Mustern sich dieses Konzept im Hochschulbereich am besten umsetzen lässt.

"Bis vor einigen Jahren wurde die Digitalisierung oft als Allheilmittel für ein methodisch antiquiertes Bildungssystem dargestellt. Es hat sich dann aber schnell gezeigt, dass beispielsweise das reine Ersetzen von Vorlesungen durch Videos nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Frontalunterricht wird erfahrungsgemäß nicht besser, wenn er aus der digitalen Konserve kommt", sagt Christopher Hanzl, Leiter des Teaching Support Centers der FH Campus Wien. Flipped Classrooms sind als didaktisches Konzept zu verstehen unter Einsatz von webbasierten Videos. Die Lehrinhalte können von Studierenden wann und wo sie wollen online abgerufen werden, ob der Stoff verstanden wurde, kann dann zum Beispiel über Multiple-Choice-Fragen am Smartphone überprüft werden.

Miteinander lernen

"Wir wollen Faktenwissen mit dieser Methode der Präsenz vorgelagert und didaktisch mit der Präsenz verknüpft präsentieren. Die Studenten können dann etwa in Präsenzgruppen Aufgaben lösen. Problembasiertes Lernen soll im Vorlesungssaal im Mittelpunkt stehen", erklärt Hanzl. So können Studierende besonders komplexe Inhalte gemeinsam erarbeiten. Das dazu notwendige Basiswissen eigenen sich die Studierenden in der Onlinephase mittels didaktisch verknüpfter Erklärvideos an, welche in einem moderierten Kurs auf der Lernplattform bereitgestellt werden. "Dieses Modell bietet unter anderem auch für Personen, die berufsbegleitend studieren, viele Vorteile, weil es deutlich flexibler ist als klassische Ansätze", sagt Hanzl.

Ob das Flipped Classroom-Modell zu besseren Learning-Outcomes führt, ist auf Basis der verfügbaren Forschungsergebnisse schwer einschätzbar. „Das ist grundsätzlich ein forschungsmethodisches Problem. Der Einsatz traditioneller Methoden wird auch nicht auf Basis von Ergebnissen der Bildungsforschung argumentiert. Es geht vielmehr um kompetenzorientierte Lehre im Zeitalter der Digitalisierung“, sagt Hanzl. Durchgeführte Evaluierungen lassen jedenfalls schon jetzt darauf schließen, dass das Modell bei Lehrenden und Studierenden gut ankommt.

Kein Power-Point-Karaoke

Ein Allheilmittel ist der Flipped Classroom trotzdem nicht. Der Einsatz des Konzepts muss für jede einzelne Lehrveranstaltung beurteilt und auch stetig weiterentwickelt werden. "Die Didaktik sollte sich dabei nicht an der technischen Entwicklung orientieren, sondern umgekehrt. Und letztlich sollten sich die Methoden immer am Lernergebnis ausrichten", sagt Hanzl. An der FH Campus Wien werden die Erkenntnisse aus dem Flipped Classroom Lab zumindest teilweise schon umgesetzt. "Das klassische Power-Point-Karaoke am Freitagabend, das viele berufsbegleitende Studierende nur zu gut kennen, versuchen wir abzuschaffen", sagt Hanzl.

Das Potenzial dieser Methode erschließt sich auch wenig didaktikaffinen Vortragenden und erfreut sich so hoher Akzeptanz. Gab es vor drei Jahren noch etwa 150 Lehrvideos pro Jahr, waren es heuer bereits 800. "So können Inhalte mit wenig Aufwand so aufbereitet werden, dass sie überall und jederzeit verfügbar sind. Nicht jedes Video muss für die Produktionsart einen Oscar gewinnen können, solange es gut didaktisiert ist", erklärt Hanzl. Derzeit ist die Umsetzungsphase an der FH im Gange. Dabei werden auch die besten Modelle eruiert. Am Ende des Prozesses soll eine Strategie zur Digitalisierung der Lehre stehen.

 

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FH Campus Wien entstanden.