Science
06.05.2016

Holoportation: "In ein paar Jahren ist das Mainstream"

Der Österreicher Christoph Rhemann arbeitet für Microsoft an HoloLens und Holoportation. Im Interview spricht er über virtuelle Besucher im eigenen Wohnzimmer.

Microsoft hat vor kurzem ein neues Anwendungsgebiet für seine Augmented-Reality-Brille HoloLens vorgestellt. Bei der Holoportation werden Menschen von Kameras beobachtet, zu 3D-Modellen umgewandelt und virtuell in Echtzeit in weit entfernten Räumen reproduziert.

Der 34-jährige Österreicher Christoph Rhemann arbeitet im Entwicklerteam von Holoportation. Der futurezone gab er von Seattle aus via Skype ein Interview.

futurezone: Woher kommen Sie und wie sind Sie bei Microsoft gelandet?
Christoph Rhemann: Ich bin aus Wien und habe an der TU Wien Software-Technik studiert. Als ich meinen PhD begonnen habe, habe ich mich für ein zweijähriges Scolarship bei der Forschungsabteilung von Microsoft in Cambridge beworben. 2007 habe ich das glücklicherweise bekommen. So bin ich dann bei Microsoft gelandet. Später wurde ich als Postdoc aufgenommen und in die USA versetzt. Dort bin ich immer noch in der Forschungsabteilung, aber ich arbeite auch an Produkten.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Ich forsche an 3D-Rekonstruktionen. Mein Team arbeitet etwa an Stereokameras, die wie menschliche Augen die räumliche Tiefe anhand der Unterschiede in den Einzelbildern schätzen können. Der HoloLens bringe ich bei, wie sie dreidimensional sehen kann.

Wie wird das bei der Holoportation eingesetzt?
Bei Holoportation haben wir versucht, eine Person zu rekonstruieren. HoloLens dient uns als ein mögliches Darstellungsmedium, genauso hätten wir eine Oculus Rift oder jedes andere Virtual- oder Augmented-Reality-Gerät verwenden können. Wir machen eine 360-Grad-Rekonstruktion in Farbe und Echtzeit. Diese wird wie bei einem Skype-Anruf transferiert und der Kommunikationspartner kann sie betrachten. Das soll dann so wirken, als wäre die Person in deinen Raum transportiert worden.

Dazu sind also lediglich Kameras notwendig und den Rest erledigt ein Programm?
Genau. Wir verwenden reguläre Kameras. Manche davon sehen im Farbspektrum, manche im Infrarotspektrum. Wir projizieren ein Infrarotmuster in den Raum, das es einfacher macht, die Tiefe zu schätzen. Es ist ähnlich wie bei Kinect, nur mit höherer Auflösung und viel besserer Tiefenqualität. Wir verwenden insgesamt acht Kameras. Die liefern uns eine sehr detaillierte, dreidimensionale Rekonstruktion von allem, was sich im Raum befindet.

Verlangt der Transport dieser Daten nicht eine erhebliche Bandbreite?
Momentan ist eine relativ hohe Bandbreite notwendig, wir arbeiten allerdings auch an Kompressionsalgorithmen. Wir können die 3D-Rekonstruktion in gewissen Regionen simpler machen. Am Körper braucht man etwa nicht so eine hohe Auflösung wie im Gesicht. Da kann man reduzieren. Wir möchten Holoportation auch mit einer geringen Bandbreite zugänglich machen.

Während einer Holoportation können sich Personen im Raum bewegen, nicht?
Ja, das können sie. Die HoloLens hat ein Trackingsystem. Sie weiß also, wo sie sich im Raum befindet. Wir wissen daher, welchen Bereich im Raum wir rendern müssen. Das funktioniert synchron. Wenn Nutzer in zwei Räumen eine HoloLens tragen, kann der eine den anderen sehen. Das ist eine Multi-User-Experience, es könnten also auch mehr Personen in einem Raum stehen. Das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere oder Objekte wie Sessel.

Kann man sich theoretisch auch als eine andere Person ausgeben oder sogar als Tier?
An solchen Sachen haben wir eigentlich kaum gearbeitet, aber es ist schon möglich. Man könnte sich auch an einem komplett anderen Ort treffen, so wie in der Matrix oder am Holodeck. Man könnte etwa die Karibik einblenden und sich an diesem Ort treffen.

Wie wird Microsoft das Holoportation-Konzept nun weiterentwickeln? Was wird daran verbessert werden?
Ein erster Schritt wäre, die Hardware zu verkleinern. Momentan braucht es ein paar starke Rechner. Wir arbeiten daran, das Ganze auf Mobiltelefon-Größe zu reduzieren. Damit wäre es für die Allgemeinheit leichter zugänglich. Der nächste Schritt wäre, Holoportation in Unternehmen zu verbreiten. Da hat man dann Telekonferenzen, die mit Aufnahmesystemen ausgestattet sind. Firmen könnten sich so etwas leisten. In einem weiteren Schritt wäre dann der Konsumentenmarkt an der Reihe.

Man bekäme dann eine Art noch realistischeres Videotelefonat?
Ja, genau. So wie im Film "Kingsman". Man setzt eine Brille auf und plötzlich sitzen in den leeren Stühlen an einem Tisch die anderen Konferenzteilnehmer. Man erzeugt mit Holoportation praktisch eine bessere virtuelle Präsenz.

Ich denke an eine Szene in der Serie "Silicon Valley", wo erstmals ein Hologramm-Telefonat geführt werden soll - was dann aber wegen Verbindungsproblemen misslingt.
Heute ist manchmal schon ein Skype-Anruf schwierig, also mal sehen, wie das dann in der Praxis klappt (lacht).

Gibt es noch andere Einsatzbereiche für Holoportation außer der Kommunikation?
Es gibt die Idee der 'Living Memories'. Dein Kind hat beispielsweise Geburtstag und du nimmst das alles mit Kameras auf. Später kannst du die Aufnahme von allen möglichen Perspektiven betrachten. Wir hatten einige Anwendungen im Kopf, haben uns überlegt, was die Leute tatsächlich nutzen würden. Auch das Social Networking kam dabei vor. Man trifft sich etwa auf Facebook in einem virtuellen Raum und transportiert andere Leute da hinein.

Wann könnte die Holoportation als zusätzliche Option für Kommunikationsdienste neben Text-Messaging, Anruf und Videoanruf denn kommen?
Für den Konsumentenmarkt schätze ich, dass es in fünf Jahren soweit sein wird. Möglich wäre es auch früher. Die Technologie lässt sich auf kleinere Kameras herunterskalieren. Man hat dann etwa vier oder acht Kinect-ähnliche Kameras im Raum stehen, ähnlich wie ein Surround-Soundsystem. Das kostet zwar ein paar tausend Dollar, aber manche Leute sind bereit, das auszugeben. Bis Holoportation Mainstream wird, dauert es aber sicher fünf Jahre.