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Interview ISS-Astronautin: "Ich vermisse die Schwerelosigkeit".

Die italienische Astronautin nach ihrer Landung im Juni 2015 nach fast 200 Tagen im All.
Die italienische Astronautin nach ihrer Landung im Juni 2015 nach fast 200 Tagen im All. - Foto: AP/Bill Ingalls
Sie trank Espresso im All und drehte Videos über ihren Alltag: Was die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti auf der ISS erlebt hat, erzählt sie im Interview.

Samantha Cristoforetti (39) hat kurze, braune Haare, die ihr im All ihr Astronauten-Kollege regelmäßig geschnitten hat. Dafür gab es vor dem Abflug eigene eingeplante Trainingsstunden. In ihrer Freizeit auf der internationalen Raumstation ISS drehte sie regelmäßig Videos. In einem davon zeigt sie, wie man sich im All die Nägel schneidet. Oder wie Astronauten eigentlich aufs Klo gehen, wenn es keine Schwerkraft gibt. Die studierte ESA-Astronautin und ausgebildete Kampfpilotin war anlässlich der Yuris-Night in Wien und erzählte der futurezone über ihre Zeit auf der Raumstation.

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Die Astronautin bei der Yuris Night in Wien - Foto: Karola Riegler
futurezone: Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal die Erde von oben gesehen haben? Gewöhnt man sich in den rund 200 Tagen im All an den Anblick?
Samantha Cristoforetti: Es wird sehr vertraut. Man erkennt die Orte mit der Zeit. Ich war nie ein Geografie-Genie, deswegen tat ich mir damit am Anfang ein bisschen schwer, alles zu erkennen. Es ist  fast ein wenig komisch: Die ganze Erde fühlt sich ein wenig wie dein Zuhause an, obwohl man so weit entfernt ist.

Fühlt man sich auf der Raumstation durch die Schwerelosigkeit eher frei oder eingesperrt?
Ich hatte nicht das Gefühl der Einengung. Ich fand, dass es auf der ISS sehr groß, angenehm und bequem ist. Man kann den Raum in drei Dimensionen bewohnen, dadurch ist mehr automatisch  mehr Platz. Natürlich fühlt man sich  nicht frei, weil der Tagesablauf von Astronauten nicht von einem selbst bestimmt wird, sondern vom Boden aus. Die Zeit in der Raumstation ist so wertvoll, da ist jede einzelne Minute durchgeplant.

Wie hat ihr Arbeitsalltag auf der ISS ausgesehen?
Die normalen Tätigkeiten sind wissenschaftliche Experimente, Logistik und Wartung. Die Raumstation ist eine riesengroße Maschine, die regelmäßig in Schuss gebracht werden muss. Es kommen immer wieder Frachtschiffe an, die müssen angedockt werden. Das ist zwar eine robotische Tätigkeit, dann gibt es aber ganz viel Aus- und Beladearbeit.

IN SPACE ESA ASTRONAUT
Foto: APA/EPA/ESA/NASA/HANDOUT
Waren Sie auch auf Außeneinsätzen?
Ich persönlich nicht, aber ich war dabei. Während meiner Zeit an Bord fanden drei statt und da ist die Mitwirkung von allen gefragt. Ich war verantwortlich für die Steuerung des Roboterarms und die Koordination der Operationen.

Beherrscht man die Tätigkeiten, die man durchführt, wie im Schlaf oder hat Sie etwas überrascht?
Es gibt nur eine Handvoll Situationen, in denen Astronauten im Schlaf wissen müssen, was sie zu tun haben. Die Hauptfähigkeit von uns ist eigentlich lesen können. Es gibt für alles Prozeduren und man muss nichts selbst erfinden. Man muss sich lediglich an die Vorgaben halten. Sonst braucht man vor allem handwerkliches Geschick.

Was haben Sie in seiner Freizeit auf der Raumstation gemacht?
Frei hat man am Abend und am Wochenende. Ich habe gemütlich gegessen, Nachrichten angesehen, mit Freunde und Familie telefoniert, aus dem Fenster gesehen, Bilder gemacht. Oft haben wir uns auch einfach unterhalten.

Sie haben auch sehr populäre Videos gemacht, in denen Sie unter anderem erklären wie man sich auf der Raumstation wäscht oder die Nägel macht. War das eine private Aktion oder von der ESA geplant?
Das war eine reine Freizeittätigkeit von mir. Die meisten Sachen, die man auf der ISS tut, darf man nicht dokumentieren, aber solche kleinen Tätigkeiten schon. 

Woher kommt Ihre Faszination für das All eigentlich?
Ich habe schon als kleines Kind gesagt, dass ich ins Weltall will.  In dem kleinen Bergdorf, in dem ich aufgewachsen will, sah man den Sternenhimmel sehr gut, weil es kaum Lichtverschmutzung gab. Ich hatte auch schon sehr gute Lehrer in der Grundschule, die mir eine gewisse Faszination für Astronomie vermittelt haben.

Was haben Sie im Nachhinein, als Sie wieder zurück waren, am meisten vermisst?
Es war insgesamt eine sehr schöne Zeit. Am meisten vermisse ich die Schwerelosigkeit und das Gefühl der Leichtigkeit. Das ist schon eine tolle Erfahrung.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich nach Ihrer Rückkehr wieder normal bewegen konnten?
Bei den Tests nach vier Tagen habe ich noch nicht so gut abgeschnitten, obwohl mein subjektives Gefühl schon recht gut war. Als wir die Tests nach zehn Tagen wiederholt haben, war alles in Ordnung. Es muss also irgendwo dazwischen passiert sein.

In this Dec. 1, 2014, image provided by NASA taken…
Foto: AP
Sie haben einmal erzählt, dass das sie das Gras riechen konnten, als sie wieder gelandet waren. Gibt es im Weltall gar keine Gerüche?
Es gibt sehr gute Filter. Das ist auch gut so.  Der Geruch im All ist ziemlich neutral. Aber es gibt einen Weltraumgeruch. Den riecht man etwa, wenn ein Schiff andockt und man die Lucke aufmacht. Da riecht man das Metall, das eine Weile im Weltall war. Das ist das, was man manchmal den „smell of space“ nennt. Auch die Kollegen, die  von den Weltraumspaziergängen zurückkamen, haben danach gerochen.

Was machen Sie jetzt, wo sie wieder zurück sind?
Ich arbeite im europäischen Astronautenzentrum in Köln und beschäftige mich mit zukünftigen Post-ISS-Projekten wie Mondmissionen. Wir haben eine Mondsandsimulation. Ich möchte so bald wie möglich wieder in den Weltraum kommen, aber realistischer Weise wäre das jetzt nicht vor 2021 oder 2022.

Was denken Sie über Weltraumtourismus?
Weltraumtourismus ist eine Tatsache, von der ich glaube, dass es kommen wird. Es ist eine natürliche Entwicklung. Das ist weder gut noch schlecht.

Glauben Sie, dass wir Menschen jemals im Weltraum leben werden?
Sehr langfristig betrachtet sicher. Ich kann es mir natürlich vorstellen. Es ist auch eine natürliche Entwicklung, aber ich glaube nicht, dass es in diesem Jahrhundert passieren wird.

Samantha Cristoforetti
Foto: AP
Zur Person:
Cristoforetti hat Maschinenbau und Aeronautik studiert und ist ausgebildete Kampfflugzeug-Pilotin der italienischen Luftstreitkräfte. Seit 2009 wird sie am European Astronaut Centre (EAC) der ESA in Köln zur Astronautin ausgebildet. Im Juli 2012 wurde sie als Besatzungsmitglied der ISS-Expeditionen 42 und 43 ausgewählt. Ihren Tagesablauf im All schilderte Cristoforetti unter anderem auf Twitter und @AstroSamantha. Cristoforetti startete im November 2014 vom Weltraumbahnhof Baikonur zur ISS und war insgesamt 199 Tage und 17 Stunden im Weltall. Am 7. Juni 2015 löste sie mit ihrem 195. Missionstag die US-Amerikanerin Sunita Williams als Rekordhalterin für Langzeitflüge von Frauen im Weltall ab. Die Landung erfolgte am 11. Juni 2015.

Zur Yuris Night:
Jedes Jahr findet weltweit am12. April die Yuris Night zu Ehren von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum, statt. 2017 gab es 222 Veranstaltungen in 54 Ländern. In Wien fand die Yuris Night im Naturhistorischen Museum statt.

(futurezone) Erstellt am 14.04.2017, 06:00

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