Science
04.07.2016

Kopftransplantation soll Menschen unsterblich machen

Der Neurochirurg Sergio Canavero plant 2017 eine umstrittene Operation: Er will den Kopf eines Menschen auf einen anderen Körper transplantieren. Ein Interview.

Durch die Transplantation von Patientenköpfen auf neue Körper sollen Menschen, die an Muskeldystrophie leiden oder querschnittsgelähmt sind, wieder einen funktionierenden Körper bekommen. Der italienische Arzt Sergio Canavero plant, das Rückenmark mit einem glatten Schnitt zu durchtrennen und den Nervenstrang des Kopfes unter Zuhilfenahme von Polyethylenglycol - das als eine Art Kleber für die Nervenfasern dienen soll - mit einem Spenderkörper zu verbinden. Der Chirurg arbeitet mit mehreren Partnern, darunter auch der chinesische Chirurg Ren Xiaoping, der den Eingriff bereits an Mäusen und zuletzt an Affen (allerdings noch unpubliziert) erprobt hat.

Kritiker sind skeptisch, ob so eine Operation am Menschen möglich ist und es stehen ethische Bedenken im Raum. Canavero verfolgt sein Ziel - trotz bereits mehrmaliger Verschiebung des ersten Humanversuchs - weiter und plant in Zukunft, Menschen durch Kopftransplantationen praktisch unsterblich zu machen. Die futurezone hat den Chirurgen von der Turin Advanced Neuromodulation Group befragt.

futurezone: Wie steht es um den Zeitplan für die geplante Kopftransplantation?
Sergio Canavero: Alles läuft bisher nach Plan. Wir wollen zu Weihnachten 2017 die erste Kopftransplantation durchführen. Ob das klappt, hängt von der Verfügbarkeit eines Spender-Körpers ab. Geschlecht und Statur müssen passen. Unser Team wird jedenfalls bereit stehen. Der Termin könnte sich aber um einige Monate verschieben.

Wo soll die Operation stattfinden?
Im September werden wir diesbezüglich Neuigkeiten ankündigen. Wir haben ein zweites Land gefunden, in dem wir auf eine Operation hinarbeiten können. Das entspricht unserer Strategie, einen internationalen Wettbewerb zu erzeugen. Welches Land das ist, sagen wir im September. Mein Partner Xiaoping Ren treibt seine geplante Kopftransplantation in China derweil weiter voran, dort werde ich assistieren. Wir haben kürzlich einen offenen Brief in der BILD-Zeitung veröffentlicht, um auch in Europa Länder zu finden, die mitziehen.

Was ist mit dem ursprünglich vorgesehenen ersten Patienten, dem Russen Valery Spiridonov?
Valery Spiridonov wird vielleicht einen Spenderkörper bekommen, aber die zwei Länder, die jetzt vorpreschen, werden jeweils eigene Bürger bevorzugen. Valery wird also nicht der erste sein. Um seinen Kopf zu transplantieren suchen wir aber weiterhin Geldgeber.

Wie lange wird der erste Patient leben?
Das Risiko, dass der erste Patient stirbt, besteht. Wir wissen nicht, wie gut die abstoßungsunterdrückenden Medikamente wirken. Eine normale Lebenserwartung wird er nicht haben, das gilt aber für alle Formen der Organtransplantation. Als Christian Barnard 1967 das erste Herz transplantiert hat, war sein Ziel, den Patienten so lange wie möglich am Leben zu halten. Der erste Patient lebte 18 Tage, aus chirurgischer Sicht war das ein Erfolg.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Transplantation?
Wir wollen Menschen kurieren, die keine Linderung in der Medizin gefunden haben. Ich bin seit 26 Jahren als Arzt tätig und habe viele Versprechungen kommen und gehen gesehen, etwa Gentherapie oder Stammzellenverfahren. Wir wollen mit der Kopftransplantation Dystrophie und Tetraplegie (eine schwere Form der Querschnittslähmung, Anm.) heilen. Das langfristige Ziel ist, die Lebensspanne des Menschen zu verlängern. Dazu braucht es allerdings auch Fortschritte im Bereich der Klontechnologie. Dann können wir Unsterblichkeit erreichen, indem wir Köpfe auf geklonte Körper verpflanzen.

Erwarten Sie, dass der Patient zumindest eingeschränkt die Kontrolle über den Spenderkörper erlangt?
Wir haben eine Reihe von Fachartikeln zur Frage des Zusammenwachsens des Hauptnervenstrangs veröffentlicht. Das Rückenmark kann vollständig wiederhergestellt werden, das haben wir in Tierversuchen schon bewiesen. Erst kürzlich hat auch eine große Universität mit Polyethylenglycol (PET) experimentiert, das dabei hilft, die Nervenfasern wieder zusammenwachsen zu lassen. Die Kritiker irren sich also. Wir erwarten längerfristig, die Mobilität zu 100 Prozent wiederherzustellen. Ich habe Valery in Vorgesprächen gesagt, dass er wieder gehen und Sex haben wird. Beim Laufen bin ich mir noch nicht ganz sicher. Der erste Patient wird vielleicht nicht perfekt werden, aber er wird nicht gelähmt sein.

Wie soll es weitergehen, falls die erste Operation ein Erfolg wird?
Wenn die erste Transplantation gelingt, widme ich mich als erstes wohl einer Kopftransplantation, die rein der Lebensverlängerung dient. Andere werden weiter an der Heilung von Verletzungen und Krankheiten durch diese Transplantationsform arbeiten. Nach der ersten Handtransplantation im Jahr 1998 dauerte es nicht lange, bevor andere Teams sich ebenfalls an diese Technik wagten. Ich erwarte ein ähnliches Muster bei der Kopftransplantation.

Wie wollen Sie so Unsterblichkeit erreichen, mit abbauenden Gehirnen in jungen Körpern?
Bei der heterochronen Parabiose (das Zusammenfügen der Gewebe zweier Organismen mit unterschiedlichem Alter, Anm.) tritt ein interessantes Phänomen auf: Wenn älteres Gewebe jüngerem ausgesetzt wird, verjüngt es sich. Aus Tierversuchen wissen wir, dass wenn wir einen alten Kopf auf einen jungen Körper pflanzen, das Gehirn verjüngt wird.

Soll das auch für die Haut gelten?
Ich bin überzeugt, dass auch die Haut verjüngt wird. Aus Tierdaten wissen wir, dass Herz, anderes Muskelgewebe und eben das Hirn verjüngt werden. Bei der Haut ist das durch das Fell schwierig zu beurteilen. Im Projekt HEAVEN wollen wir eventuell den Körper und das Gesicht eines jungen Spenders verwenden, um eine Verjüngung zu erreichen.

Wie stark kann Gewebe Ihrer Meinung nach auf diese Weise verjüngt werden?
Wenn man den Kopf eines 80-Jährigen auf den Körper eines 20-Jährigen verpflanzt, wird die Verjüngung nicht so stark sein, dass das Gehirn biologisch wieder 20 ist. Das Ergebnis wird irgendwo in der Mitte liegen. Das reicht aber vollkommen aus.

Wäre es nicht einfacher, den Kopf mittels einer Maschine am Leben zu halten?
Derzeit arbeiten mindestens zwei Firmen in den USA daran, einen Kopf oder ein Gehirn in oder auf einen kybernetischen Körper zu verpflanzen, um das Gehirn mit Nährstoffen zu versorgen. Aber das ist nicht der Weg in die Zukunft, weil die Verjüngung des Gehirns fehlt. Das kann nur funktionieren, wenn auch das Blut jüngerer Personen einen Verjüngungseffekt erzielen könnte. Das wissen wir derzeit aber nicht. Einige neurodegenerative Krankheiten könnte man aber wohl heilen. Wir werden in diesem Jahrhundert großartige Dinge erleben. Es wird eine Revolution geben, die Menschheit wird ihre Körper hinter sich lassen.

Einige Kritiker sind er Ansicht, dass eine Kopftransplantation zu schweren psychischen Problemen führen könnte.
Die Neuroplastizität erlaubt dem Gehirn, sich an mechanische Arme zu gewöhnen. Das Gehirn akzeptiert eine Prothese als Teil des Körpers und kann sie ohne Probleme steuern, ohne dass der Träger wahnsinnig wird. Es gab einen Fall, bei dem es nach einer Handtransplantation zur psychischen Abstoßung gekommen ist. Seither wissen wir, dass psychologische Langzeitbetreuung wichtig ist, um die Integration ins Körperbild des Patienten zu unterstützen. Wir werden unsere Patienten schon lange vor der Operation mit VR-Brillen an einen neuen Körper gewöhnen. Auch Hypnose werden wir einsetzen. Sie können sicher sein, dass es nicht zu einer Psychose kommen wird.

Wissen können Sie das nicht.
100 Prozent gibt es nicht, es bleibt unbekanntes Terrain. Wir sind aber zuversichtlich.

Der Körper spielt Ihrer Meinung nach keine Rolle bei der Entwicklung des Bewusstseins?
Ich bin der Ansicht, dass das Selbst eine Illusion ist, die verändert werden kann. Die Rubber-Hand-Illusion funktioniert mit VR-Systemen, es ist für Patienten, als wäre die künstliche Hand Teil des Körpers. Eine Hürde könnte das Mikrobiom sein, das auch das Verhalten eines Menschen beeinflussen kann. Aber auch die Gastrointestinalflora kann angepasst werden. Die Relativistic Brain Hypothese geht davon aus, dass ein kybernetischer Körper für einen vorbereiteten Patienten kein Problem darstellt. Auch hier mangelt es vielen Kritikern noch an Einsicht.

Woher kommt das Bewusstsein dann?
Wir arbeiten mit der Universität Harvard an der spirituellen Seite des Problems. Wir wollen beweisen, dass das Gehirn nicht für das Bewusstsein verantwortlich ist. Elon Musk hat jüngst gesagt, er glaube, wir leben in einer Simulation. Das Bewusstsein ist eine Simulation. Ich glaube, dass das Gehirn ein Filter ist, der unterschiedliche Ausdrücke desselben Bewusstseins hervorbringt. Ich denke, die Buddhisten sind der Wahrheit unter den Religionen am nächsten gekommen, mit ihrer Vorstellung von einem größeren Selbst. HEAVEN ist auch ein philosophisches Unterfangen.

Das Gehirn wird bei dem Eingriff kurz nicht versorgt.
Der Kopf wird kurz bei 15 Grad ohne einen Tropfen Blut sein, also klinisch tot. Ich erwarte, dass der Patient nach dem Erwachen von einer Nahtoderfahrung berichten wird.

Ein Schlaganfall gilt als mögliches Risiko für Ihren geplanten Eingriff.
Ich bin Experte für Schlaganfälle. Bei tiefer Hypothermie und rascher Wiederherstellung der Verbindung im Rückenmark ist es noch nie zu einem Schlaganfall gekommen. Der Kopf wird nur 10 Minuten ohne Blut sein. Xiaoping hat im Jänner eine Kopftransplantation an einem Affen vorgenommen. Er hat dabei die Cross-Circulation-Technik eingesetzt, wodurch der Blutfluss nie unterbrochen wurde. Das wird beim Menschen nicht gehen, aber mit 99-prozentiger Sicherheit wird es zu keinem Schlaganfall kommen.

Wie gehen Sie mit den Wunden um, die bei der Operation entstehen werden?
Wir werden Rückenmark, Speise und Luftröhre sowie Muskeln wieder verbinden. Das ist Standard-Chirurgie, nichts Schlimmes. Die Verbindung des Rückenmarks erfolgt mit Mikroverbindungen und PEG. Ästhetisch wäre es am besten, die Haut unter den Schlüsselbeinen zu durchtrennen, um Halsnarben zu vermeiden.

Ihr Patient wird nach der OP im Koma gehalten. Wie lange soll dieser Zustand anhalten?
Wir werden den Patienten im Koma halten, bis wir die Bestätigung haben, dass Impulse im zusammengewachsenen Rückenmark durchgeleitet werden.