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Technologie
01/25/2013

"NFC-Bankomatkarte ist sicherer als Bargeld"

In diesem Jahr wird in Österreich die kontaktlose Bankomatkarte mit NFC-Funktion eingeführt. Rainer Schamberger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Payment Services Austria (PSA), erklärt der futurezone, aus welchen Gründen man sich dabei für ein 25 Euro-Limit entschieden hat und warum die kontaktlose Bankomatkarte sicherer ist als der Gebrauch von Bargeld.

von Barbara Wimmer

Die Maestro-Bankomatkarte mit NFC-Funktion wurde in den letzten drei Monaten bereits getestet, bevor sie nun

demnächst offiziell auf den Markt kommen soll
. Wo wurden Pilotprojekte durchgeführt und wie war das Feedback?
Wir haben in den letzten drei Monaten ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit den heimischen Banken durchgeführt und zwar auf Teststellungen in den eigenen Kantinen sowie teilweise bei Supermärkten, bei denen das Bezahlen mit NFC-Karte bereits funktioniert. Getestet haben die Systeme kritische Banken-Mitarbeiter. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Wir sind aus unserer Sicht bestens gerüstet für den Echteinsatz.

Ab März 2013 soll der Echtbetrieb starten. Nur wo?
Wir werden potentiell zum Jahresende fast die Hälfte des Kartenbestandes, also zirka vier Millionen Bankomatkarten, mit Kontaktlos-Funktion im Umlauf haben. Wir haben die Rückmeldung, dass grundsätzlich alle Banken dabei mitmachen. (Anmerkung: Die ersten Banken haben gegenüber futurezone.at angekündigt, die Karte ab April in ihrem Portfolio anzubieten.

)

Derzeit gibt es aber erst ein paar Shops und Supermärkte, die mit NFC-Terminals ausgestattet sind und bei denen man bezahlen kann. Wie wird es hier weitergehen, wann werden die Terminals ausgerollt?
Wir haben die Bestätigung, dass unsere Schwesterfirma PayLife jetzt intensiv damit beginnt, NFC-Terminals auszurollen. Wir haben diese Signale auch von den weiteren Firmen am Markt, also Card Complete, Hobex und First Data. Ich kann nicht sagen, wann wir eine komplette Flächendeckung erreicht haben werden, aber ich denke, dass in den nächsten Monaten sehr viel weitergehen wird in diese Richtung.

Bei Technologie-Neueinführungen ist es immer schwierig, weil verschiedene Partner zusammenspielen müssen und sich hier die Frage "Wer tut zuerst etwas?" stellt. In Österreich passiert allerdings sehr viel gemeinsam, weil die NFC-Einführung alle beteiligten Kreise (Anmerkung: Handel, Banken, Technologie-Provider, Politik und Mobilfunk-Anbieter) wollen. Das ist sehr positiv. Wenn nur wir die Karte rausbringen würden und die Acquirer mit den Händlern die Terminals nicht ausrollen würden, hätte ich eine Karte, die nicht angewendet werden kann. Es sieht definitiv so aus, dass das nicht der Fall sein wird.

Kann man mit der NFC-Maestro-Bankomatkarte bei allen NFC-Terminals von allen Anbietern zahlen?
Überall dort, wo das "Maestro PayPass"-Logo drauf ist. Das ist das Kontaktlos-Feature von Maestro, basierend auf dem EMV-Standard von MasterCard. Alle NFC-Terminals, die in Österreich eingesetzt werden, können mit diesem Standard umgehen.

Kann man auch in anderen Ländern auf diesem Weg kontaktlos zahlen?
Ja. Das ist weltweit der gleiche Standard - und das ist auch gleich ein Unterschied zu "Quick", damit kann man nur in Österreich zahlen.

Es ist derzeit geplant, nur kleine Beträge bis zu 25 Euro ohne Eingabe eines PIN-Codes kontaktlos zahlen zu können. Wäre es nicht sinnvoller, wenn der Kunde selbst entscheiden könnte, welche Höhe er ohne PIN-Code zahlen will?
Grundsätzlich ist es so, dass man hier einen gewissen gemeinsamen Standard schaffen muss, sonst verwirrt man die Händler und vor allem die Mitarbeiter in den Filialen. Technologisch wäre es sicher möglich, dass es verschiedene Limits für alle gibt, aber es würde sehr schwierig werden, auf diese Art und Weise eine Flächendeckung zu erreichen.

Könnte sich das im Laufe der Zeit noch ändern?
Wenn, dann überlegt man sich höchstens, den Schwellenwert von 25 Euro gemeinsam zu verändern. Aber dieser Betrag hat sich bereits international etabliert.

Viele Menschen gehen vor allem samstags einkaufen und zwar gleich für die ganze Woche. Das ist auch der Tag, an dem die Warteschlangen an den Kassen am längsten sind. Da bringt einem die Grenze von 25 Euro in der Regel nichts.
Studien zeigen, dass die Transaktionen unter 25 Euro im Lebensmitteleinzelhandel einen Anteil von 85 Prozent ausmachen.

Studien zeigen auch, dass 96 Prozent der Beträge unter zehn Euro in Österreich bar bezahlt werden, nur drei Prozent greifen zur Bankomatkarte. Wie will man dieses Verhalten ändern?
Die Bequemlichkeit wird überzeugen. Kontaktlos zu bezahlen geht viel schneller als die Variante ‚Karte stecken und PIN-Code eintippen`. In Zukunft nehme ich meine NFC-Karte, halte sie an das Terminal und es macht "pieps". Das war`s. Die Transaktion wird wesentlich verkürzt. Wenn ich bisher mit Karte gezahlt und den Code eingetippt habe, habe ich mir oft überlegt, ob ich jemanden in der Warteschlange hinter mir aufhalte. Das fällt jetzt weg. Dadurch wird es für den Kunden bequemer. Er muss auch nicht mehr im Geldbörsel herumkramen und den passenden Kleingeld-Betrag zusammensuchen.

Viele Leute zahlen auch deswegen nicht mit Karte, weil sie den Überblick darüber behalten wollen, wie viel Geld sie ausgeben. Manche Menschen müssen ziemlich genau auf ihre Ausgaben schauen. Ist hier eine Zusatzlösung geplant?
Grundsätzlich wird der zu bezahlende Betrag immer am Terminal angezeigt. Außerdem kann man mittels Kontoauszug jederzeit genau nachvollziehen, wie viel man ausgegeben hat. Da sind die Transaktionen aufgelistet und man hat die Möglichkeit, die Ausgaben genau zu kontrollieren. Wie man die Informationen sonst noch darstellt, muss man am Ende mit den Banken diskutieren. Auf einem Smartphone hat man z.B. viel mehr Möglichkeiten, die Information transparent zur Verfügung zu stellen. Es gibt auch die Möglichkeit von Display-Karten, über die man direkt auf der Karte den Kontostand abrufen kann. Diese Display Cards sind allerdings in der Herstellung deutlich teurer.

Woran, glauben Sie, liegt es eigentlich, dass die Österreicher am liebsten bar bezahlen?
Es ist möglicherweise eine gelebte Gewohnheit und schwer zu sagen. Wir liegen hier etwa gleichauf mit Deutschland. Bargeld ist in anderen Ländern noch dominanter. Mit den neuen Angeboten werden die Wahl-Möglichkeiten diversifizierter. Steve Jobs hat beispielsweise gesagt: 'Man muss den Kunden auch etwas vorgeben, damit sie es nutzen und nicht immer nur auf Kundenwünsche warten.' So werden auch wir Angebote für die Kunden schaffen.

Das Finanzministerium hat auch ein Interesse, die NFC-Zahlung in Österreich voranzutreiben – etwa im Hinblick auf die Schattenwirtschaft ...
Ich denke, wir haben alle das gemeinsame Interesse, das Bargeld auf ein gewisses Maß zu reduzieren.

Wer ist "alle"?
An der Reduktion des Bargelds haben Handel, Banken und der Government Community-Bereich ein gemeinsames Interesse.

Warum will man das Bargeld unbedingt loswerden?
Bargeld kostet mehr. Die Transaktionskosten für Bargeld sind höher, man hat das ganze Cash-Handling und dabei auch das ganze Risiko. Das verlieren Kunden leicht aus den Augen. Beim Sicherheitsthema darf man nicht vergessen, dass Bargeld transportiert werden muss, d.h. es besteht ein Überfallrisiko. Auch das Fälschungsthema ist nicht unerheblich. Gerade auf der Sicherheitsebene sieht man bei Karten, dass Österreich sehr sicher ist, weil sehr viel und sehr frühzeitig in die Sicherheit investiert wurde. Die Chip-Technologie wurde bereits 1994 eingeführt. Amerika zieht mit der EMV-Chip-Technologie erst jetzt nach. Ich denke aber nicht, dass wir Bargeld komplett abschaffen werden.

NFC hat, gelinde gesagt, nicht gerade den besten Ruf, wenn es um die Sicherheit geht. Forscher an diversen Unis und FHs entdecken immer wieder Sicherheitslücken und bei Karten gibt es auch Skimming...
Die Sicherheit der NFC-Karten wurde umfassend getestet und alleine mit den ausgelesenen Kartennummern kann man nichts anfangen. Die verwendeten Sicherheitsstandards sind zertifiziert. Es wurden zahlreiche Prüfungen durchgeführt, bevor die Karten nun großflächig eingesetzt werden.

Bei futurezone.at-Lesern besteht die Befürchtung, dass Diebe mit mobilen Lesegeräten durch die Gegend spazieren und von den NFC-Bankomatkarten in den Hand- und Hosentaschen der Leute Geld abbuchen könnten. Was sagen Sie dazu?
Da müsste das Gerät schon direkt an die Geldbörse gehalten werden. Mit den dann theoretisch ausgelesenen Kartennummern könnten die Gauner aber – wie gesagt – nichts anfangen. Die Mühe wäre also vergebens.  

Aus Ihrer Sicht ist die NFC-Bankomatkarte derzeit sicher?
Ja.

Was wäre, wenn es im Echtbetrieb dann doch zu Sicherheitsproblemen kommen würde?
Faktum ist, dass die Banken natürlich ein Limit einziehen werden. Das heißt, man kann mit den Karten nicht unendlich oft hintereinander zahlen. Ab einer bestimmten Zahl an Transaktion muss wieder ein PIN-Code eingetippt werden, damit ein Tracking gegeben ist. Dadurch wird das Risiko beschränkt. Die NFC-Bankomatkarte ist damit noch immer sicherer als Bargeld. Wenn das verloren geht, haftet niemand dafür.

Vor kurzem ist mit "Paloma 1" ein erstes Pilotprojekt gestartet im Bereich "mobile payment", an dem sich die PSA beteiligen wird. Wird es künftig ein mobiles Wallet, also eine virtuelle, mobile Geldbörse, geben?
Mobile Bezahlung ist ein wesentliches Thema, wir gehen hier schrittweise vor. Das Pilotprojekt wird bis Mitte des Jahres laufen. Die Bankomatkarte wird dabei virtualisiert und in ein mobiles Wallet gebracht. Danach wird gemeinsam mit allen involvierten Partnern entschieden, in welche Richtung man das Wallet weiterentwickelt. Es ist natürlich eine gemeinsame Anstrengung von Telekommunikationsunternehmen, Banken, Herstellern - da sitzen viele Stakeholder an einem Tisch. Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, die Bankomatkarte in das mobile Wallet zu integrieren.

Wenn Sie sagen, dass auch Telekommunikationsanbieter dabei sind: Wie schwierig war es, diese alle an einen Tisch zu kriegen?
Zu ersten Gesprächen an einem Tisch gesessen sind bereits alle, aber die Details stehen noch nicht fest. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass eine mobile Plattform nur dann funktionieren kann, wenn möglichst alle Teilnehmer dabei sind. Meine Vision ist eine Plattform, auf der alle Mobilfunkbetreiber und alle Banken eine gemeinsame Lösung schaffen, die es möglich macht, bei allen Händlern bezahlen zu können - also interoperabel und standardisiert. Bei der mobilen Bankomatkarte soll auf die Infrastruktur der Banken zurückgegriffen werden. Das sind die Prämissen, unter der auch das Pilotprojekt aufgebaut wird, das vergangene Woche gestartet ist.

Wie wird die Zukunft von NFC aussehen - mobil oder Karte?
Das Thema Bezahlmöglichkeiten an sich ist komplementär zu sehen. Es wird immer Bargeld geben, es wird die Karte geben und mobile Bezahlung zusätzlich. Es wird aber zu einer Verschiebung kommen. Wenn man sich die junge Generation anschaut, die bereits als 'Digital Natives' aufwächst, ist diese Gruppe viel affiner für mobiles Zahlen. Daher wird aus meiner Sicht auch das Bargeld mehr und mehr verdrängt werden. Aber natürlich hängt das auch damit zusammen, was ich am Ende mit dem Mobilgerät machen kann. Ich glaube, dass der Bereich Loyalität sehr interessant wird, weil man dann, wenn man Angebote direkt aufs Handy bekommt, viel mehr Anreize hat, aktiv zu werden, als das bisher durch Papierinformationen der Fall war. Mobiles Bezahlen wird die Zukunft sein.

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Zur Person:
Rainer Schamberger ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Payment Services Austria (PSA). Der 44-Jährige leitete zuvor als Geschäftsführer den Zahlungsverkehr der Bawag P.S.K. Der diplomierte Informatiker verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Financial Services und IT-Bereich.

Zu PSA:
Im Zuge der Strukturveränderung bei der PayLife Bank GmbH wurde der Bereich Bankomatkartenabwicklung und Betrieb des österreichischen Bankomatsystems in die neu gegründete Gesellschaft Payment Services Austria GmbH (PSA) mit Sitz in Wien abgespaltet. Die PSA ist in Österreich als Technologieprovider für den Roll-Out der NFC-Bankomatkarten an die Banken verantwortlich.