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Luftfahrt

Österreicher entwickeln EU-Abfangdrohne mit

Da es im Zuge organisierter Verbrechen immer wieder zu Fluchtversuchen Krimineller in Fahrzeugen oder Motorbooten kommt, möchte die EU mit AEROCEPTOR Techniken entwickeln, um diese zu stoppen. Gesetzeshüter sollen unbemannte Flugdrohnen einsetzen können, um Fluchtfahrzeuge zu orten und aufzuhalten, um das Risiko für beteiligte und unbeteiligte Personenen, dabei zu Schaden zu kommen, zu minimieren.

Abkehr von physischen Konfrontationen
Laut der Projektbeschreibung von AEROCEPTOR sollen multidisziplinär Methoden entwickelt werden, die "disproportionale und unbeabsichtigte Resultate physischer Abfangverfahren" umgehen. Ziel ist es, einen "neuen Stil" zu finden, der sich von einem physischen Zugriff unterscheidet.

Aus mehreren Gründen soll eine unbemannte Drohne das Mittel der Wahl dafür sein:
- Während eines Drohneneinsatzes sind Sicherheitskräfte ungefährdet und machen dadurch weniger Fehler.
- Drohnen reduzieren das Risiko von Überreaktionen bei Abfangeinsätzen.
- Drohneneinsätze sind günstiger und umweltfreundlicher als Bodeneinsätze.
- Drohnen vereinen eine hohe automatisierte Einsatzfähigkeit mit menschlicher Entscheidungsfähigkeit.

Angriff auf die Bordelektronik
Wie heise.de berichtet, sind unterschiedliche Techniken vorstellbar, um ein ferngesteuertes Abfangen aus der Luft ("aero" und "intercept" ergibt AEROCEPTOR) zu ermöglichen. Eine Drohne könnte mit einem Störsender ausgestattet sein, der die Bordelektronik von PKW oder Boot lahmlegt. Außerdem ist der Einsatz nicht-tödlicher Waffen vorstellbar, etwa Gummigeschosse, Leuchtraketen, Rauch- oder Blendschockgranaten.

Das wahrscheinlich fortschrittlichste Abfangszenario: Die Drohne verschafft sich Zugriff auf eine im Fahrzeug verbaute SIM-Karte, erhält dadurch Kontrolle über den Bordcomputer und stoppt den Motor. Die Projektbeschreibung enthüllt allerdings keine konkreten Ansatzpunkte.

Österreichische Beteiligung
Beginnend mit 1. Jänner 2013 soll das Projekt drei Jahre lang dauern. Als Budget sind vorerst 3,5 Millionen Euro veranschlagt. Unter den 15 an AEROCEPTOR beteiligten Institutionen befinden sich auch zwei österreichische: Das Austrian Institute of Technology (AIT) und die Sigmund Freund Privatuniversität. Sie arbeiten unter der Leitung des spanischen Instituto Nacional de Tecnica Aerospacial und wurden im Rahmen der Security-Ausschreibung des 7. Rahmenprogramms der Europäischen Union für das Projekt angeworben.

Das AIT steuert dem Projekt vor allem seine Expertise bei der Prüfung der Zuverlässigkeit von sicherheitskritischen Systemen, bei der Prüfung und Bewertung der Kommunikation sowie bei der szenario-basierten Risikoanalyse bei. Bei der Risikoanalyse hebt das AIT verschiedene Anwendungsfälle hervor, etwa die Lagebilderstellung bei Katastrophen und Großveranstaltungen, die Vernetzung der Einsatzkräfte, den Schutz kritischer Infrastrukturen und Vermessungsaufgaben.

Die Sigmund Freund Privatuniversität (SFU) hüllt sich zu AEROCEPTOR noch in Schweigen. Als Kontaktperson für das Projekt ist der Leiter des Center for European Security Studies (CEUSS) der SFU ausgewiesen. Das CEUSS beschäftigt sich mit der Analyse nationaler und europäischer Institutionen und Entscheidungssysteme im Sicherheitssektor, mit Sicherheitskulturforschung und Katastrophenforschung im europäischen Vergleich.

 

Die Flugerlaubnis-Frage
Drohnen, in der Fachsprache meist "unmanned aerial vehicle" (UAV), "unmanned aerial system" (UAS) oder "remotely piloted aircraft systems" (RPAS) genannt, sind in ihrer Flugerlaubnis zur Zeit noch relativ beschränkt. In Österreich dürfen sie in abgesperrten Lufträumen getestet werden, in anderen Ländern gar nicht. Um mit einer Drohne ein Fahrzeug oder ein Boot zu verfolgen, müsste das Fluggerät für den zivilen Luftraum freigegeben sein.

Die Voraussetzungen dafür sind aber streng. Eine Drohne muss die selben Auflagen wie ein Verkehrsflugzeug erfüllen. Dazu zählen etwa redundante Sicherheitssysteme, die auch dann funktionieren, wenn der Kontakt zur Bodenstation, von der aus die Drohne gesteuert wird, unterbrochen wird. Derzeit gelten Drohnen noch als relativ unzuverlässig. Wie der Blog Drone Wars UK auflistet, verunglücken jährlich dutzende UAVs - und bei weitem nicht alle werden am Himmel über Afghanistan abgeschossen.

Die Europäische Union will die Einführung von Drohnen in den zivilen Luftraum aber schnell vorantreiben. Drei Arbeitsgruppen arbeiten an einem Fahrplan für dieses Vorhaben. Dieser Fahrplan soll im Frühling 2013 veröffentlicht werden. Als optimistisches Ziel gilt das Jahr 2016. Bis dahin soll der "Single European Sky" gediehen sein, ein gesamteuropäisches Rahmenwerk für eine einheitliche Luftfahrtkontrolle.

 

LAPD jagt Amokläufer mit Drohnen
In den USA werden Drohnen unterdessen bereits erfolgreich im zivilen Luftraum eingesetzt. In Kalifornien waren Drohnen des Los Angeles Police Department (LAPD) mit Wärmebildkameras im Einsatz, um den flüchtigen Ex-Polizisten Christopher Dorner aufzuspüren, berichtete The Verge. Der Mann mit US-Navy-Ausbildung hat drei Menschen getötet und kündigte in einem Manifest einen Privatfeldzug gegen korrupte Beamten an - weitere Gewalttaten wurden befürchtet. Mittlerweile wurde der Mann jedoch in einem Holzhaus aufgespürt, welches während der Erstürmung in Flammen aufging und mitsamt des darin verschanzten Dorner niederbrannte. Laut Obduktion habe er sich jedoch bereits zuvor in den Kopf geschossen, schreibt der Guardian.

Ethische Bedenken
Drohnen-Einsätze sind gerade in den USA höchst umstritten. Vor allem der Gebrauch bewaffneter Kampfdrohnen und der damit verbundene Anstieg von zivilen Opfern löste eine Debatte über die moralische Vertretbarkeit solcher Vorgehensweisen aus. "Wir haben eine ganze Reihe von Sicherheitsmechanismen in Bezug auf die Durchführung von Anti-Terror-Operationen außerhalb der Vereinigten Staaten", äußerte sich Präsident Barack Obama erst vor kurzem zur Drohnen-Causa. Unter seiner Amtszeit haben sich Drohneneinsätze - vor allem in Afghanistan - vervielfacht. Wie The Atlantic beschreibt, bewegt sich der US-Präsident damit auf einem schmalen Grat zwischen einer kaum zu bewerkstelligenden Rechtfertigung für gezieltes Töten von Menschen und dem Jubel über ein gnadenloses Vorgehen gegenüber Staatsfeinden.

 

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David Kotrba

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