Science
29.09.2013

"Staat soll Lern-Software finanzieren"

Digitale Technologien erfassen zusehends sämtliche Lebensbereiche der Menschen. Auch im Unterricht spielen Computer mittlerweile eine zunehmende Rolle.

Was das in Zukunft für das Lernen bedeutet, erforscht Neurowissenschaftler Martin Korte an der TU Braunschweig. Die futurezone hat den Wissenschaftler am Rande der Technologiegespräche Alpbach zum Interview getroffen:

Sie haben in Alpbach einen Vortrag zum Thema “iLearning – the future of learning in the digital world” gehalten. Ist es wirklich entscheidend, wie Lerninhalte präsentiert werden?
Ja und Nein. Es wäre falsch zu sagen, dieses oder jenes Medium ist von vornherein gut oder schlecht. Wichtig sind die Inhalte. Sowohl bei Lehrern als auch bei Büchern und digitalen Vermittlungsmedien gibt es Qualitätsunterschiede.

Worauf muss besonders geachtet werden, um gute Lernfortschritte zu erreichen?Menschen haben soziale Gehirne, das heißt sie lernen am besten von anderen Menschen. Nachahmung ist die beste Lernstrategie. Digitale Wissensvermittlung kann deshalb immer nur als Ergänzung eingesetzt werden und niemals die Lehrer verdrängen. Menschliche Bezugspersonen sorgen für Motivation und dienen als Identifikationsfiguren. Auch die Aktivität ist wichtig. Je stärker Menschen sich beim Lernen aktiv einbringen können, desto besser. Auch hier bieten interaktive Programme viele Möglichkeiten.

Trotzdem gibt es einen regelrechten Hype um Online-Vorlesungen, die ja ohne direkten Kontakt zu den Lehrenden auskommen.
Gerade in den USA war das eine Zeit lang so. Aber auch hier wurde erkannt, dass es ohne Lehrer nicht funktioniert. Die großen Unis in Amerika sind bereits dabei, ihre Programme zurückzufahren.

Wozu brauchen wir dann überhaupt digitale Instrumente im Unterricht?
Als zusätzliches Element können Anwendungen wie Lernspiele einen wertvollen Beitrag leisten. Die Lehrer müssen aber wissen, wie die Technologien in den Unterricht eingebaut werden können und die Schüler entsprechend instruieren. Dann können einzelne Schüler individueller betreut werden, indem die Software entsprechend eingestellt wird. Im konventionellen Unterricht müssen sich die Lehrer hingegen am Durchschnitt orientieren.

Ist das Angebot an entsprechender Software groß genug?
Derzeit ist der Markt zu schwach. Die Kosten für die Hersteller sind deshalb hoch und so produzieren die Software-Entwickler lieber Ballerspiele.

In welchen Bereichen macht der Einsatz digitaler Werkzeuge besonders Sinn?
Viel Potenzial gibt es etwa in der Begleitung von Hausübungen. Hier könnten die Lehrer den Fortschritt praktisch in Echtzeit kontrollieren und die Betreuung individuell anpassen. Investitionen würden sich hier wirklich lohnen. Der Staat sollte - wie bei Schulbüchern – für die Herstellung der Software bezahlen

Wie präsentiert sich die Situation in Klassenzimmern und Hörsälen derzeit?
Gerade in Deutschland und Österreich gibt es noch einiges an Luft nach oben. Im OECD-Vergleich sind wir hier nicht vorne mit dabei. Es fehlt hauptsächlich an Geld.

Gibt es Aussicht auf Besserung?
Unmöglich ist es nicht, realistischerweise muss aber gesagt werden, dass das Wort “Bildung” Politikern immer leicht über die Lippen geht, sobald es um Investitionen geht, wird es aber schwierig.

Warum spielt digitale Technologie beim Lernen im deutschsprachigen Raum eine untergeordnete Rolle?
Wie gesagt fahren auch die USA entsprechende Programme mittlerweile wieder zurück. Aber dort testet man immer wieder Neues. Bei uns wird erst losgelegt, wenn in Amerika alles schon wieder vorbei ist. In Deutschland und Österreich sind die Menschen kritischer gegenüber neuer Technologie. Außerdem ist der Einsatz auch eine Kostenfrage. US-Eliteunis haben Geld, in Europa scheuen die Universitäten die hohen Investitionen, etwa in Server und deren Energieversorgung. Die Bildungstradition in unseren Breiten eine andere macht uns skeptischer. Das ist einerseits gut, da wir dadurch auf bereits von anderen getestete Techniken zurückgreifen können, andrerseits verpassen wir aber auch Chancen.

In welchen Unterrichtsgegenständen macht der Einsatz digitaler Technologie Sinn?
Bei Sprachen zum Beispiel kann der Unterricht enorm profitieren. Dort geht es oft um das Nachstellen von Alltagssituationen. Das kann mit digitalen Videos sehr gut übernommen werden. Trotzdem braucht es natürlich menschliche Ansprache, da die Motivation sonst sehr schwierig ist. Auch in Fächern wie Geometrie kann mit bewegten Bildern vieles besser illustriert werden.

Wissen die Lehrer überhaupt über die Möglichkeiten digitaler Lehrmittel Bescheid?
Nein. Unsere Lehrer brauchen Erfahrung mit den Technologien. Das müsste bereits in die Lehramtsstudien inkorporiert werden. Wir stehen hier insgesamt noch am Anfang, es ist auch noch einiges an Forschungsarbeit notwendig.

Die Technologie entwickelt sich zudem ja stetig weiter.
Deshalb müssten Lehrer auch regelmäßig Fortbildungsprogramme in Anspruch nehmen.

Wie werden neue Technologien das Lernen in Zukunft weiter beeinflussen?
Wie und was wir lernen wird sich ändern. Das Wissen, das wir heute vermitteln kann in einigen Jahren bereits weniger relevant sein. Deshalb wird lebenslanges Lernen immer wichtiger. Früher erlernten Menschen oft einen Beruf und hörten danach auf, sich weiterzubilden. Das geht heute nicht mehr.

Durch Suchmaschinen und das Internet ist das Auffinden von Informationen viel einfacher geworden als früher. Wer etwas nicht weiß, kann heute in Sekunden nachschauen. Schmälert das die Rolle des Lernens?
Ohne entsprechendes Wissen können sie keine guten Suchabfragen im Netz starten. Vorhandenes Wissen erleichtert zudem die Aufnahme neuer Informationen. Das Beurteilen von Quellen ist ohne Bildung ebenfalls schwierig. Deshalb ist es heute wichtiger denn je, eine gute Allgemeinbildung zu gewährleisten. Mündige Bürger sollen ja fähig sein, Dinge zu hinterfragen. Das geht nicht, wenn ich alles erst googeln muss.

Überfordert die im Netz zur Verfügung stehende Information die Menschen?
Es ist heute auch wichtig zu lernen, wie man richtig sucht. Es ist gut, dass es viel wissen in der Welt gibt. Wer wichtige Grundprinzipien verstanden hat, kann das gut reduzieren und sich relevante Information herauspicken. Ob das bei Wikipedia oder in einem Buch passiert, macht keinen Unterschied.

Gilt das auch für das Lernen?
Bei jungen Leuten wurde festgestellt, dass die Gewöhnung an das Lesen am Bildschirm dazu führt, dass oberflächlicher gelesen wird. Bücher trimmen das Gehirn auf längerfristige Informationsaufnahme. Diese Konditionierung kann die Aufnahme von Information erschweren. Das Ergoogeln einer Hausübung reicht deshalb oft nicht, um ein Thema zu erfassen.

Welchen Einfluss haben Smartphones und Tablets, die Lesegewohneheiten ja nochmals verändern?Einzelne Studien besagen, dass junge Menschen, die mit Smartphones sozialisiert worden sind, sich im Kopf Suchstrategien statt Antworten zurechtlegen, wenn ihnen Fragen gestellt werden.

Zur Person
Der 1964 geborene Martin Korte ist Biologe an der Technischen Universität Braunschweig. Dort erforscht er die zellulären Grundlagen von Lernen und Gedächtnis.

Technologiegespräche
Die Alpbacher Technologiegespräche haben vom 22. bis 24. August stattgefunden. Die futurezone war vor Ort und liefert in den kommenden Tagen weitere Berichte über die interesanntesten Themen.