Schäden in Japan nach dem verheerenden Tsunami von 2011

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Science
05/21/2014

“Unser Job ist es, Katastrophen zu verhindern”

In Japan zu leben ist gefährlich. Erdbeben, Tsunamis und Taifune richten regelmäßig große Schäden an. Die futurezone hat sich in Tokio über die Schutzmaßnahmen informiert.

Die Japan Meteorological Agency (JMA) in Tokio sorgt dafür, dass die Menschen im Falle einer Naturkatastrophe so viel Vorwarnzeit wie möglich haben. Die futurezone war zu Besuch im Hauptquartier.

Hinter einer Glasscheibe in einem langen, nur schummrig ausgeleuchteten Gang in einem unscheinbaren Gebäude mitten in der japanischen Hauptstadt Tokio versammelt sich eine Gruppe von Menschen in weißen Hemden und Krawatte um einen Bildschirm, der seismografische Daten anzeigt. Soeben haben die Messinstrumente der JMA eine Erschütterung registriert. Große Aufregung herrscht aber nicht bei den Männern, die sich die Daten ansehen. Sie sind allesamt Experten, Teil der Abteilung “Erdbeben, Tsunamis und Vulkanismus” der JMA, und sie registrieren solche Erschütterungen mehrmals am Tag. Wäre das Beben stärker gewesen, hätte eine automatisierte Ansage die Stärke auf der Richter-Skala verkündet und die Fachleute würden innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob eine Tsunamiwarnung ausgegeben wird oder nicht. Das funktioniert deshalb so schnell, weil in einer Datenbank der JMA eine große Menge vorberechneter Simulationen von Erdbeben mit Epizentren an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Tiefen gespeichert sind. Im Falle eines Erdbebens wird die am besten passende Simulation als Basis für die Tsunamiberechnung herangezogen.

Schnelle Reaktion

“Unsere Reaktionszeit ist wirklich sehr sehr kurz”, sagt Tatsuya Kimura von der JMA zur futurezone. Vor allem der Einsatz moderner Informationsverarbeitungssysteme hat die Arbeit der JMA extrem beschleunigt. Vor 25 Jahren brauchten die Experten rund 25 Minuten, um nach einem Beben eine Tsunamiwarnung herauszugeben. Eine rechtzeitige Warnung kann den Bewohnern Japans im Ernstfall wertvolle Zeit verschaffen, um sich in Sicherheit zu bringen. Perfekt ist das System aber auch heute nicht. “Beim Tsunami von 2011 haben wir die Lage unterschätzt, weil unsere Seismometer gesättigt waren. Das Beben war also so stark, dass wir seine Ausmaße zunächst überhaut nicht bestimmen konnten. Wir sind von einer Wellenhöhe von drei bis sechs Meter ausgegangen. Viele Leute sind deshalb in ihren Häusern geblieben, weil sie dachten, die Wehranlagen würden sie schützen. Unsere Fehleinschätzung war ein Mitgrund dafür, dass 15.000 Menschen gestorben sind”, erinnert sich Kimura.

Als Konsequenz aus dieser verheerenden Erfahrung hat die JMA die Zahl der Abstufungen bei Tsunamiwarnungen drastisch reduziert. Heute würde der Bevölkerung ab einer erwarteten Wellenhöhe von mehr als einem Meter einfach nur noch gesagt “Es wird schlimm. Bringt euch in Sicherheit”. Zudem wurde das Netz aus Seismographen und Tsunamimetern seit 2001 verbessert und ausgebaut. Vor allem die Tiefsee-Tsunamimeter, die Drucksensoren auf dem Meeresgrund sind, sollen die Vorhersage für Tsunamis verbessern.

Die JMA versorgt aber nicht nur Japan mit Informationen zu Wetter, seismischen Aktivitäten oder Vulkanismus. Der gesamte südostasiatische Raum wird im Ernstfall mit Daten versorgt. “Wir haben etwa die Philippinen beim Taifun Hayan mit einem Tidenhub-Modell versorgt”, so Kimura. Selbst wenn die Zentrale in Tokio bei einem Erdbeben zerstört würde, bleibt das JMA einsatzbereit. Im Notfall übernimmt eine zweite Instanz in Osaka die Aufgaben. Einzig der Supercomputer, der nötig ist, um die Simulationen herzustellen, ist nicht redundant ausgelegt. “Würde Tokio von einem Beben verwüstet, das auch unseren Supercomputer in Mitleidenschaft zieht, müssten wir auf die Rechenkapazitäten unserer Schwesterorganisationen in Europa, den USA oder Australien zurückgreifen. Das würde unsere Möglichkeiten einschränken, wir blieben aber einsatzfähig”, so Kimura.

Das ist auch ein Grund, warum die benötigten Rechenleistung nicht aus der Wolke bezogen wird. “Wir müssen im Ernstfall sehr schnell reagieren. Das ist mit einer Cloud-Lösung heute einfach nicht möglich”, erklärt der JMA-Vertreter. Im Falle eines Erdbebens werden etwaige Tsunami-Warnungen innerhalb von zwei bis drei Minuten ausgegeben. Die Richtlinien, die anschließend an die regionalen JMA-Zentren weitergeschickt werden, werden innerhalb von fünf Minuten verschickt.

Beben im Visier Das jährliche Budget der JMA liegt bei rund 700 Millionen US-Dollar (rund 510 Millionen Euro). Mit diesem Geld werden die kompletten Wettervorhersage-Angebote und die Naturkatastrophen-Vorwarnsysteme betrieben. Rund 5200 Personen sind bei der JMA beschäftigt. “Unser Job ist es, Katastrophen zu verhindern, indem wir den Menschen genug Zeit und die nötigen Informationen geben, um sich in Sicherheit zu bringen”, so Kimura. Selbst vor Erdbeben will die JMA in Ausnahmefällen warnen können. “Eigentlich sind Erdbeben nicht vorhersagbar. Im Tokai-Gebiet in Japan ist die Struktur der tektonischen Platten aber besser untersucht als in jedem anderen Gebiet der Erde. “Bei ungewöhnlicher Aktivität schicken wir Warnungen aus. Wir könnten ein großes Beben hier eventuell vorhersagen. Das passiert statistisch gesehen alle 150 bis 200 Jahre”, sagt Kimura.

Disclaimer: Die futurezone reiste auf Einladung von Fujitsu nach Tokio.