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Forschung

Virtuelle Assistenten helfen durch den Alltag

Der Mann ist an die 80 Jahre alt. Nennen wir ihn Hans Müller. Wenn er morgens aufsteht, geht er ins Wohnzimmer, tippt auf seinen Monitor oder wischt über die Bildfläche und schon erscheint der virtuelle Assistent oder die Assistentin, je nachdem wen Herr Müller sich als Alltagsbegleiter ausgesucht hat. Er/sie bespricht eventuell anfallende Arzttermine oder erinnert an Medikamenteneinnahe. Der Avater macht auch von sich aus Vorschläge, - einen Spaziergang vielleicht? Denn am Vortag hat Herr Müller das Haus nicht verlassen. „Herr Müller kann seinen ganzen Tag mit dem Avatar besprechen“, beschreibt Stefan Kopp von der Universität Bielefeld seine Vision. „Er kann auch Wünsche äußern, dass er etwa gerne mit seinem Freund Fritz nachmittags Kaffeetrinken möchte, und der Assistent mailt oder ruft den Freund an.“

Ein Avatar von der Stange

Der virtuelle Assistent fällt in die Kategorie der Unterstützungstechnologie. Dieser ebenso schwammige wie weitgefasste Begriff beinhaltet vieles: von der Speziallupe bis zu Spracherkennungsprogrammen und Kalenderdiensten. Was den Forschern der Universitäten Bielefeld und Duisburg-Essen vorschwebt, ist ein virtuelle Figur mit einer noch nie dagewesenen Fülle an Fähigkeiten und Funktionen. Das auf drei Jahre anberaumte Projekt heißt KOMPASS zur – im Fachjargon – Entwicklung von „sozial kooperativen virtuellen Assistenten als Tagesbegleiter für Menschen mit Unterstützungsbedarf.“

Getestet wird der Assistent mit der kindlichen Figur unbestimmten Geschlechts namens Billie. „Der Avatar hat nichts mit unserem späteren Design zu tun“, erklärt Stefan Kopp. „Den haben wir günstig im Internet gekauft.“ Künftige Nutzer sollen Namen sowie Geschlecht, Alter und Aussehen ihrer Assistenten selber bestimmen können.

Künstliche Intelligenz geht individuell auf den Menschen ein

Versuche von virtuellen Assistenten gebe es schon eine Weile, meint Klaus Miesenberger von der Johannes Kepler Universität in Linz. Eines der Probleme sei immer: Was jeder Nutzer will, ist sehr individuell und verändert sich auch. „Das System muss sich also anpassen können.“ Und ein Kernpunkt sei dabei auch die Sprache.

Das ist auch dem KOMPASS-Team bewusst, und es arbeitet daher mit Interaktionslinguisten zusammen. Denn: „Ein Dialogsystem wie bei einem Pizzadienst reicht ja nicht“, erklärt Stefan Kopp. Der Mensch muss das Gefühl haben, der Avatar versteht mich. Er geht auf mich ein.“ Das Gespräch zwischen den Senioren und ihrem Avatar müsse auch einer kleinteiligen Struktur folgen. Diese ist typisch dafür, wenn man jemandem etwas erklären muss. „Das System muss nachfragen, ob der Nutzer verstanden hat. Aber das muss natürlich auf einfühlsame Weise und nicht von oben herab erfolgen.“

Ein Lächeln ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen

Doch es geht nicht nur um Worte. Der virtuelle Assistent muss auch Laute bzw. Körperhaltung interpretieren können. Hochauflösende Kameras sollen dem System die Befindlichkeit des Nutzers vermitteln. „Der Avatar muss wahrnehmen: Ist der Mensch gestresst, zerstreut oder vielleicht verunsichert“, so Stefan Kopp. „Es muss unterscheiden, ob jemand ein kräftige Aha oder eine niedergeschlagenes Hmhm von sich gibt.“ Solche Informationen würde das System von sich aus an den Pflegedienst übermitteln.

Sozialpsychologen befassen sich außerdem damit, wie verbindlich ein virtueller Assistent sein muss, damit er emotional angenommen wird. Dazu machten die Forscher u.a. Studien mit einem wahren Urgestein der Avatare: mit dem 1999 an der Universität Bielefeld entwickelten Max. Wenn Max die Versuchspersonen anlächelte, reagieren sie so, als wäre Max ein Mensch: Sie lächelten ganz instinktiv zurück.

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Madeleine Amberger

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