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Science
01/13/2020

Wie menschlich dürfen Roboter sein?

Androide, die uns ähnlich sehen, faszinieren uns, lösen aber auch Unbehagen aus.

von Andreea Iosa

Gruselig, unheimlich und dennoch anziehend. Auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas wurden vor allem einer technischen Innovation diese Attribute zugeschrieben: einem künstlichen Arnold Schwarzenegger als Terminator. Der Robo-C des russischen Start-ups Promobot erzählt den Besuchern Witze, beantwortet ihre Fragen und verfolgt sie mit seinem Blick. Trotz der Faszination ihm gegenüber hinterlässt er dennoch ein unbehagliches Gefühl. Und das ist normal.

„Unheimliches Tal“

In der Roboterforschung gibt es dafür sogar einen Begriff: „Uncanny Valley“ – zu Deutsch: „Unheimliches Tal“. An beiden Enden des Tals steigt das Wohlbefinden, aber nur, wenn ein Roboter komplett abstrakt oder zu 100 Prozent menschenähnlich ist.  „Grundsätzlich bringt Menschlichkeit auf einem niedrigen Level mehr Sympathie. Wenn wir also auf einen klassischen Industrieroboter in Form eines Schwenkarms zwei Augen packen, steigt sie“, erklärt Medienpsychologin Martina Mara von der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz der futurezone. Viele empirische Untersuchungen belegen dieses Phänomen.

Designcharakteristika, die eine Ähnlichkeit zum Menschen erzeugen können, gibt es laut Sabine Köszegi, Vorsitzende des Österreichischen Rats für Robotik und künstliche Intelligenz (KI), reichlich: Die Verwendung natürlicher Sprache, das physikalische Design, die Nachempfindung von Bewegungen und Gesten, Blickkontakt oder implementierte Verhaltensregeln seien nur einige davon. „Diese Charakteristika können die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen erleichtern und die Koordination vereinfachen. Wenn ein Roboter ein Glas mit einer ähnlichen Bewegung und in einer ähnlichen Geschwindigkeit überreicht, wie der Mensch, ist es für Nutzer einfacher, sicherer und angenehmer“, sagt sie. Aus diesem Grund mache es in gewissen Anwendungsgebieten Sinn, Roboter bis zu einem gewissen Grad menschenähnlich zu gestalten.

Sympathie hat Grenzen

Befindet sich ein Roboter allerdings in einer Grauzone zwischen lebendig und leblos, hält sich die Sympathie – wie beim Arnie-Double –  in Grenzen. „Wenn ein Mensch nicht mehr sicher ist, in welche Schublade die Figur gehört, wird sie als unheimlich wahrgenommen“, sagt  Mara. Erst wenn Maschinen perfekt realistisch werden, dass wir keinen Unterschied mehr zum Menschen feststellen können, steigt die Sympathie wieder an, „weil wir ihnen dann so begegnen wie Menschen“, erklärt die Roboterpsychologin. Ob wir jedoch in solch einer Welt leben wollen, in der wir Mensch und Maschine nicht mehr unterscheiden können, sei eine andere Frage.

Die Erkenntnis über diese Wirkung nicht ganz perfekter Kunstmenschen gibt es Mara zufolge jedenfalls schon lange. 1906 gab es den allerersten Aufsatz zur „Psychologie des Unheimlichen“ vom deutschen Psychiater Ernst Jentsch. Er bezog sich auf die Unheimlichkeit von realistischen Prothesen oder Androiden aus der Literatur. Stichwort: Olympia aus Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Der Protagonist ist in eine weibliche Figur verliebt, die ein Automat ist. Auf Basis dieser Figur und der Armprothesen erkannte Jentsch, dass es einen besonders starken Auslöser für Unheimlichkeit gibt: „Der Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei“.

Und dennoch ziehen uns Roboter gleichzeitig an. „Die Faszination liegt genau darin, dass wir autonomen Robotern soziale Handlungs-Kompetenzen und -Fähigkeiten zuschreiben. Wir verhalten uns, als ob wir es mit einem Menschen zu tun hätten. Gleichzeitig wissen wir, dass wir mit einer Maschine kommunizieren“, sagt Sabine Köszegi. Ihr zufolge halten uns die Roboter einen Spiegel vor und zeigen  als technische Artefakte sehr viel über uns selbst.

Charakter kopiert

Neben schwitzenden, tanzenden und wütenden Robotern gibt es auch welche mit mehr „Persönlichkeit“. Der Promobot-Android etwa kann auf Wunsch  individualisiert werden und zum Beispiel das Gesicht und den Charakter des Käufers tragen. Über 600 Gesichtsausdrücke und 100.000 Sprachmodule wurden für Robo-C entwickelt. Ziel des Unternehmens ist es, mit öffentlich zugänglichen Daten  aus sozialen Netzwerken den Charakter des Roboters so zu formen, dass er der imitierten Person möglichst  ähnlich wird.

Laut Mara ist der Mensch aber viel zu komplex: „Man wird einen Roboter niemals perfekt hinbekommen können. Es wird zwangsläufig zu einem imperfekten Doppelgänger kommen, der umso gruseliger erscheint, wenn man die echte Person gut gekannt hat“, sagt sie. Schon  Sigmund Freud habe insbesondere den Doppelgänger als unheimlich beschrieben, erinnert die Expertin. Der Durchschnittsmensch will ihn jedenfalls nicht: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass solch ein Angebot über eine Nischen-Kundengruppe hinaus einen breiten Erfolg haben wird.“

Von technischen Tier-Klonen hingerissen

Während menschliche Roboter in der Regel als gruselig wahrgenommen werden, scheinen technische Tier-Imitate tendenziell besser anzukommen. Laut Roboterpsychologin Martina Mara liegt dies in erster Linie an der Kategorie. Demnach steht uns jene des Menschen einfach näher, „weil sie unsere Spezies ist“. Auch seien  Tiere  oft kleiner: „Das bedeutet weniger Dominanz, weniger Bedrohung und weniger Funktionen.“

Das wohl berühmteste Tier-Imitat ist die Robbe Paro. Sie wird in der tiergestützten Therapie eingesetzt und soll Patienten beruhigen. Wird sie gestreichelt, reagiert sie mit Bewegungen. Dass sie ausgerechnet eine Robbe ist, hat einen Grund: Imperfekte Imitate von Tieren, die der Mensch gut kennt, können ebenfalls unheimlich wirken, weiß Mara. Nach etlichen Versuchen mit Katzen- und Hunde-Klonen entschied sich der Entwickler Takanori Shibata  für diese Figur, weil Menschen deren Schemata nicht allzu gut kennen.

Umschwärmter Hund

Doch es gibt Ausnahmen: Ein Beispiel für einen gelungenen Roboterhund ist der Therapiewelpe Jennie. Entwickelt wurde er vom Start-up Tombot, um demenzkranke Patienten zu entspannen. Er reagiert auf Streicheleinheiten, etwa mit Schwanzwedeln.