Start-ups
06.06.2018

"Die Ohren kann man ja nicht einfach umoperieren"

Dragan Petrovic, CEO des Kopfhörer-Start-ups nura, erklärt im Interview, woran Sound-Systeme in der Regel scheitern.

Wie erreicht man den perfekten Klang? Unzählige Audio-Hersteller haben sich dieser Frage verschrieben und jahrzehntelang immer neue Lautsprecher und Kopfhörer auf den Markt gebracht. Für Dragan Petrovic, Gründer des australischen Start-ups nura, wurde dabei aber stets ein wesentlicher Faktor außer Acht gelassen: Dass Menschen, selbst wenn sie keine offensichtliche Hörbeeinträchtigung haben, gewisse Frequenzbereiche völlig unterschiedlich wahrnehmen und im Hirn verarbeiten.

Wie Brille ohne Dioptrien-Messung

"Ein Sound-System zu entwickeln, welches das völlig ignoriert, ist eigentlich absurd. Das ist wie eine perfekte Brille herzustellen, ohne die Dioptrien des Trägers zu messen“, sagt Petrovic im Interview mit der futurezone. „Wenn man einen optimalen Klang erreichen will, muss das ausgesendete Audiosignal perfekt mit dem Empfänger zusammenpassen. Und da man die Ohren ja nicht einfach umoperieren kann, bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als die Signalquelle entsprechend anzupassen“, erklärt Petrovic.

Im Fall von nura erledigt dies ein innovativer Kopfhörer namens nuraphone, der sein Klangprofil nach dem Hörvermögen der Nutzer justiert. Dazu misst er kaum hörbare Audiosignale, die von der Gehörschnecke (Cochlea) ausgesendet werden, wenn Musik auf das Ohr trifft. Ein ausgeklügelter Algorithmus berechnet, welche Frequenzen der Kopfhörer-User überproportional wahrnimmt und pegelt die Musik schließlich so aus, dass ein besonders homogener Klang entsteht. Im futurezone-Test klappte das ausgezeichnet.

Was ein bisschen nach Voodoo und cleverem Marketing klingt, hat im Fall von nura aber tatsächlich einen wissenschaftlichen Hintergrund. Denn mit dem Co-Gründer Luke Campbell ist ein gelernter Ohrenchirurg mit an Bord, der unter anderem mit dem Einsetzen von Cochlea-Implantaten tauben Menschen zum Hören verhalf. Diese Innenohrprothese kann manchen stark schwerhörigen und gehörlosen Menschen helfen, indem es die gestörte Weiterleitung von elektrischen Reizen an den Hörnerv übernimmt. Melbourne, wo das Start-up zuhause ist, hat sich in dieser Forschungsdomäne weltweit einen Namen gemacht.

1,8 Millionen Dollar auf Kickstarter

Die innovative Idee sorgte 2016 auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter für Furore. Das Ziel, darüber 100.000 Dollar vorzufinanzieren, schafften die Start-up-Gründer mühelos. Am Ende bestellten fast 8000 Menschen aus 87 Ländern den Kopfhörer vor. Mit den eingenommenen 1,8 Millionen Dollar wurde der nuraphone zum erfolgreichsten australischen Crowdfunding-Projekt aller Zeiten. Mittlerweile kann der Kopfhörer um 399 Euro regulär über die nura-Webseite bestellt werden.

„Crowdfunding ist eine fantastische Sache, wobei die 1,8 Millionen Dollar nur ein positiver Nebeneffekt waren. Die enorme Resonanz hat uns, aber auch Investoren gezeigt, dass es definitiv eine Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Sound gibt“, sagt Petrovic. Noch wertvoller sei aber das Feedback dieser frühen Unterstützer gewesen, die mit ihrem Engagement das Produkt in der finalen Phase entscheidend mitgeprägt und verbessert hätten.

Community in Produktentwicklung involviert

„Ursprünglich hatten wir gar keinen kabellosen Kopfhörer geplant. Als der Ruf danach laut wurde, haben wir unsere Kickstarter-Community gefragt, ob sie für die kabellose Variante in Kauf nehmen, den Kopfhörer einmal die Woche aufladen zu müssen. Innerhalb von 24 Stunden haben sich 80 Prozent der Unterstützer zurückgemeldet und eindeutig für die Bluetooth-Variante ausgesprochen. Das ist in puncto Marktforschung unbezahlbar“, erzählt Petrovic.

Nuraphone

1/8

Auch bei der Entwicklung der Silikon-Polster, die eine In-Ear-Ausstülpung aufweisen, die für alle User gleich ist, griff das Start-up auf die Kickstarter-Community zurück. „Um eine Passform zu finden, die für nahezu jeden komfortabel ist, braucht man viele Test-Köpfe. Nach unserem Ausruf meldeten sich innerhalb nur eines Tages 300 Personen in Melbourne, die freiwillig bei uns vorbeischauten. Deren einzige Motivation war, das Produkt so gut wie möglich werden zu lassen. Dieses Engagement, aber schließlich auch das begeisterte Feedback zum fertigen Produkt – das war tatsächlich schön zu erleben“, sagt Petrovic.

Markt wächst seit 2012 wieder

Mit dem mit 400 Euro nicht gerade billigen Kopfhörer zielt nura auf den seit einigen Jahren wieder wachsenden Markt für Highend-Audioprodukte ab. Dass auch Kopfhörer nach Jahren des Rückgangs am Markt mittlerweile zu einem lukrativen Geschäft geworden sind, kommt dem Start-up laut Petrovic entgegen: „Bis 2012 ging es mit dem Markt bergab, wohl auch weil die Leute zu ihren MP3-Playern und Handys günstige Kopfhörer geschenkt bekamen. Alles andere hat damals auch keinen Sinn ergeben, weil die schlechte MP3-Qualität ein besseres Hörerlebnis sowieso verunmöglicht haben.“

Danach seien Kopfhörer plötzlich zum Fashion-Item mutiert, mit bunten, auffallenden Designs. Darüber hinaus sei 2012 der Zeitpunkt gewesen, als mehr als die Hälfte der Bevölkerung ein leistungsstarkes Smartphone mit guten Audioqualitäten besessen haben. Das Ausgangsmaterial wurde durch mehr Speicherplatz, weiterentwickelte digitale Formate und Streaming-Services wie Spotify besser. Und damit sei auch die Nachfrage nach guter Audioqualität wieder gestiegen.

„Die Leute wollen, dass etwas praktisch zu benutzen ist, drum hat sich digitale Musik trotz der ursprünglichen Abstriche bei der Audioqualität auch durchgesetzt. Durch Kopfhörer wie dem nuraphone kann man jetzt beides verbinden und hochwertigen Sound auch bequem unterwegs mit dem Smartphone genießen“, sagt Petrovic. „Und was den Modefaktor betrifft: Bei uns gibt’s zwar nur eine Farbe, nämlich schwarz, dafür klingt aber kein einziger Kopfhörer wie der andere.“