Produkte 28.05.2018

Nuraphone im Test: Genialer Kopfhörer für Yanny und Laurel

Der nuraphone kann im futurezone-Test überzeugen © Bild: Michael Stelzhammer

Mit dem Konzept, den Klang seiner Kopfhörer an die Ohren seiner Nutzer anzupassen, sorgt das Audio-Start-up nura für Furore.

Dass Menschen manchmal völlig unterschiedliche Dinge hören, selbst wenn das Tonmaterial völlig identisch ist, hat die verrückte Debatte um „Yanny“ und „Laurel“  gezeigt. Das Phänomen, das etwa 50 Prozent der Leute beim Audioclip den Begriff „Yanny“ hörten, obwohl auf der Aufnahme „Laurel“ gesagt wurde, ist verblüffend. Die wissenschaftliche Erklärung ist, dass das unterschiedliche Hörvermögen von bestimmten Frequenzen und die Interpretation des Gehirns die eine Hälfte tatsächlich „Yanny“ hören ließ.

Genau dieses individuelle Hörvermögen will das australische Start-up nura mit seinem Kopfhörer nuraphone berücksichtigen, indem es bei jedem User die Ohren vermisst und daraus automatisch ein persönliches Hörprofil errechnet. Bei Menschen, die von Natur aus höhere Frequenzen stärker als tiefere Frequenzbereiche hören, pegelt der Kopfhörer die Musik so aus, dass unterbelichtete Frequenzen stärker betont, bzw. sensiblere Frequenzbereiche zurückgeschraubt werden. Ziel ist ein perfekt ausgewogener Sound, individuell zugeschnitten für jeden einzelnen Hörer.

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©Michael Stelzhammer
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Over-Ear und In-Ear zugleich

Von außen betrachtet, lässt sich kaum erahnen, wieviel Technologie im Kopfhörer steckt. Beim Design setzt nura auf schwarzen Minimalismus. Die Kopfhörer-Bügel und -Schalen sind aus Aluminium, während die am Kopf aufliegenden Flächen aus weichem Silikon gestaltet sind. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass der Kopfhörer als „Over-Ear“ und „In-Ear“ zugleich konzipiert ist. Die Hörschalen umschließen die Ohren vollständig. Darüber hinaus gibt es für jedes Ohr einen Silikonstöpsel, der Geräusche von außen, aber auch vom Kopfhörer nach draußen abschirmen soll.

Bevor es losgeht, muss die iOS- bzw. Android-App heruntergeladen werden. Das Setup kommt einem Hörtest gleich. Zunächst überprüft der Kopfhörer über das Abspielen von Tönen vom tiefsten ins höchste Frequenzspektrum, ob die Silikonstöpsel richtig sitzen. Da ich immer Probleme mit dem Sitz von In-Ear-Kopfhörern habe, musste ich diesen ersten Schritt ein paar Mal wiederholen, bis die Ohren tatsächlich komplett von Außengeräuschen abgeriegelt waren. Nach einigen Versuchen klappte es aber.

Danach folgen eine Minute futuristische Töne, welche die Gehörschnecke (Cochlea) im Innenohr zum Klingen bringen. Diese vom Ohr ausgesendeten, kaum hörbaren Klänge werden von den in den Kopfhörern verbauten, hochsensiblen Mikrofonen erfasst. Auf Basis dieser Informationen errechnet der Algorithmus schließlich das Hörerprofil.

© Bild: Nura

Magisch schöner Sound

Was unglaublich kompliziert klingt und technisch gesehen wohl auch ist, wirkt in der Praxis ein bisschen wie Magie. Denn nach ein bis zwei Minuten verfügt man über sein individuelles Kopfhörer-Profil, das in einem Kreis mit bunten Farben visualisiert ist. Das Profil ist wie eine Uhr zu lesen. Von 12 Uhr starten im Uhrzeigersinn die tiefen Frequenzen bis zum höchsten Spektrum, das den Kreis oben wieder schließt. Ausreißer bedeuten, dass die Person einen Frequenzbereich stärker hört, was vom Kopfhörer entsprechend ausgeglichen wird.

Seine Errungenschaft verkauft das Start-up mit einem kleinen Trick. Zunächst wird ein Song mit dem generischen Klangprofil eingespielt, das in meinem Fall wenig berauschend klang. Wenn man bereit ist, legt man den Schalter auf sein Profil um. Der Aha-Effekt ist groß. Denn der Sound, der einem nun aus dem Kopfhörer entgegenkommt, ist einfach nur toll.

Schöne, nicht überbordende Bässe treffen auf eine ausgewogene Mittellage und kristallklare Höhen. Alles ist fein säuberlich getrennt. Der Kopfhörer lässt viel Raum für die Musik, sorgt aber auch für Intimität, wenn es um einzelne Instrumente, Soundeffekte und Stimmen geht. Wer mehr Oomph in der Tiefe möchte, kann die sogenannte Immersion-Funktion nutzen. Dabei werden in der Bassfrequenz Vibrationen erzeugt, wie man sie von Live-Konzerten kennt.

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© Bild: Michael Stelzhammer

Yanny und Laurel 2.0

Spannend wird es, wenn man andere Personen ebenfalls ein nuraphone-Profil anlegen lässt und zwischen dem eigenen und dem fremden hin- und herschaltet. „So hörst Du Musik?!?“ Der ungläubige Ausruf, der vice-versa von mir und meinem Freund getätigt wurde, erinnert an die Yanny-Laurel-Debatte, wo derartiges Unverständnis ebenfalls die Reaktionen beherrschte.  Spätestens, wenn man ein anderes, sehr unterschiedlich klingendes Profil ausprobiert hat, muss man den Kopfhörer-Machern zugestehen, dass an der ganzen Sache wohl was dran ist.

In meinem Fall konnte ich mit den Einstellungen meines Freundes tatsächlich wenig anfangen. Alles klang plötzlich weiter weg, etwas dumpfer und viel Bass lastiger. Auch ein zweites Profil von mir, das bei zu viel Hintergrundgeräuschen erstellt worden war, kam an die unter Idealbedingungen erzeugte Einstellung nicht heran. Schade ist, dass nura nur drei Plätze vorgibt, die mit Profilen belegt werden können. Leider gibt es auch keine Möglichkeit, basierend auf dem eigenen Profil noch manuell am Sound zu schrauben.

Pop schlägt Klassik

Seine wahren Stärken spielt der nuraphone bei allen Formen von Populär-Musik aus, von elektronischen Dance-Tunes über klassischem Pop-Rock zu Folk und Indie. Auch die Kombination Bluetooth-iPhone-Spotify klingt hier erstaunlich gut und kann fast mit dem Hören einer CD auf einer guten Anlage über Kabel mithalten. Über separat erhältliche Kabel mit Klinkenstecker, die leider etwas kurz geraten sind, und entsprechend hochwertigem Ausgabegerät kann der nuraphone seine Stärken noch besser ausspielen und erfüllt definitiv Highend-Ansprüche.

So sehr mich der nuraphone bei den erwähnten Musikrichtungen begeistert, würde ich ihn bei klassischen Aufnahmen nicht zu meinen Lieblingskopfhörern zählen. Gerade bei Orchesteraufnahmen kommt mir der Klang manchmal fast zu aufgeräumt und steril vor – vergleichbar mit älteren, guten AKG-Kopfhörern wie dem K701. Genau für solche Fälle würde ich mir einen Modus wünschen, bei dem man das Potenzial des nuraphone durch einige manuelle Nachjustierungen vielleicht noch besser ausschöpfen könnte. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

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©Nuraphone
©Martin Stepanek
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App und Akku

Was die App betrifft, darf man gespannt sein, welche Funktionen künftig noch nachgereicht werden. Das wenige, das die nura-App anbietet – wie Profil erstellen, zwischen Profilen wechseln, Immersion höherschalten und die Seitenknöpfe der Kopfhörer-Schalen mit Funktionen belegen – löst sie gut und schnell. Auch die Bluetooth-Verbindung funktioniert zuverlässig, ebenso wie die automatische Erkennung, ob die Kopfhörer aufgesetzt werden oder gerade nicht in Verwendung sind.

Die Akkudauer ist mit 20 Stunden angegeben. Im Test gab es daran auch nichts auszusetzen. Wer die Kopfhörer etwa mobil auf dem Arbeitsweg verwendet oder auch gelegentlich zuhause am eigenen Computer kommt damit eine gute Woche aus. Standardmäßig mitgeliefert wird ein USB-A-Kabel, mit dem der nuraphone am Computer oder über herkömmliche Ladegeräte aufgeladen werden kann.

Verarbeitung und Tragegefühl

An der Verarbeitung gibt es nichts zu bekritteln. Der nuraphone fühlt sich hochwertig an, wenngleich das verwendete Silikon nicht zu meinem Lieblingsmaterial zählt. Meine Befürchtungen, dass sich das Material nicht gut mit der Haut verträgt und man bei längerem Gebrauch schwitzt, haben sich aber überhaupt nicht bestätigt. Dafür sorgen kleine Schlitze zwischen Aluminium-Verkleidung und Silikon-Polster, die für die Kühlung sorgen und auch das Telefonieren über eingebaute Mikrofone erlauben.

An das anfangs etwas seltsame Tragegefühl durch die In-Ear-Over-Ear-Kombination gewöhnt man sich ebenfalls sehr schnell. Auch stundenlanges Hören ist so ohne Probleme möglich. Ein positiver Nebeneffekt des eigenwilligen Designs ist, dass die Kopfhörer extrem gut von Außengeräuschen abschirmen. Dadurch fällt es nicht ins Gewicht, dass der nuraphone über keinen Noise-Cancelling-Modus verfügt.

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© Bild: Michael Stelzhammer

Fazit

Mit dem nuraphone katapultiert sich das Audio-Start-up nura aus Australien vom Start weg in die oberste Liga der Kopfhörer-Hersteller. Dass dies mit dem wirklich innovativen Konzept der Frequenzvermessung im Ohr gelingt, freut umso mehr, zumal dafür nicht nur gute Hardware-Komponenten, sondern auch anatomisches Wissen sowie ausgezeichnete Programmierkenntnisse nötig sind.

Wie schnell so ein ambitioniertes Projekt trotz Crowdfunding-Erfolg scheitern kann, hat das gerade pleite gegangene Kopfhörer-Start-up Ossic gerade eindrücklich bewiesen. Bei nura hat man das Gefühl, dass das Gesamtpaket definitiv passt. Bei App und Einstellungsmöglichkeiten gibt es zwar noch Spielraum nach oben. Was den Klang betrifft, macht der nuraphone audiophile Menschen wie mich aber schon jetzt extrem glücklich. Und ist daher auch jeden Cent der 399 Euro wert.

( futurezone ) Erstellt am 28.05.2018