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Videospiel-Test Far Cry Primal im Test: Säbelzahntiger-Streichelsimulation.

Braver Säbelzahntiger, hast fein den Neandertalern die Kehlen durchgebissen...
Braver Säbelzahntiger, hast fein den Neandertalern die Kehlen durchgebissen... - Foto: Screenshot
Das Videospiel ist ein Steinzeit-Streichelzoo. Außerdem ist Far Cry Primal ein First-Person-Shooter mit der leicht angestaubten Far-Cry-Standard-Formel.

Mein Säbelzahntiger und ich verstehen uns. Am Morgen pirschen wir zusammen durch die Steinzeit-Welt von Oros und jagen Mammuts. Mittags wird ein Außenposten erobert. Die Gegner, die meinem Pfeilhagel entkommen, werden von meinem Säbelzahntiger zu Boden gestreckt. Weil er so ein feiner Tiger ist und brav aufs Wort hört, bekommt er ein paar Brocken Fleisch als Leckerli.

Am Nachmittag reiten wir einem Freund zur Hilfe, der Blutrache üben will. Nach erledigter Arbeit nascht Säbli ein paar Neandertaler als Snack. Abends schleichen wir durchs dichte Gras und sammeln seltene Rohstoffe. Mein Säbelzahntiger brüllt verlässlich Wölfe in die Flucht. Sie dachten wohl, im Schutz der Dunkelheit ein leichtes Opfer gefunden zu haben. Nachts gibt es noch ein paar Streicheleinheiten am Lagerfeuer, bevor wir uns zum Schlafen auf ein Leopardenfell kuscheln.

Alles wie gehabt

Ich würde gerne schreiben, dass das nur das i-Tüpfelchen des wunderbaren Steinzeit-Gameplays von Far Cry Primal (PS4, Xbox One, PC) ist – aber eigentlich ist es das Spannendste. Kennt man Far Cry 3 und 4, kennt man auch Primal. In der First-Person-View zieht man durch die offene Spielewelt, erobert Außenposten und Aussichtspunkte (in der Steinzeit-Version heißen sie Leuchtfeuer), erfüllt Haupt- und Nebenmissionen, sammelt Rohstoffe für Ausrüstungs-Upgrades und schaltet mit Erfahrungspunkten neue Fähigkeiten bei.

Das Steinzeit-Setting hat hier seine Vor- und Nachteile. Im ersten Moment ist alles neu, spannender, frischer. Nach ein paar Stunden kehrt aber der Far-Cry-Trott ein. Ohne Fahr- und Flugzeuge kommt man nur langsam voran. Selbst mit Nutzung der Schnellreise-Punkte hatte ich oft das Gefühl, unnötig lange zum Ziel zu brauchen, da man um jede kleine und große Erhebung in der hügeligen Landschaft von Oros herumgehen muss, wenn sich nicht zufällig ein Kletterhaken-Punkt an der Felswand befindet.

Die nur drei Hauptwaffen-Typen sind schnell ausgereizt und das taktische Vorgehen beschränkt sich auf Schleichen oder Frontalangriff. Feuer legen ist ebenfalls möglich. In der Steinzeit brennt zwar alles ähnlich wie in der afrikanischen Landschaft von Far Cry 2, wirklich taktisch lässt das Feuer sich aber nicht einsetzen. Die Umgebungen sind meist weitläufig genug, damit die Feinde den Bränden einfach ausweichen können. Immerhin ist es schön anzusehen, wenn ein paar Strohhütten niederbrennen.

Lichtblick Fauna

Das Beste an Far Cry Primal ist die Tierwelt. Oros ist ein Jagdparadis. Überall sind Ziegen, Vögel, Hirsche, Yaks, Fellnashörner, Mammuts und anderes Getier. Dazu kommen wehrhafte Vierbeiner, die sich auch zähmen und als Begleiter nutzen lassen.

Mit dem richtigen Skill kann man später auf Bären, Säbelzahntigern und Mammuts reiten. Besonders letzteres hat einen gewissen Reiz: Auf dem Mammut trampelt man einfach Feinde über den Haufen. Ab und zu kommt es auch zu Kollateralschäden – auf dem Weg zu einem feindlichen Außenposten habe ich ein paar Affen niedergetrampelt (und 6 XP pro Stück dafür bekommen). Neu ist das aber nicht: In Far Cry 4 konnte man auch auf Elefanten reiten.

Die Begleiter können auf Feinde gehetzt werden, vertreiben in der Nacht ungezähmte Raubtiere und sehen allesamt kuschelig aus - selbst wenn der Säbelzahntiger mit blutverschmierter Schnauze einen freudig anblickt, nachdem er gerade eine Leiche angeknabbert hat. Sollte mal kein Aas und keine Leiche zur Verfügung stehen, kann man die zu groß geratenen Mitzekatzen, Wölfe und Bären mit Fleisch füttern, damit deren Gesundheit regeneriert wird.

„Ich gehen Dorf jetzt“

Die Grafik der getesteten PS4-Version ist gelungen, ebenso das Charakter-Design. Die Steinzeit-Stimmung kommt gut rüber. Ubisoft hat sogar eine eigene Ur-Sprache entwickelt, die in Far Cry Primal gesprochen wird. Die Untertitel haben mich nach mehreren Stunden Spielzeit jedoch genervt.

Diese sind bewusst in schlechter Grammatik verfasst, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine primitive Sprache handelt. Nur: Wenn die Bewohner von Oros keine Grammatik kennen, wie können sie dann das, was sie einander mitteilen, als grammatisch falsch verstehen? Far Cry Primal spielt 10.000 Jahre v. Chr, die Menschen haben Doppelbögen, Steinwaffen, bauen Feuer- und Giftbomben, betreiben Ackerbau, werden alt genug um in Pension zu gehen, können Kleidung, Schmuck und Rüstungen herstellen, praktizieren Heilkunst und Religion, aber werden so untertitelt, als hätten sie gerade erst „uga uga“ durch Worte ersetzt.

Wenn schon, dann hätten die Entwickler diesen Gag komplett durchziehen müssen und alle Menüs und Bildschirmtexte ebenfalls in reduziertem Deutsch schreiben müssen. Das würde zwar wahrscheinlich noch mehr nerven, wäre aber zumindest konsequent.

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Foto: Screenshot

Fazit

Bei Far Cry 3 und 4 habe ich (bis auf ein paar Rennen) so ziemlich jede Nebenmission gemacht, weil ich nicht wollte, dass das Spiel aufhört. Bei Far Cry Primal (PS4, Xbox One, PC, PEGI 18) haben ich zum ersten Mal nach fünf Stunden darüber nachgedacht, wie man das Game schnellstmöglich beenden könnte.

Mit der Erledigung aller Personen-Nebenquests, der Eroberung aller Leuchtfeuer und Außenposten und dem Durchspielen der Story sind es dann doch über 20 Stunden Spielzeit geworden. Über lange Phasen hinweg war das kein Vergnügen -das Gameplay wiederholt sich zu oft, zudem gibt es zu wenige Möglichkeiten, um in der offenen Welt zu experimentieren.

Far Cry Primal ist ein solides Game. Wer aber schon Far Cry 3 und 4 gespielt hat und sich nicht an kuscheligen Säbelzahntiger-Begleitern erfreuen kann, wird Primal möglicherweise nach ein paar Stunden zugunsten eines anderen Spiels aufgeben.

(futurezone) Erstellt am 05.03.2016, 06:00

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