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23.11.2014

Far Cry 4: Zwischen Tourismus und Terrorismus am Himalaya

Der Open-World-Shooter knüpft an den Erfolg des Vorgängers an. Das Erfolgskonzept wird beibehalten, der Inhalt aber ordentlich aufgestockt.

Vormittags bei lokalen Händlern Vorräte beschaffen, dann geht es mit dem Geländewagen über unbefestigte Straßen ins Gebirge. Nach einem ungesicherten Aufstieg mit Kletterhaken, geht es vom Gipfel mit einem Paragleiter ins Tal. Mittags steht Elefantenreiten und Bogenschießen auf dem Programm.

Am Nachmittag geht es mit Sightseeing weiter. Die ATV-Tour führt zu einer Tempelanlage, danach zu riesigen Buddha-Statuen und endet schließlich bei einem alten Glockenturm. Dazwischen war sogar ein Tiger im Gebüsch zu erspähen, der sich an ein Bharal angepirscht hat. Im Abendrot fliegt man schließlich mit dem Gyrocoptor, über die Baumwipfel hinweg, zurück zum Quartier.

Bevor man sich kurz hinlegt, um fit für die bevorstehende Nachtsafari zu sein, füllt man noch die Munitionsvorräte auf, legt eine frische schusshemmende Weste an und lässt den bisherigen Tag Revue passieren: Etwa 30 Soldaten der Royal Army erschossen, neun Wildtiere gehäutet, fünf Fahrzeuge zerstört, vier neue Orte entdeckt, zwei Buddha-Statuen vor der Sprengung bewahrt, einen feindlichen Stützpunkt erobert und einen Streit zwischen einem Bären und Tiger geschlichtet – in dem man Beide mit dem ATV überfahren hat. Die futurezone hat Far Cry 4 (PS4, Xbox One, PC, PS3, Xbox360) auf der PS4 getestet. Willkommen in Kyrat.

Far Cry 4 Promo-Bilder von Ubisoft

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Extremtourismus

Wäre Kyrat nicht eine fiktive, diktatorisch geführte Region im Himalaya-Gebirge, deren Bevölkerung von einer rabiaten Armee unterdrückt und zur Sklavenarbeit auf Mohnfeldern gezwungen wird, könnte man hier einen Aktivurlaub verbringen.

Im Gegensatz zu den Inseln von Far Cry 3 ist die Landschaft in Far Cry 4 harmonischer und wirkt realistischer. Gleichzeitig ist sie abwechslungsreich, was im Spiel durch die starken Höhenunterschiede erklärt wird. Von idyllischen Seen (mit bewaffneten Patrouillenbooten), geht es an verträumten Flüssen vorbei durch Laub- und Nadelwälder (mit Raubtieren), bis zum Gebirge, in dem man nur noch mit dem Kletterhaken oder einen Kleinhubschrauber weiter kommt. Dazwischen sind immer wieder Tempel, Ruinen, kleine Dörfer oder auch nur einzelne Häuser.

Im Vergleich zu Far Cry 3 ist mehr los auf den Straßen. Natürlich sind es keine Massen wie in GTA 5 oder einer Stadt in Assassins Creed, aber das Himalaya-Gebirge ist ja auch nicht gerade für seine Metropolen bekannt. Man begegnet durch die Gegend ziehenden Händlern, Menschen, die ihren Alltag nachgehen, verbündeten Widerstandskämpfern und natürlich auch Feinden.

Tierwelt

Die Fauna wurde ebenfalls aufgestockt. Pflanzenfresser sind in größeren Gruppen unterwegs und auch Raubtieren begegnet man häufiger. Bei einigen Tieren haben sich die Entwickler besondere Mühe gegeben. Das gilt etwa für die Elefanten, Wölfe und Tiger. Tiger sehen so flauschig aus, dass man sie am liebsten streicheln würde.

Stattdessen leert man aber ein halbes Magazin in den Raubkatzenkopf, um nicht von ihm getötet zu werden. Oder weil man das Fell braucht, um eine Tasche aufzurüsten, die das Tragen von zusätzlicher Munition ermöglicht. Oder weil man einfach nur ein Ungustl ist der Spaß daran hat bedrohte Tierarten mit vollautomatischem Sturmgewehren zu jagen.

Durch die höhere Anzahl an Tieren kommt es zu etlichen Konfrontationen. Das betrifft nicht nur Fressfeinde, sondern auch Menschen. Immer wieder kommt es vor, dass Verbündete oder Zivilsten von Raubtieren angegriffen werden, was zu teilweise skurrilen Situationen führt. Da stehen etwa zwei Rebellen mitten im Wald und schießen wild in die Luft, weil ein Adler über ihnen kreist. Oder eine Gruppe von vier bewaffneten Frauen und Männern verfällt in Panik, weil ein kleines, schwarz-weißes Ding aus dem Gebüsch auf sie zu flitzt. Die Angst ist berechtigt, denn der Honigdachs ist, trotz seines süßen Namens, wahrscheinlich das gefährlichste Tier in Far Cry 4. Es ist klein und damit schwer zu treffen und richtet ähnlichen Schaden wie ein ausgewachsener Tiger an.

Elefantenreiten

Wie schon beim Vorgänger können Tiere als Verbündete eingesetzt werden. In einigen Stützpunkten, die erobert werden wollen, gibt es Käfige, die aufgeschossen werden können. Das so befreite Tier räumt dann meist ordentlich auf. Ist es ein Nashorn oder Elefant, sind selbst Fahrzeuge kein Schutz.

Häutet man Tiere, erhält man nicht nur das Fell, sondern auch einen Klumpen Fleisch. Dieser kann als Köder geworfen werden, um entweder Raubtiere von einem selbst abzulenken oder auf nichtsahnende Gegner zu hetzen. Leider haben die Entwickler mitgedacht und in Missionen, in denen ein rabiater Leopard zu hilfreich wäre (zB. in Schleichmissionen), den Köder unwirksam gemacht.

Die dritte Art mit Tieren zu kooperieren, anstatt sie mit Schrotflinten zu malträtieren, ist das Reiten auf Elefanten. Auf dem Rücken eines Dickhäuters Chaos in einer feindlichen Basis anzurichten ist zwar nicht besonders subtil, macht aber Spaß.

Nicht nur der Spieler, auch der Feind kann Tiere einsetzen. Eine neue Gegnerart ist der Jäger, der den Spieler mit einem Bogen jagt (und auf Distanzen trifft, die für einen selbst mit dem Gewehr herausfordernd sein können) und Raubtiere auf ihn hetzt.

Gepflegtes Arsenal

Um sich zu wehren, steht ein umfangreiches Waffenarsenal zur Verfügung. Viele Waffen können mit Schalldämpfern, Visieren oder größeren Magazinen aufgerüstet werden. Für den Bogen gibt es zusätzlich noch Feuer- und Explosivpfeile. Wer gerne die Umgebung lodern sieht, kann mit Molotow-Cocktails und Flammenwerfer zündeln. Auch wenn sich Feuer ausbreiten und schwarze Flecken hinterlassen, wirklich zerstörbar ist die Umgebung nicht.

Übertrieben stark ist erst ein Maschinengewehr in der Kategorie der Sonderwaffen, das im späten Spielverlauft freigeschaltet wird. Wer zuvor versucht gänzlich auf das Schleichen zu verzichten und lieber in Rambo-Manier alles kurz und klein schießt, wird schnell an die Grenzen des Machbaren stoßen. Ein Spielen auf dem leichten Schwierigkeitsgrad ist dennoch nicht zu empfehlen, da dies den Reiz der Guerilla-Taktik nimmt.

Außerdem ist schleichen nach wie vor sehr befriedigend. Kommt man unbemerkt in einen Stützpunkt, schaltet alle Alarme aus und besiegt die Feinde unbemerkt im Nahkampf, schmeckt der Erfolg viel süßer, als wenn man einfach mit dem Raketenwerfer durchs Haupttor marschiert und alles in die Luft sprengt.

Selbstlenkende Autos

Seitenwaffen, die einhändig verwendet werden können, haben jetzt eine größere Bedeutung. Diese können nämlich beim Fahren benutzt werden – egal ob man mit einem Lkw, Geländewagen oder Tuk Tuk unterwegs ist. Wurde ein Wegpunkt gesetzt, kann durch das Drücken der L3-Taste der Autopilot das Steuer übernehmen. Das ist aber nur halb so lustig, als selbst zu versuchen, nicht von einer holprigen Straße abzukommen und gleichzeitig Verfolger zu beschießen.

Wem das noch nicht Actionfilm-reif genug ist, kann per Fahrzeug-Takedown auf das andere Auto springen, um den Fahrer im Nahkampf auszuschalten und das Steuer zu übernehmen. Das Schießen funktioniert auch, wenn man mit dem Gyrocoptor durch die Gegend fliegt. Ist man mit dem Granatwerfer bewaffnet, lässt sich so ein Luftbombardement veranstalten.

Karma durch killen

Fähigkeiten wie das Elefantenreiten und der Fahrzeug-Takedown müssen erst mit Erfahrungspunkten freigeschaltet werden. Da es viele Feinde, Missionen und Nebenaufträge gibt, muss man nicht lange darauf warten. Einige Fähigkeiten werden aber erst durch das Erfüllen von Nebenmissionen verfügbar.

Neben der normalen Erfahrung gibt es noch Karma. Mit Karma werden Boni freigeschaltet, wie etwa günstigere Preise bei Händlern. Karma gibt es für das Erfüllen von zufällig generierten Karma-Ereignissen, wie das Helfen von Verbündeten im Kampf. Für die Unterstützung im Gefecht gibt es auch Hilfsmarken, mit denen bei Bedarf ein Rebell herbeigerufen werden kann, der Schützenhilfe gibt.

Ein wenig seltsam ist, dass es Karma für das Erlegen von Tieren mit Bogen und Messer gibt. In wie fern ist es „netter“ mit einem Khukri auf einen Hirschen einzuprügeln, bis dieser stirbt, anstatt ihn mit einem gezielten Gewehrschuss zu töten? Oder einen Tiger mit vier Pfeilen anzuschießen, bis er endlich mit dem fünften Pfeil erlöst wird?

Mehr Freiheiten

Spielt man nur die Hauptmissionen, kann man in zwölf Stunden fertig sein. Mit allen Nebenmissionen und Zusatzaufgaben ist man deutlich über zwanzig Stunden beschäftigt. Nach dem Beenden der Story, den großen Nebenmissionen, dem Erobern aller Glockentürme und aller Festungen, sowie der Hälfte der Stützpunkte und dem Erledigen von ein paar Gelegenheits-Jobs, war der Kampagnen-Fortschritt nach 18 Stunden Spielzeit bei 51,83 Prozent.

Im Gegensatz zu Far Cry 3 hat der Spieler mehr Auswahl bei den Nebenmissionen. Geiselbefreiungen, Bombenentschärfung, Objekte zerstören, Gegenstände sammeln, Arenakämpfe, Zeitrennen fahren, Jagen gehen, Dämonen im übernatürlichen Shangri-La bekämpfen, Eskortmissionen – sogar bereits eroberte Stützpunkte können in einem Highscore-Spiel nochmal angegriffen werden. Die meisten Missionsarten werden im Laufe der Story eingeführt, es bleibt aber dem Spieler überlassen, was er wann machen will.

Das ist auch gut so. So gibt es wieder die bereits aus Far Cry 3 bekannten Drogentrips, allerdings wurden diese reduziert. Die freiwilligen Trips sind zudem weniger ernst. Auch mit den Klettereinlagen wird (zum Glück) behutsam umgegangen. In einigen Missionen muss man ihn einsetzen, in der offenen Welt kann man aber nahezu alles auch mit dem Gyrocoptor erreichen. Man kann mit diesem Mini-Hubschrauber sogar in den Glockentürmen landen, um sie schnell zu befreien, anstatt die vorgesehene Klettereinlage zu bewältigen.

Ernstere Story

Die Hauptmissionen sind ebenfalls abwechslungsreich. Die Handlung dreht sich um die Befreiung Kyrats vom bösen Diktator Pagan Min. Dieser hört sich zwar auch gerne reden, ist aber weniger überzeichnet und weniger verrückt als der Bösewicht aus Far Cry 3. Dadurch wirkt die gesamte Handlung weniger überzogen und realistischer.

Hinzu kommt ein interner Machtkampf der Rebellen, in den der Spieler reingezogen wird. Unterstützt man Amita, die für das Moderne steht oder Sabal, der an Traditionen festhalten will? Die Entscheidung ist gar nicht so einfach: Amita will den Fortschritt mit Drogengeld finanzieren – ähnlich wie es Pagan Min macht. Sabal will dafür alte Traditionen bewahren, wozu auch die Zwangsehe von Kindern gehört.

In einigen Story-Missionen muss man sich für eine Seite entscheiden, was die Aufgaben und die Folgemissionen leicht verändert. Allzu groß sind die Auswirkungen aber nicht – aber Ende fügt sich ohnehin alles zusammen.

In der deutschen Version des Spiels werden alle Charaktere durch bekannte Synchronsprecher vertont. Die meisten machen ihren Job gut, nur ein paar kleinere Übersetzungsfehler gibt es. So wurde etwa die Phrase „I’m fine“, um einen angebotenen Joint auszuschlagen, mit „Mir geht es gut“ übersetzt. Ein wenig störend ist, dass sich die Meldungen des Piraten-Radiosenders oft wiederholen. Da man häufig in Fahrzeugen unterwegs ist, um die weiten Wege zu überwinden, hört man dasselbe Geschwafel im Minutentakt.

Multiplayer

Far Cry 4 hat einen Online Coop-Modus (kein Splitscreen). In der offen Welt kann man ein Coop-Spiel erstellen oder einem beitreten. Zu zweit können einige Nebenaufgaben, wie etwa Geiselbefreiungen und Attentate, erledigt oder Stützpunkte und Festungen erobert werden.

Der Übergang ist nicht fließend. Steigt ein Mitspieler ein oder steigt man in dessen Spiel ein, wird das Game neu geladen. Steigt der Mitspieler aus, wird das Spiel ebenfalls neu geladen. Das ist lästig, wenn man etwa kurz davor steht eine Festung zu erobern, der zweite Spieler aussteigt und man deshalb von vorne beginnen muss.

Im Test kam es zudem häufig zu Verbindungsfehlern, wenn versucht wurde, in ein öffentliches Coop-Spiel einzusteigen. Nach dem Ladebildschirm kam eine Fehlermeldung und man wurde komplett aus dem Spiel geschmissen. Da es kein Autosave beim Aufbau der Verbindung gibt, kann es sein, dass man so mehrere Minuten an Fortschritt der eigenen Kampagne verliert.

Ein normaler Multiplayer-Modus mit 5 vs 5 ist ebenfalls vorhanden. Hier kämpft ein Team mit normalen Waffen, das andere hat übernatürliche Fähigkeiten und kann sich mit speziellen Pfeilen teleportieren oder Tiere herbeibeschwören.

Fazit

Wilde Tiere, offene Spielewert, Türme, Stützpunkte, Drogen: Auf den ersten Blick ist Far Cry 4 genau wie der Vorgänger, nur mit besserer Grafik. Im weiteren Spielverlauf kristallisieren sich die Verbesserungen heraus: Mehr Abwechslung, mehr Freiheiten, eine glaubhafterer Bösewicht und eine Story, die nicht wie ein Lost mit Schießereien wirkt.

Auch wenn Far Cry 4 kein echtes Sandbox-Game ist, ist es näher dran als der Vorgänger. Es passieren nicht-gescriptete Szenen, in denen einem ein kurzes „Ist das gerade wirklich passiert?“ durch den Kopf schießt. Zum Beispiel: Beim Erobern einer Festung nähert sich ein Hubschrauber. Ein schneller Glücksschuss trifft den Piloten. Der Hubschrauber trudelt und prallt mit einem zweiten Heli zusammen, der gerade hinter einer Felswand aufgestiegen ist. Beide explodieren spektakulär in der Luft.

Oder man jagt auf einem ATV einem Boten nach, will gerade neben in herfahren, um das Auto zu übernehmen, als plötzlich ein Nashorn von der Seite heranstürmt. Der Geländewagen wird an der Seite getroffen, überschlägt sich nur wenige Zentimeter von einem entfernt und rollt einen Abhang hinunter in einen Fluss. Und dann wäre da noch die Aktion, als man mit einem Gleitschirm von einem Glockenturm aus gestartet ist, in der Luft abgesprungen ist, mit dem Wingsuit 170 Meter geflogen und punktgenau mit dem Fallschirm im nächsten Turm, direkt vor der zu zerstörenden Sendeanlage, gelandet ist.

Diese Momente sind oft spektakulärer, als das, was in den Hauptmissionen gescriptet passiert. Das ist gut so, da man so als Spieler das Gefühl hat mitzubestimmen, was spannend ist und Spaß macht - und nicht bloß etwas vorgekaut zu bekommen.