Zur mobilen Ansicht wechseln »

Wissenschaft & Blödsinn Wasseradern: Böse Strahlen aus dem Boden.

Wasseradern auf der Spur
Wasseradern auf der Spur - Foto: KURIER/Deutsch Gerhard
Achtung: Sie haben eine Wasserader unter Ihrem Bett. Jawohl, auch Sie!

Wasseradern sind eine unangenehme Sache. Viele Leute schlafen schlecht, weil sie Wasser unterm Bett haben - Seeleute zum Beispiel, bei unruhigem Wellengang. Aber auch an Land wird viel Geld ausgegeben, um sich mit Wünschelruten und Pendeln ausmessen zu lassen, wo die geheimnisvollen, störenden Wasseradern verlaufen, die uns den Schlaf rauben, Pflanzen verwelken lassen und auch sonst noch für allerlei Unangenehmes verantwortlich gemacht werden.

Auf der Jagd nach Wasseradern

Ich war als Kind schon ziemlich wissenschaftsbegeistert. Wo die Grenzen zwischen Wissenschaft und Blödsinn verlaufen, war mir damals noch nicht so ganz klar, ich war aber ganz sicher: Mit einem Pendel nach Wasseradern und ihren mysteriösen Strahlen zu suchen muss zweifellos eine höchst solide Messmethode sein.

Ich erbettelte also von meinem Papa ein Stück Kupferdraht (es muss unbedingt Kupfer sein, hatte man mir gesagt) und bastelte ein Pendel, mit dem ich dann sofort höchst erfolgreich allerlei Strahlung aufspürte. Im Kinderzimmer, im Garten, in der Schule.

Mein Opa hatte Knieschmerzen, was mich veranlasste, sein Schlafzimmer zu untersuchen. Und beeindruckenderweise fand ich unter seinem Bett tatsächlich genau im Kniebereich eine gewaltige Wasserader – eine Bestätigung meiner Hypothese! Dann pendelte ich meinen Opa aus, und auch beim betroffenen Knie zeigte das Pendel ein deutliches Signal. Ich hatte also eine weitere Bestätigung durch eine zweite, unabhängige Messung. Das ist Wissenschaft!

Natürlich wird so eine Suche deutlich vereinfacht, wenn man vorher schon beschlossen hat, was man finden will. Man will ja schließlich bei seinen hochwissenschaftlichen Präzisionsmessungen nicht auf Überraschungen stoßen.

Geheimnisvolle Strahlung

Tatsächlich haben Wünschelrutengeher und Wasserpendler eine beeindruckend hohe Erfolgsquote, wenn sie Plätze aussuchen, an denen man einen Brunnen graben kann. Das könnte allerdings einfach daran liegen, dass Grundwasser eben nicht in Form von unterirdischen Bächen oder Adern vorkommt, sondern flächig, im gesamten Boden. Wenn man nicht gerade auf einem Gipfel steht, wird man immer Wasser finden, wenn man in den Boden gräbt.

Dummerweise widersprechen die Behauptungen über die geheimnisvollen Strahlen aus dem Boden so ziemlich allem, was die Physik über Strahlung weiß: Die Wasseraderstrahlen nehmen offenbar mit zunehmender Entfernung zu (in oberen Stockwerken ist eine Wasserader unterm Bett ganz besonders böse), sie lassen sich mit bestimmten Kristallen entschärfen oder ins Positive umkehren, und ihre Wirkung hängt anscheinend davon ab, ob der Wasserfluss von Menschen gemacht wurde. (Über die schädliche Strahlung von Kanalrohren und Abflussleitungen unterm Bett hat sich schließlich noch nie jemand beschwert.)

Gerne wird behauptet, es handle sich um eine bestimmte Sorte elektromagnetischer Strahlung – das kann aber nicht sein, denn die könnten wir mit sensiblen Messgeräten höchst genau detektieren. Dasselbe gilt für Teilchenstrahlung. Das macht aber die Wasseraderstrahlung noch viel großartiger, denn dann muss es sich wohl um eine neue, der Physik unzugängliche Form der Strahlung handeln. Keine profane Strahlung, die von jedem popeligen, dahergelaufenen Techniker gemessen werden kann, sondern eine elitäre Strahlung, die sich nur besonderen, eingeweihten, feinfühligen Menschen erschließt.

Das Experiment entscheidet

Was letztlich in der Wissenschaft zählt, ist das sauber reproduzierbare Experiment. Man hat daher versucht, verschiedene Pendler unabhängig voneinander auf derselben Wiese nach Wasseradern suchen zu lassen, und das Resultat war erstaunlich: Sie gelangten nicht einfach zu einem konsistenten Ergebnis, wie tote, seelenlose Messgeräte das tut würden, sie brachten sogar eine Vielzahl von Ergebnissen hervor! Jeder Pendler findet sein ganz individuelles Muster von Wasseradern, das Testergebnis ist also sogar noch deutlich reichhaltiger als eine konsistente Messung je sein könnte. Was heißt hier „statistisch widerlegt“? – Das ist kreative Ergebnisvielfalt! Wieso sollte man sich mit einer einzigen Wahrheit zufriedengeben, wenn man ums selbe Geld zwanzig verschiedene Bauchgefühle bekommt?

Allerdings – um die letzten Zweifler zu überzeugen: Es gibt auch ein Experiment, bei dem alle Pendler sauber reproduzierbar immer dasselbe Ergebnis liefern: Wenn Sie über Schlafstörungen klagen und Ihre Wohnung auspendeln lassen, dann wird man immer eine Wasserader genau unter Ihrem Bett finden. Mit großer Zuverlässigkeit.

Wenn Ihnen der Ort also nicht gefällt, an den der Wasserpendler Ihres Vertrauens das Bett nach seiner Diagnose hinschiebt, dann fragen Sie einfach noch einen zweiten: Sie haben gute Chancen, dass der den neuen Ort für schädlich befindet und das Bett wieder zurückschiebt.

Der Autor

Florian Aigner

florianaigner.jpg
Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 25.03.2014, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Dein Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!