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Big-Data-Thriller Marc Elsberg: „Zero ist kein Science-Fiction-Roman“.

Bestseller-Autor Marc Elsberg lebt in Wien. "Zero" ist sein zweiter Technik-Thriller nach "Blackout".
Bestseller-Autor Marc Elsberg lebt in Wien. "Zero" ist sein zweiter Technik-Thriller nach "Blackout". - Foto: Blanvalet Verlag
Was passiert, wenn jeder seine eigenen Daten sammelt und verkauft? Die futurezone sprach mit Bestseller-Autor Marc Elsberg über seinen neuen Big-Data-Thriller „Zero“.

Wenn Drohnen den US-Präsidenten attackieren, wenn eine Verfolgungsjagd mit Google Glass tödlich endet, wenn Menschen ihr Leben ändern, weil es ihnen eine Internet-Plattform so empfiehlt und als Folge sterben, wenn eine Journalistin plötzlich neue Technik anwendet, um zu recherchieren, wenn ein Aktivisten-Kollektiv nach der Veröffentlichung von provozierenden Online-Videos weltweit gesucht wird - dann lesen Sie gerade "Zero".

"Zero" ist das neue Werk des 47-jährigen, in Wien lebenden Bestseller-Autors Marc Elsberg. Der Thriller zeigt auf, wie viel Macht Daten haben. Sein erster Thriller „Blackout“ wurde insgesamt mehr als 600.000 Mal verkauft, in zehn Sprachen übersetzt und steht seit mehr als 70 Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Die futurezone traf den Autor zum Interview über Datenkraken, Datenbrillen und Big Data.

futurezone: Herr Elsberg, so wie Sie die Leser am Buchumschlag von „Zero“ fragen, frage ich Sie jetzt einfach: Wissen Sie, wer Herr Ihrer Daten ist?
Marc Elsberg: Nur zu einem kleinen Teil. Neben den Anbietern von Bankomat- und Kreditkarten, Fluggesellschaften, Online-Diensten gibt es noch viele Aggregatoren und heimliche Mithörer, von denen ich nichts genaues weiß.

Es ist nach „Blackout“ bereits der zweite Technik-Thriller von Ihnen. Was ist Ihr persönlicher Zugang zu Technik?
Eigentlich gar keiner. Ich bin aufgewachsen als der Enkel von zwei Ingenieuren, als der Sohn eines Ingenieurs und mein Bruder hat auch technische Physik studiert. Ich war auf der Kunstakademie. Vielleicht waren es die Mittags- und Abendtischgespräche zwischen meinen Verwandten, die ich mitverfolgt habe. Technik interessiert mich vor allem als Mittel zum Zweck, als das, was es mit uns Menschen macht.

Wie sind Sie dann auf die Idee zu „Zero“ gekommen?
Die Idee stammt aus einer Science-Fiction-Geschichte, die ich vor 15 Jahren aufgeschrieben hatte. Alles, was ich darin beschrieben hatte, wurde im Laufe der Zeit Wirklichkeit. Das hat mich nie losgelassen. Obwohl Zero mit der ursprünglichen Geschichte nichts mehr zu tun hat, geht es dabei darum, sich mit den technischen Entwicklungen zu beschäftigen, aus Bereichen, die den meisten Leuten nicht bewusst sind.

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Foto: Blanvalet Verlag
Worum geht es Ihnen bei „Zero“?
Bei meinem Vorgänger-Buch Blackout ging es nicht einfach nur um einen europaweiten Stromausfall, sondern darum, aufzuzeigen, wie abhängig unsere Gesellschaft in den letzten 20 Jahren von der Automatisierung geworden ist. Bei Zero ist das ähnlich. Es geht um den nächsten Schritt: Die Automatisierung vom Denken und Entscheiden, das wir Maschinen übergeben. Für mich war Zero daher fast eine logische Fortsetzung auf der Meta-Ebene von Blackout.

Von der Automatisierung ist viel in unsere Lebensbereiche vorgedrungen, die wir im persönlichen Alltag häufig nicht merken und jetzt beginnt die Automatisierung auch von psychischen Prozessen auch Einzug zu erhalten - und das geht jetzt sehr massiv und sehr schnell.

Das Bild, dass Sie in „Zero“ von der künftigen Welt zeigen, ist sehr düster. Glauben Sie, dass Datenanalyse unser künftiges Leben bestimmen wird?
Ich würde behaupten, dass ich in „Zero“ kein Bild der künftigen Welt zeige, sondern der Gegenwart. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind die Techniken längst im Einsatz, nur sind sie dem einzelnem Individuum noch nicht in dem Ausmaß verfügbar wie in „Zero“. Das persönliche Auswerten der Daten und das persönliche Nutzen von Vorhersagemöglichkeiten werden von vielen Unternehmen bereits eingesetzt, nur der Einzelne kann sie für sich häufig noch nicht in dem Ausmaß nutzen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wo Datenanalyse bereits unser Leben bestimmt?
Das beste Beispiel ist das Navigationssystem. Das ist nichts anderes als ein kleiner Blick in die Zukunft - fahr links, fahr rechts, da ist Stau. Das Navigationssystem sagt mir die Zukunft voraus und das funktioniert meistens schon sehr gut. Praktisch kann ich hier die Entscheidung zwar noch selbst fällen, wohin ich fahre, aber ich werde mich häufig an der Empfehlung des Geräts orientieren.

Dabei trifft man aber noch eine freie Entscheidung. In Ihrem Buch „Zero“ ist das ja nicht immer der Fall..
Es gibt auch bereits jetzt schon Prozesse, auf die wir keinen Einfluss haben und wo bereits für uns entschieden wird. Etwa beim Kredit-Rating. Wenn ich heute online etwas bestellen will, unterhaltet sich automatisiert das System des Online-Händlers mit einem „Credit Rater“, der meine Kreditwürdigkeit feststellt. Gilt man etwa als kreditunwürdig, wird einem nur noch die Vorab-Kassa-Funktion angezeigt. Auf diese Entscheidung hat man gar keinen Einfluss mehr. Häufig wissen die Leute gar nicht, dass das im Hintergrund überhaupt mitläuft. Wir wissen nicht einmal, ob der Online-Händler nicht der Einfachheit halber einfach sagt, dass das Produkt "nicht auf Lager" sei, wenn jemand ein schlechtes Rating hat. Dazu muss ich nicht einmal auf Facebook sein, um von solchen Mechanismen erfasst zu werden. Das betrifft alle, auch die 60-jährige Frau, die sich bis heute diesen Mechanismen verschließt. Sie ist genauso mittendrin im System wie alle anderen. Auch jetzt schon. Ob sie will oder nicht.

EMC Big Data
Foto: EMC
Wollen Sie damit sagen, dass man sich vor der Datenerfassung von Big Data-Unternehmen gar nicht wirklich entkommen kann?
Wer sich in so einem System der allgemeinen Transparenz versucht zu entziehen, ist als Nicht-Teilnehmer genauso gut identifizierbar und durchschaubar. Ich verwende gerne das Bild der Mineralwasserflasche. Wir sind heute in vielen Bereichen gläsern, ganz egal, wie weit man sich online engagiert. In einer Welt, die so durchschaubar geworden ist, ist es, selbst, wenn man dem nicht bewusst entzieht, dann ist das wie bei der Mineralwasserflasche. Alle, die sich im System drin befinden, sind das Wasser und die paar, die nicht Wasser sein wollen, sind wie die Mineralwasserbläschen. Wen sehe ich da eigentlich besser, das Wasser oder das Bläschen?

Man macht sich also erst recht verdächtig, wenn man im Netz etwas verbirgt?
Momentan ja. Man erinnere sich an den einen Fall vor zwei Jahren, als ein Attentäter in den USA im Kino Leute erschossen hat. Da war in den ersten Tagen nach dem Event in den Medien zu lesen, dass er verdächtig ist, weil er kein Facebook-Profil hat. Dadurch galt er bereits als sonderbar.

Wir leben in einem globalen Dorf, das nennt man nicht umsonst so. Jeder, der sich der Dorfgemeinschaft entzieht, wird als Sonderling angesehen, als Außenseiter. Das sind keine Mechanismen, die erst mit dem Internet entstanden sind. Wer versucht sich zurückzuziehen aus der Gemeinschaft, ist per se verdächtig.

Ich kenne außerdem einen Programmierer, der schreibt Algorithmen für Industriebereiche, die sehr sensibel sind, und sich genau aussuchen, welche Leute überhaupt für sie arbeiten dürfen. Als die Firma, bei der er arbeitet, einen Auftrag bekommen hätte sollen, hat der potentielle Auftraggeber Hintergrundchecks gemacht und über ihn zu wenig gefunden.

Kann man seine Privatsphäre noch schützen?
Momentan sehr schwer. Wenn man in der westlich entwickelten Welt am alltäglichen Leben teilnehmen will nicht wirklich. Man kann es versuchen, bis zu einem gewissen Grad kann es gelingen, aber nur teilweise. Es geht ja nicht nur darum, im Internet seine Spuren verbergen, sondern auch mit Handy, Kreditkarte, Flugdaten . Fliegen dürfte man eigentlich gar nicht.

In Ihrem Buch besitzen die User ihre Daten selbst und sammeln alles über sich auf freiwilliger Basis.
Ich stelle quasi ein Geschäftsmodell vor, das quasi bereits in einigen Aspekten am Markt ist oder gerade auf den Markt kommt. Auch das ist keine Zukunftsmusik mehr, die Anbieter gibt es schon. Zero ist nicht Science Fiction, sondern Gegenwart.

FILE - This May 15, 2013 file shows Google Glasses…
Foto: AP/Jeff Chiu
Glauben Sie auch daran, dass Google Glass ein Erfolg wird?
Google Glass wird gut funktionieren, spätestens dann, wenn die Brille nicht mehr ausschaut wie eine Datenbrille wird es sich jeder zu tragen trauen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Anwendungen, die drauf sind, interessant genug sein müssen. Eine der interessantesten Anwendungen wird früher oder später die Gesichtserkennung sein. Es gibt schon Hacks, die das auf Umwegen ermöglichen. Bei uns allen wird die Neugier überwiegen.

Die Verknüpfung von Polizeidaten, Facebook und Gesundheitsdaten gibt es derzeit allerdings noch nicht auf legalem Wege in Österreich. Ist das die Richtung, in die es gehen wird, dass Daten von uns allen für alle verfügbar sein werden und wir nichts dagegen tun können?
Das Problem ist, dass es auf der einen Seite zwar Gesetze gibt, die etwas regeln könnten, auf der anderen Seite schert sich aber keiner darum, dass diese eingehalten werden. Es herrscht teilweise ein juristischer Graubereich.

Ob die Entwicklung so oder so passiert, hängt rein von uns ab und davon, ob wir einen gesellschaftlichen Konsens finden für den Gebrauch dieser Technologien. Das wird stark von uns selbst abhängen, welche gesellschaftlichen Regeln wir aufstellen und bereit sind, einzuhalten und deren Durchsetzungen zu erzwingen.

Manche Regulierungen kommen ja auch viel zu spät. Big Data-Firmen machen mit den Daten, was sie möchten, weil es keine Regulierungen gibt.
Das ist genau der Punkt - es interessiert keinen. Aus diesen Daten kann man auch neue Daten generieren, aber wer hat das Recht dazu und daran? Das ist bisher völlig ungeklärt. Bis es gesetzliche Regelungen gibt, herrscht längst die Norm des Faktischen, der man sich nicht mehr wiedersetzen kann. Es geht im Wesentlichen nur noch um die Machtfrage. Wer hat die Macht über unsere Daten? Momentan haben das eine Handvoll Firmen. Das entspricht gar nicht dem, was wir in den letzten Jahrzehnten in einer demokratischen, offenen, rechtsstaatlichen Gesellschaft versucht haben zu entwickeln.

Wir müssen uns die Macht über diese Daten wieder zurückholen - als einzelner, deswegen ist das Modell per se nicht verkehrt, das ich im Buch aufzeige. Zweitens müssen wir auch eine breite, gesellschaftliche Diskussion darüber führen, was man mit den Daten tun darf.

Wie kann man sich die Macht zurückholen?
Im Wesentlichen müssen Gesetze her, auch wenn sie zu spät kommen. Die können trotzdem noch einiges ordnen und bewirken. Es gab ja auch mal den Sklavenhandel, dann gab es Gesetze, die ihn verboten haben. Da haben die Gesetze auch etwas geändert, warum soll das dann in dem Fall nicht gehen.

dapdLawmakers from the leftist Palikots Movement cover their faces with masks as they protest against ACTA, or the Anti-Counterfeiting Trade Agreement, during a parliament session, in Warsaw, Poland, Thursday, Jan. 26, 2012, after the Polish government si
Foto: dapd(c) AP
Was für eine Rolle spielen dabei Ihrer Meinung nach Internet-Kollektive? Im Buch gab es ja einen Drohnen-Angriff auf den US-Präsidenten von einem Internet-Kollektiv.
Bis jetzt eine relativ geringe Rolle. Ich möchte auch das Internet nicht als etwas, das vom Rest der Welt getrennt ist, betrachten. Die Menschen operieren ja nicht ausschließlich über das Internet, da gehen Leute ja auch auf die Straße und tragen Masken. Das Internet ist keine Parallelwelt, sondern Teil unserer Welt. Ich erweitere den Begriff Aktivisten-Kollektive.

In Zero haben sie eine lustige Aktion, in dem sie den Präsidenten mit Drohnen ein wenig kitzeln, aber in Wirklichkeit juckt ihn das nicht wirklich. Das Symbol, das in diesem Augenblick geschaffen ist - der am besten geschützte Mensch der Welt ist angreifbar - das ist ein Statement. Alles, was nach 9/11 passiert ist, wird damit ad absurdum führt.. Aber der Einfluss ist enden wollend, auch wenn sie selbst das z.B. anders sehen.

Manch ein Leser könnte meinen, dass es bei „Zero“ hauptsächlich um das Aktivisten-Kollektiv geht…
Nein, ds geht um Cynthia, eine Frau Anfang/Mitte 40, die irgendwann draufkommt, dass die Science Fiction Geschichten ihrer Jugend schon Realität geworden sind. So wie ganz viele in diesem Alter hat sie das verdrängt, sich nicht damit beschäftigt. Wie aus einem 20-jährigen Tiefschlaf aufgewacht. Zero spielt nur eine Nebenrolle in der Geschichte.

Wenn diese Generation jetzt Ihr Buch liest: Kriegt genau die nicht Angst?
Mag sein. In erster Linie soll sie sich Gedanken darüber machen, wo die Technik hinsteuert. Wahrscheinlich kriegen manche zusätzliche Angst, aber vielleicht beginnen sie sich damit auseinanderzusetzen. Am Ende vom Buch setzt die Cynthia die Technologie ja zu ihrem Nutzen ein. Die Geschichte zeigt schon, dass die Technologie nicht nur böse, sondern auch gute Seiten hat.

Wir müssen die Technik nicht nur verteufeln, sondern das ungleichgewordene Machtverhältnis ins Gleichgewicht bringen und nutzenstiftend für möglichst viele Menschen einbringen können.

Zero_Cover_3D.png
Foto: Blanvalet Verlag
"ZERO - Sie wissen, was du tust" erscheint am 26. Mai im Blanvalet Verlag. Das Buch hat 480 Seiten und kostet in Österreich 20,60 Euro. Nummer 978-3-7645-0492-2.

(futurezone) Erstellt am 26.05.2014, 06:00

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