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Fragwürdige Schärfe: Macbook Pro Retina im Test

Wenn Apple-Chef-Designer Sir Jonathan Ive in einem Video auftaucht und in schönstem britischen Englisch salbungsvoll zur Vorstellung eines neuen Produktes ansetzt, weiß man, dass es Apple wichtig ist. Und auch im Saal der Apple-Entwicklerkonferenz WWDC ging bei der

des neuen Macbook Pro mit Retina Display erstmals seit langer Zeit wieder ein begeistertes Raunen durch die versammelte Entwickler- und Anhängerschar.

Retina-Display als Herzstück
Die Präsentation des neuen Macbook-Flaggschiffs kann Apple-CEO Tim Cook tatsächlich als ersten Erfolg seiner Amtszeit verbuchen. Das Herzstück ist neben dem verschlankten Gehäusedesign das neue Display. Mit fünf Millionen Pixel ist das Macbook Pro mit zweieinhalb Mal so vielen Pixel ausgestattet wie herkömmliche HD-Fernsehgeräte. Die Pixeldichte mit 220 Pixel pro Zoll liegt zwar deutlich hinter den 326 dpi des iPhone 4(S) und auch hinter der des neuen iPads (264 dpi). Durch den größeren Abstand des Auges zum Macbook-Display kann das menschliche Auge aber im Normalfall nicht mehr zwischen den einzelnen Pixeln unterscheiden.

Im futurezone-Test macht das Display einen hervorragenden Eindruck. Jeglicher Text, aber auch die Details der Programm-Icons in der Apple-Leiste wie etwa das feinmaschige Netz des Papierkorbs oder die Briefmarken-Kanten des Mail-Icons sind beeindruckend scharf. Seinen ganzen Vorteil kann das Display zudem bei hochauflösenden Bildern – etwa aus der eigenen Spiegelreflex-Kamera – ausspielen sowie bei hochskalierbaren Videogames wie Diablo 3, die derzeit aber noch rar gesät sind. Bei Full-HD-Videos muss man im Full-Screen-Modus hingegen in Kauf nehmen, dass das Ausgangsmaterial weniger Pixel aufweist als das Display.

Retina-Display: Apple-Logo und Programm-Bezeichnung in MacOSX-Leiste sind scharf. Firefox-Logo und Schrift im nicht adaptierten Firefox-Tab sind unscharf.

Fehlende Retina-Unterstützung führt Konzept ad absurdum
Und damit beginnen auch schon die Probleme, die Apples Bemühungen zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ad absurdum führen. Denn außer einigen Apple-eigenen Programmen wie Safari, iTunes, iPhoto oder der Bildverwaltungssoftware Aperture sind derzeit noch keine Programme an das Retina-Display angepasst. Statt gestochen scharfer Menü- und Benutzeroberfläche präsentieren sich die Programme mit pixeligen, verschwommenen Elementen. Die noch nicht angepassten Browser wie Firefox und Chrome sind praktisch unbrauchbar, da Webseiten-Inhalte unscharf und in wenig erbaulicher Gestalt auf dem Display daherkommen. Auch die angebotenen Skalierstufen helfen diesbezüglich wenig.

Und selbst beim Surfen mit dem bereits adaptierten Safari-Browser wird deutlich, dass Apple Webseiten-Betreiber mit dem Retina-Vorstoß am falschen Fuß erwischt hat. Zwar ist das Betrachten der makellos klaren Text-Bausteine eine Augenweide, was umso mehr auffällt, wenn man das Display mit denen des Vorgängermodells vergleicht. Da Logos, aber auch Grafiken auf sämtlichen Webseiten nicht auf eine derart hohe Auflösung ausgerichtet sind, sehen diese auch im Retina-optimierten Safari alt – sprich pixelig und unscharf – aus.

Updates von Photoshop und Chrome angekündigt
Apple hier den Vorwurf zu machen, dass das Unternehmen die Möglichkeit verbesserter Displaytechnologien ausreizt und keine Rücksicht auf veraltetes Webseiten-Design nimmt, wäre wohl vermessen. Faktum bleibt aber, dass wegen eines einzigen Apple-Notebooks wohl kaum alle Entwickler und Webseitenbetreiber von heute auf morgen ihre Programme und Webseiten für eine Super-HD-Auflösung adaptieren werden. User des Retina-Displays werden sich folglich noch einige Zeit mit schlecht aufgelösten Programm-Oberflächen und Webseitenelementen herumschlagen müssen. Zumindest Google und Adobe haben Updates für Chrome und Photoshop angekündigt.

Was Kontrast und Farbgebung des Retina-Displays betrifft, gibt es wenig zu meckern. Die Farben wirken in der Werkseinstellung satt, aber natürlich. Die eingesetzte IPS-Technologie sorgt dafür, dass das Display auch von der Seite und praktisch unabhängig vom Kippwinkel ein gutes Bild liefert. Was allerdings auffällt, ist, dass die grundsätzlich reduzierten Reflexionseffekte von der Seite weitaus stärker ausfallen. Beim Blick von vorne spiegelt das Display durch eine eingesparte zweite Glasschicht im Vergleich zum Macbook-Pro-Vorgänger tatsächlicher weniger stark. Dass die Reflexionen um 75 Prozent verringert wurden, konnte im futurezone-Test allerdings nicht bestätigt werden.

Verarbeitung top
Die äußerliche Verarbeitung des neuen Macbook Pro ist vorbildhaft. Nichts klappert oder knarzt. Das zum Vorgänger-Modell und anderen Macbooks praktisch unveränderte Trackpad zählt weiterhin zum Besten, was die Branche zu bieten hat. Die mit Hintergrundbeleuchtung ausgestattete Tastatur zeigt sich ebenfalls unverändert, manchen Usern könnten die Druckpunkte der Tastatur mitunter zu leicht vorkommen. Ungeachtet dessen sprechen die Tasten aber präzise an.

Die schlanken Gehäusemaße – das neue Pro ist zusammengeklappt gerade einmal 1,8 cm dünn – hatten bei der Präsentation ebenfalls für Beifall gesorgt. Tatsächlich ist es nicht zu verachten, dass Apple es schafft, ein Ultra-HD-Display mit entsprechenden Ansprüchen an die Akku-Versorgung zu verbauen und das Gehäuse dennoch fast auf Macbook-Air-Maße zu schrumpfen. In der Realität fällt der Wow-Effekt allerdings geringer aus als erwartet. Grund ist das ultraleichte, dünne Macbook Air, das als leistungsschwächeres 13-Zoll-Pendant die Maßstäbe in der Macbook-Familie designtechnisch enorm nach oben geschraubt hat. Einige Pro-User werden zudem mit dem Wegfall des DVD-Laufwerks nicht glücklich sein.

Macbook Pro mit Retina (links) mit Macbook Air 13 Zoll

Schwerer als erwartet
So löblich es ist, dass Apple als einer der ersten Hersteller das „Ultra-"Konzept auf den 15-Zoll-Bereich umlegt, sollten sich erprobte Macbook-Air- oder andere Ultrabook-User mit 13-Zoll-Displays ein Upgrade auf den neuen Macbook Pro doppelt überlegen. Denn im Vergleich zum leichten Air-Modell fallen die 2,02 Kilogramm schwerer ins Gewicht als erwartet. Wer bisher schwere 15-Zöller oder gar ein 17-Zoll-Notebook mit sich herumgeschleppt hat, wird sich über die Gewichtsreduktion um einige Hundert Gramm im Vergleich zum Vorgängermodell aber  dennoch freuen.

Das schöne Design auf engstem Raum hat freilich seinen Preis. Denn im neuen Pro sind nicht nur die Akkus fest verbaut, auch Festplatte und Arbeitsspeicher lassen sich in Eigenregie nicht mehr austauschen. Einem Bericht von iFixit

soll der Akku nun sogar verklebt sein – ein Novum, das auch vom Umweltaspekt her kritisiert werden muss. Der Tausch ist zudem mit knapp 200 Euro ebenfalls nicht billig bemessen.

Akku hält bis zu sechs Stunden


Die Akku-Dauer geht angesichts der hohen Display-Auflösung mit knapp sechs Stunden bei durchschnittlicher Nutzung in Ordnung. Wird das System nicht kontinuierlich belastet, kommt man mit diesem Wert normalerweise einen ganzen Arbeitstag aus. Bei Spielen wie Diablo 3 sollte man sich aber stets in der Nähe einer Steckdose befinden, da der Akku unter Volllast bereits nach knapp eineinhalb Stunden leer ist. Diese Werte könnten sich nach einigen Ladezyklen eventuell noch verbessern.

Bei den Anschlüssen werden sich beim neuen Pro ebenfalls die Geister scheiden. Ganz in der von Steve Jobs hochgehaltenen eigenwilligen Tradition inkludiert und eliminiert Apple Anschlüsse, so wie es der Konzern für richtig hält. LAN-Anschluss und DVD-Laufwerk sind ebenso Vergangenheit wie der jahrelang hochgehaltene Firewire-Anschluss. Auch bei der Festplatte lässt Apple Kunden keine Wahl: SSD lautet die Devise, angeboten werden aber drei Größen von 256 bis 768 Gigabyte Speicher.

USB 3.0, HDMI und Thunderbolt
Nach einigem Zögern hat sich Apple aber zumindest entschieden, zwei abwärtskompatible USB-3.0-Anschlüsse sowie einen direkten HDMI-Ausgang zu verbauen. Darüber hinaus ist das Macbook Pro mit zwei Thunderbolt-Anschlüssen ausgestattet, die zur Datenübertragung und zum Ansteuern von neueren Displays verwendet werden sollen. Geblieben ist der SD-Kartenslot. Warum Apple den Konnektor zum Netzteil einmal mehr verkleinert hat, obwohl das neue Macbook Pro eigentlich auf der Seite mehr Platz als das Air hat, ist verwunderlich. Unter Apple-Usern stieß die Entscheidung zumindest auf Unverständnis, da bestehende Macbook-Netzteile unbrauchbar werden.

Ivy Bridge sorgt für gute Leistung
Die Leistung des neuen Macbooks ist dank der neuesten Intel-Prozessoren mit der Ivy-Bridge-Architektur beeindruckend. Das von der futurezone getestete Gerät ist mit einem Intel Core i7 ausgestattet, dessen vier Kerne mit 2,6 GHz getaktet sind. Das sorgt vor allem bei ressourcenhungrigen Programmen wie Photoshop oder Final Cut Pro für einen deutlichen Leistungsschub im Vergleich zu den Vorgängermodellen, die noch auf der Sandy Bridge-Architektur basieren. Das Mehr an Leistung ist aufgrund der hohen Auflösung allerdings auch bitter nötig. Das wird insbesondere bei Spielen deutlich, die nur in der nativen Auflösung von 2880 mal 1800 Bildpunkten gut aussehen und so deutlich mehr Grafikspeicher belegen.

Diablo 3 unterstützt bereits jetzt als einer der wenigen Titel die volle Auflösung des Macbook Pro Retina. Dank der Nvidia Geforce GT 650M lässt sich das Spiel auch in der hohen Auflösung flüssig spielen. Auf aufwändige Grafikeffekte sollte für ein flüssiges Spielerlebnis allerdings verzichtet werden, da die Grafikkarte mit einem Gigabyte Grafikspeicher etwas knapp bemessen ist. Ebenso vorteilhaft für die Performance ist die Tatsache, dass die Retina-Modelle standardmäßig mit SSDs ausgestattet sind. Da das Macbook durch den Wegfall von surrenden Festplatten und dem DVD-Laufwerk bei normaler Verwendung praktisch lautlos ist, fällt der Lüfter umso stärker ins Gewicht. Trotz des Neudesigns, das für angenehmere Frequenzen bei der Lärmbelastung sorgen soll, verrichtet dieser unter Vollast weiterhin recht lautstark seine Arbeit, was das Gesamtbild empfindlich stört.

Retina-Display als Strategie-Entscheidung
So beeindruckend das Display bei dargestellten Schriften und hochauflösenden Fotos ist, muss sich Apple dennoch die Frage gefallen lassen, ob ein derartiges Super-HD-Display im Vergleich zu bereits existierenden Full-HD-Displays tatsächlich die Extra-Anstrengungen rechtfertigt. Ob das Display für Profi-Fotografen und Grafiker der Weisheit letzter Schluss ist, bleibt auch dahingestellt. Denn diese würden vermutlich deutlich mehr von einem Display mit größerem Farbraum profitieren, wie es mit den noch nicht ganz ausgereiften AMOLED-Bildschirmen möglich ist.

Eine interessante Frage ist auch, wie stark die hohe Auflösung des Retina-Displays den Akku beansprucht. Die nun erreichten sechs bis sieben Stunden bei Normalnutzung sind angesichts der angebotenen Leistung ein guter Wert. Gleichzeitig kann auch Apple mit dem neuen Macbook Pro nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Akkufrage beim mobilen Arbeiten noch immer nicht zur vollständigen Zufriedenheit gelöst ist. Vielen Power-Usern wären einige Stunden mehr Akkulaufzeit vermutlich sogar mehr wert, als ein Super-HD-Display. Vom Innovations-Image und der Marketingstrategie her ist Apples Entscheidung, das Display in den Vordergrund zu stellen, aber nachvollziehbar.

Fazit

Mit dem neuen Macbook Pro mit Retina Display ist es Apple nach einigen eher durchwachsenen

- und
-Präsentationen gelungen, ein kräftiges Lebenszeichen abzugeben. Das neue Macbook Pro deutet zudem an, wohin die Reise in puncto Display und Gehäusedesign auch bei größeren Laptops gehen könnte. Dass das neue Macbook Pro mit einem Preis ab 2.279 bis 3.849 (!) Euro vermutlich nur gut betuchte, hartgesottene Apple-Fans ansprechen wird, und das tolle Display aufgrund der fehlenden Programm- und Webseitenunterstützung großteils ad absurdum geführt wird, tut da wenig zur Sache. Apple-Anhänger dürfen jedenfalls aufatmen. Das neue Macbook Pro gibt Hoffnung, dass auch ein Apple ohne
interessante Akzente setzen und so den Wettbewerb ankurbeln kann.

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Martin Jan Stepanek

martinjan

Technologieverliebt. Wissenschaftsverliebt. Alte-Musik-Sänger im Vienna Vocal Consort. Mag gute Serien. Und Wien.

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