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Viral Sarahah: Anonyme Feedback-App im Test.

Die anonyme App muss viel Kritik einstecken.
Die anonyme App muss viel Kritik einstecken. - Foto: Sarahah
Die saudische App eroberte in kurzer Zeit die App-Charts. Der Entwickler sieht sich vor allem mit Mobbingvorwürfen konfrontiert. Wir haben uns die App angesehen.

Trotz des recht gesättigten Marktes an sozialen Netzwerken findet sich auch heute noch die ein oder andere Plattform oder App, die sich in den Stores nach oben kämpft. Nur noch selten steckt dabei eine komplett neue Idee dahinter. Vielmehr ist es oft das einfache Interface oder schlicht das Design, welches eine größere Anzahl an Nutzern anlockt.

Die relativ neue App Sarahah ist eine von diesen Apps (die futurezone hat berichtet). Vom saudi-arabischen Programmierer Zain al-Abidin Tawfiq entwickelt, stieg die App schnell in den Store-Charts auf.  Mit Sarahah können Nutzer sich anonymes Feedback geben lassen. Wer die Nachricht versendet hat, bleibt geheim.

Ursprünglich wurde die Applikation entwickelt, damit Angestellte ihren Vorgesetzten anonymes Feedback zukommen lassen. Genutzt wird sie jedoch in erster Linie von Jugendlichen. Wir haben uns angesehen, was hinter der App steckt.

Keine neue Idee

Die Idee hinter Sarahah ist alles andere als neu. Bereits Ask.fm und Tellonym bieten seit mehreren Jahren Plattformen an, auf denen mehr oder weniger anonym Feedback und Fragen zielgerichtet gepostet werden können. Trotzdem nahm die App relativ schnell Fahrt auf und verzeichnet mittlerweile über 400 Millionen versendete Botschaften.

Gerade im Nahen Osten entstand um die Anwendung ein regelrechter Hype. Wer Sarahah nutzen will, braucht nicht mehr als eine schnelle Registrierung. Sowohl über die App als auch das Online-Portal kann ich mich registrieren. Abgefragt werden Name, E-Mail-Adresse sowie Benutzername und Passwort. Die Daten können willkürlich gewählt werden und haben bis auf den Nutzernamen kaum Relevanz.

Simpel

Mit ein Grund warum die App recht schnell berühmt wurde, ist das einfach angelegte User-Interface. Habe ich mich in der App registriert, gibt es nicht viel zu entdecken. Die Anwendung ist in vier Bereiche aufgeteilt. Unter „Messages“ finden sich alle Nachrichten, die man erhalten hat. Diese können gespeichert, gelöscht, geteilt oder gemeldet werden.

Letzteres führt dazu, dass man keine Nachrichten mehr von jener Person erhält. Identifiziert wir anhand des Nutzernamens oder, sofern der Absender nicht angemeldet war, über die IP-Adresse. Außerdem gibt es eine Übersicht für markierte und selbst gesendete Nachrichten. Über den Reiter „Search“ kann die Plattform nach Nutzern durchsucht werden.

Die App bietet hier zwar Privacy-Einstellungen an, diese aber nur per Opt-Out. Wer auf Sarahah registriert ist, kann also von Haus aus inklusive Profilbild gefunden und wahllos angeschrieben werden. Neben Nachrichten und Suche gibt es auch noch einen Profil-Reiter, über den Profilbild, sowie eigener Link und Einstellungen gefunden und justiert werden können. Der vierte Reiter ist bis dato ohne Funktion und mit der Ankündigung „we are preparing a new feature“ versehen.

Mobbing-Vorwürfe

Die Anonymität von Sarahah scheint wie bei vielen Plattformen dieser Art ihren Preis zu haben. Sieht man sich die Bewertungen der App in Googles Playstore an, finden sich dort jede Menge negative Kommentare, die das Thema Mobbing ansprechen.

Diskussionen über die Schattenseiten der App sind momentan vor allem auf theoretischer Basis zu finden. Auch stellt sich die Frage, inwieweit sich Sarahah von einem Fake-Account auf Twitter oder Facebook, der Mobbing betreibt und Hassbotschaften verbreitet, unterscheidet.

Zwar beinhaltet die App einen integrierte Report-Button, dieser veranlasst jedoch keinerlei Prüfung der Inhalte. Betroffene Nutzer bekommen Nachrichten von gemeldeten Absender einfach nicht mehr zugestellt. War der Absender eine Hassnachricht mit einem Account angemeldet, können unerwünschte Botschaften so eingedämmt werden. Absender, die Nachrichten ohne Anmeldung verschicken, werden aber nur anhand der IP-Adresse identifiziert, die recht einfach gewechselt bzw. verschleiert werden kann. Auch Spam scheint ein zumindest kleines Problem zu sein. Innerhalb von 48 Stunden erhielt ich insgesamt vier Spam-Nachrichten.

Zweifelhafter Datenschutz

Ebenfalls ein Problem ist der zweifelhafte Datenschutz. Startet man die App zum ersten Mal, wird um die Freigabe des eigenen Kontaktbuches gebeten. Zwar ist dies keine zwingende Voraussetzung zur weiteren Nutzung, viele werden die Anfrage aber ohne großartiges Nachdenken positiv beantworten.

Wirft man dann einen Blick in die Datenschutzbestimmungen, nimmt das Vertrauen eher ab als zu. Die Bestimmungen sind in teilweise recht holprigem Englisch formuliert und basieren rein auf Versprechung. Ob und wo auf welchen Servern das Kontaktbuch gespeichert wird, lässt sich nicht herausfinden.

Ob Sarahah überhaupt die Zeit (und den Willen) zur Verbesserung hat, ist mehr als fraglich. Im Nahen Osten, wo sich die App zu Beginn rasant verbreitet hat, ist das Interesse bereits massiv eingebrochen. Während in Ländern wie Ägypten vor allem das Thema Cybermobbing und Hassnachrichten zu der Blütezeit der App über alle Altersstufen hinweg diskutiert wurde, redet dort heute kaum noch jemand über die anonyme Plattform.

Fazit

Sarahah bietet mit seiner App eine Plattform für anonymes Feedback. Die Anwendung ist einfach gestaltet und konzentriert sich nur auf eine Funktion. In Sachen Mobbing und Datenschutz muss sich der Entwickler aber zurecht einiges an Kritik gefallen lassen. Ob bei der recht kurzlebigen Popularität überhaupt Zeit zum Beheben der Probleme ist, ist anzuzweifeln.

Sarahah ist kostenlos für iOS, Android und via Web-App verfügbar.

(futurezone) Erstellt am 27.08.2017, 06:00

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