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Interview

AT&S: "Wir sitzen im Hotspot für den Bedarf der Zukunft"

Egal ob das eigene Handy „Made in China“ oder „Designed in California“ ist: Die Chancen sind hoch, dass ein Stück Österreich drin steckt. AT&S mit Hauptsitz in Leoben ist ein führender Hersteller von Leiterplatten, mit weiteren Produktionsstandorten in Indien, China und Südkorea. Die Leiterplatten und Substrate von AT&S gibt es nicht nur in Smartphones, sondern nahezu allen Elektronikgeräten, von Kameras und Spielkonsolen, bis zu Industrieanwendungen und Medizinprodukten. Die futurezone hat mit CEO Andreas Gerstenmayer gesprochen.

futurezone: Die Wirtschaft jammert wegen Corona. Vielen High-Tech-Firmen und auch AT&S geht es aber offensichtlich ganz gut.
Andreas Gerstenmayer: In der Corona-Krise hat Digitalisierung noch einmal einen massiven Schub erhalten, unter anderem durch den Trend zum Homeoffice. Einen ähnlichen Schub hatten wir schon bei den Vorbereitungen auf den 5G-Standard gesehen, der wiederum das Thema Internet der Dinge weiter vorantreibt. Alle diese Anwendungen brauchen elektronische Komponenten, unter anderem von AT&S. Die Geräte generieren eine Unmenge an Daten, die übertragen und gespeichert werden müssen. Und auch dafür werden Komponenten benötigt. Mit all diesen Trends sitzt AT&S im Hotspot für den Bedarf der Zukunft. Wir sind gut positioniert, um diese Entwicklungen weiter zu unterstützen.

Der europäischen Autoindustrie, die auch Kunde von AT&S ist, hat COVID-19 zugesetzt. Wie wirkt sich das aufs Geschäft aus?
Bis sich dieser Markt erholt, wird es bis 2022, wenn nicht bis 2023 dauern. Aufgrund des Anteils des Automotiv-Geschäfts am Gesamtumsatz der AT&S, können wir diese Schwankungen mit den Steigerungen in anderen Geschäftssegmenten kompensieren. Wir sind beim Erreichen unseres Ziels, die zweite Umsatzmilliarde zu schaffen, voll auf Kurs.

Sehen Sie AT&S als einen Krisen-Gewinner?
Wir sehen uns nicht als Krisen-Gewinner, wir wollen das auch nicht sein. Ich sehe es so: Wir haben uns rechtzeitig auf diese Trends vorbereitet, mit wichtigen Kunden kooperiert und können jetzt an der Beschleunigung der Digitalisierung teilhaben.

iPhone-12-Teardown von iFixit: Die Leiterplatten im iPhone 12. Der AT&S-Schriftzug ist auf der unteren Leiterplatte zu sehen

Trotz der Corona-Krise prognostiziert AT&S in einem Bericht nur geringes Wachstum bei medizinischen Anwendungen. Wieso?
Der Markt ist nicht super dynamisch. Entwicklungs- und Zulassungsprozesse nehmen viel Zeit in Anspruch. In Summe ist das Thema Digitalisierung in der Medizintechnik nichts Neues. Was einen großen Einfluss auf den medizinischen Bereich haben wird, ist die Miniaturisierung, etwa bei Geräten die an und im Menschen sind. Dies führt zum großen Zukunftsbereich des Monitorings aus der Ferne. Risikopatienten können etwa engmaschig überwacht werden.

Fernüberwachung von Vitalwerten durch Geräte im Körper: Klingt das nicht nach einer Big-Brother-Dystopie?
Man kann das natürlich negativ auslegen, ich sehe es positiv. Ein Herzschrittmacher erkennt etwa rechtzeitig wenn etwas im Körper passiert und alarmiert den Arzt. Der wiederum kontaktiert den Patienten, um so Schlimmes zu verhindern. Damit kann man sehr viele Leben retten und Effizienz ins Gesundheitssystem bringen. Es würde zum Beispiel die Krankenhausaufenthalte der Personen reduzieren, die nur zur medizinischen Überwachung dort sind. Das würde den Patienten auch Lebensqualität zurückgeben und die präventive Medizin vorantreiben.

Andreas Gerstenmayer

Von Marktanalysten hört man: Es gibt kein 5G-Handy ohne AT&S-Komponenten. Wieso ist AT&S gerade in diesem Bereich so stark?
Das ist eine logische Folge unserer Zukunftsstrategie. Wir haben immer schon die Strategie verfolgt in hochwertigen Anwendungen zu sein und mit innovativen Kunden zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit war die Voraussetzung, um in dem Segment jetzt eine wesentliche Rolle zu spielen. Deshalb nutzen wir gerne den Leitsatz: Preparation meets Opportunity, grob übersetzt: Vorbereitung trifft auf Gelegenheit.

Auf welche Gelegenheit bereitet sich AT&S als Nächstes vor?
Wir fragen uns zum Beispiel: Was ist das „Next Big Thing“ nach dem Smartphone? Wir sehen hier nicht eine Sache, sondern viele. Dazu gehören etwa Wearables, wie Weiterentwicklungen bei den Smartwatches. Auch künstliche Intelligenz und Augmented Reality sehen wir als Trends. Außerdem wird alles im Netz hängen und kommunizieren.

Sehen Sie sich manchmal neue Elektronik-Produkte und denken sich: Da hätte man mit anderen Technologien von AT&S mehr rausholen können?
Es steht uns nicht an, die Produkte unserer Kunden zu kritisieren. Wir zeigen unseren Kunden die Möglichkeiten. Es gibt viele Ansätze, möglicherweise etwas kleiner und energieeffizienter zu machen. Aber wie das Design aussieht, überlassen wir unseren Kunden.

Was sind IC-Substrate und Substrat-ähnliche Leiterplatten?

Leiterplatte: Die Leiterplatte ist der Träger, auf dem die verschiedenen Komponenten montiert werden. Eine klassische Leiterplatte ist das Motherboard des Computers. Leiterplatten finden sich aber in nahezu allen elektronischen Geräten in verschiedenen Größen und Formen.

IC-Substrate: Diese Schicht liegt zwischen der Leiterplatte und den Chips. Chips haben eine Nanometerstruktur, Leiterplatten eine Mikrometerstruktur. Die IC-Substrate fungieren als „Übersetzer“. Sie ersetzen die alte Verbindungsmethode, bei denen die Chips seitlich mit Drähten mit den Leiterbahnen der Leiterplatte verbunden wurden. Dadurch wird Platz gespart und Geräte können kleiner gebaut werden (Miniaturisierung).

Substrat-ähnliche Leiterplatten: Sind Leiterplatten, mit feineren Mikrometerstrukturen und mehr Anschlüssen als herkömmliche Leiterplatten. Sie ermöglichen „Packaging“ – das Zusammenfassen von Chips und anderer Komponenten in ein Gehäuse. Der kleinere Formfaktor wird etwa für Wearables und Internet-der-Dinge-Anwendungen genutzt.

Substrat-ähnliche Leiterplatten gelten als die nächste Evolutionsstufe für nahezu alle elektronischen Geräte. Was kommt als nächstes?
Die substrat-ähnlichen Leiterplatten sind ein Sammelbegriff für Produktionsprozesse, die früher in anderen Anwendungen genutzt wurden. Das war etwa der Mikroprozessor-Bereich für Smartphones. Dass diese Produktionsprozesse jetzt auch im Leiterplatten-Bereich kommen, ist ein großer Sprung. Ich kann mehr Funktionen auf kleinerer Fläche unterbringen, energieeffizienter arbeiten und höhere Frequenzen verlustfrei übertragen. Für uns war der Startpunkt in diesem Bereich vor 3 bis 4 Jahren und jetzt arbeiten wir uns vor, bis ins Geschäft der funktionalen Module.

Funktionale Module?
Wir wollen substrat-ähnliche Leiterplatten für Module, wie etwa das Bluetooth-, Kamera- oder 5G-Modul für Smartphones herstellen. Denn die Geräte der zukünftigen Generationen werden aus Modulen gebaut. Diese Module wird man dann nicht nur bei der Smartphone-Produktion nutzen können, sondern aufgrund der Standardisierung auch in vielen anderen Bereichen. Wir sind gerade in der zweiten Ausbauphase unseres Werks in Chongqing, China. Dort werden wir die Module herstellen.

Wieso werden die Prunkstücke im AT&S-Portfolio, also IC-Substrate und substrat-ähnliche Leiterplatten, nicht in den Werken in Österreich hergestellt?
Leider gibt es dafür 3 Gründe: Erstens haben Österreich und die EU in den vergangenen 20 Jahren versäumt eine adäquate Lieferkette für Mikroelektronik aufzubauen bzw. zu erhalten. Wir haben weder für Materialien noch Maschinen ausreichend Quellen. Das bekommt man in Asien und teilweise in den USA. Zweitens gibt es in Europa keine großen Anwender. Mit wem soll ich Innovationen entwickeln, wen soll ich damit beliefern? Drittens, ist die Kostenstruktur nicht wettbewerbsfähig, unter anderem sind die Gehaltskosten sehr hoch. Da kann Europa nicht mit Asien mithalten.

Was müsste die EU unternehmen, damit AT&S die Produktion komplett nach Europa verlagert?
Eine Maßnahme reicht nicht, es braucht einen Masterplan, um alle offene Fragen zu beantworten: Wie bekommen wir qualifiziertes Fachpersonal in Europa, wie etablieren wir die Zulieferindustrie? Wie kommen die Abnehmer in die EU? Wie schaffen wir mit innovativen Konzepten die Produktionskosten auf internationales Niveau zu bringen?

Wie steht AT&S im Handelskrieg zwischen den USA und China da? Ist es von Vorteil, ein europäisches Unternehmen zu sein?
Es ist eine spannende Situation. 80 Prozent unserer Wertschöpfung ist im asiatischen Raum, aber 60 Prozent des Umsatzes machen wir mit amerikanischen Kunden. Es gelingt uns sehr gut als europäisches Unternehmen hier Position zu beziehen. Wir haben jegliche Vorkehrungen getroffen, um die Technologie unserer Kunden zu schützen. Uns als Europäern traut man in diesen Belangen womöglich eher als anderen Anbietern. Außerdem sind wir die Einzigen, die in China IC-Substrate auf hohem Niveau produzieren. Wenn sich die chinesische Halbleiterindustrie weiterentwickelt und die Kunden die IC-Substrate entdecken, sollte uns das einen Startvorteil geben.

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Gregor Gruber

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