© David Kotrba

Netzwerktechnik
08/21/2012

"Auch in der Krise muss man in IT investieren"

Michael Ganser von Cisco, Senior Vice President für die wichtigsten Märkte in der EMEA-Region, sprach mit der futurezone über das so eben abgeschlossene Geschäftsjahr bei Cisco, über die derzeitige Marktsituation und Herausforderungen für die Zukunft. Das Interview fand via TelePresence zwischen Zürich und Wien statt.

von David Kotrba

Cisco hat vergangenen Mittwoch seine

vorgelegt und kann mit einem Gesamtwachstum von sieben Prozent auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Michael Ganser ist Senior Vice President für die Vertriebsregion "Central Theatre", der die 17 umsatzstärksten Staaten in der EMEA-Region (Europa, mittlerer Osten und Afrika) angehören. Die futurezone sprach mit ihm über das vergangene Geschäftsjahr, die Position von Cisco auf dem Weltmarkt und die Herausforderungen für die Zukunft. Das Interview wurde Face-to-Face geführt, allerdings über eine Entfernung von mehreren Hundert Kilometern - TelePresence machte es möglich. Der eine Gesprächsteilnehmer saß in Zürich, der andere im Wiener Millenium Tower.

futurezone: Cisco hat in seiner Jahresbilanz sieben Prozent Wachstum und eine um 75 Prozent höhere Dividende für Aktionäre präsentiert. Erst im Juli wurde jedoch angekündigt,

1.300 Stellen streichen
zu wollen. Wie passt das zusammen?
Michael Ganser: Die Märkte verändern sich permanent. Wir schauen uns an, wo die zukünftigen Wachstumsfelder sind und in diesem Bereich balancieren oder rebalancieren wir Ressourcen. Wenn Sie die Lage mit dem Vorjahr vergleichen, sehen Sie, wir haben heute 1.400 Mitarbeiter mehr als vor einem Jahr. Im Engineering, im Service haben wir investiert. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Diese kleine Anpassung, zwei Prozent der globalen Workforce, das ist in Bereichen, die nicht wachsen können. Dort gilt es Ressourcen rauszunehmen, um dann in Kernprioritäten und Wachstumsmärkte reininvestieren zu können.

Architektur und Geräte-Unabhängigkeit

In welchen Bereichen werden Stellen abgebaut?
Es gibt hier keine großen Bereiche, das ist durch das ganze Unternehmen balanciert.

Wo wurde reininvestiert?
Im Engineering, im Service-Bereich und dann im ganzen Emerging-Umfeld, wo wir große Wachstumsmöglichkeiten haben, wo 40 Prozent des GDPs weltweit sitzen und wir heute 20 Prozent unseres Umsatzes rausholen. Außerdem im Segment Data Center, das heraussticht in all seiner Marktdynamik.

Nachdem Sie schon Data Center erwähnt haben: Der Bereich Data Center weist bei Cisco 90 Prozent jährliches Wachstum auf. "Big Data" ist ein großer Hype-Begriff seit zwei Jahren, viel Geld konnten die Anbieter damit noch nicht machen. Wie sieht Cisco das Thema?
Als wir an den Bereich Rechenzentrum reingegangen sind vor circa drei Jahren, haben wir gesehen: Dieses ganze Umfeld explodiert, mit Devices, mit Big Data. In der Architektur war aber eigentlich keine oder wenig Innovation drin. Da sind wir reingegangen und haben gesagt, wir verändern die Data-Center-Architektur, indem wir Real Networking, Storage, Compute zusammenbringen und neue Kategorien, neue Plattformen geschaffen haben. Wir haben eine Gesamtarchitektur gebaut, mit Virtualisierungsmöglichkeiten und allem, was dazu gehört. In diesem Bereich sind wir im letzten Quartal 90 Prozent gewachsen.

Was hat die Kundschaft angelockt?
Wir haben offenbar etwas, das für Kunden von der Architektur her große Vorteile hat. Ich kann damit viel schneller Richtung Cloud gehen und das ist der andere große Treiber, ein Schlagwort heute. Unternehmen wollen in ihre Private Cloud Architekturen bauen. Von den 50 größten Service-Providern, die in die Cloud gehen, machen 70 Prozent das mit uns. Der Großteil der Private Cloud wird heute mit Cisco gebaut.

Wie sieht dabei die Lage in Österreich aus?
Österreich ist eines der Länder, die nicht nur europaweit sondern global am schnellsten verstanden haben, diese großen Chancen mit neuen Data-Center-Architekturen wahrzunehmen. Früher hatte man den Eindruck, dass Österreich IT-mäßg ein Stück zurück war. Heute ist Österreich für uns eines der innovativsten Länder, wo man es versteht, Enterprise Class Applikationen auf unsere Server zu legen, den Weg in Richtung Hosted Collaboration zu gehen. Das sind die Bereiche, in denen wir arbeiten und ein riesiges Marktpotential vor uns sehen.

Das alles klingt sehr positiv und es klingt so, als ob in sämtlichen Bereichen Wachstum zu verzeichnen ist. Warum kündigt man dann Mitarbeiter?
Das eine ist: Wir haben eine klare Strategie, ein Commitment gegenüber unseren Shareholdern. Earnings per Share wachsen schneller als der Umsatz. Das war jetzt das dritte Quartal hintereinander, wo das funktioniert hat, nachdem wir unsere Strategie artikuliert haben. Das andere ist eine Balancierung von Ressourcen. Über den Jahresvergleich haben wir mehr Mitarbeiter. Das ist bei allen anderen Unternehmen heute auch so, dass sie auf das ganze Portfolio schauen und entsprechend agil sein müssen.

Im letzten Quartal wies die EMEA-Region innerhalb Ihres Konzerns noch das stärkste Wachstum auf. Im vierten Quartal gingen die Verkaufszahlen hier aber zurück. Welche Rolle spielt hier die Eurokrise?
Auf der einen Seite sehen wir Zurückhaltung im Public Sector, durch den Druck auf Staatsfinanzen und Sparanstrengungen, es gibt aber auch einen gegenläufigen Trend. Viele Staaten wissen, dass die IT notwendig ist, um Reformen voranzutreiben, um ein effizienteres Gesundheitswesen aufzubauen, um ein effizienteres Schulwesen hinzustellen. Auch um Smart Connected Communities oder ganze Städte zu bauen, braucht man IT.

Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Ländern?
In Europa herrscht eine andere andere Dynamik wie im Emerging-Teil, also Mittlerer Osten, Afrika, Russland. Man ist vorsichtig, auch wenn man vielleicht noch keine fundamentalen Probleme im eigenen Geschäft hat. Diese Vorsicht haben wir gerade im letzten Quartal gesehen, und zwar nicht nur in Südeuropa, wo das bereits in den Quartalen davor so war. Jetzt gibt es das genauso in England, in Deutschland, zum Teil in Nordeuropa. Die Best-in-Class-Unternehmen wissen aber: Ich muss auch hier in IT investieren. Ich muss es schaffen, meine Mitarbeiter produktiver zu machen. Cloud, Collaboration, die zukünftige Art des Arbeitens, bring your own device, ich muss das zusammenbringen. Viele Unternehmen wissen, dass es nur einen Weg da raus gibt, und der ist die Architekturbetrachtung.

In den vergangenen Jahren wurde bei Cisco laut Unternehmens-Präsentation sehr viel Wert auf Kollaboration und Video-Kommunikation gelegt. Nicht jedes Produkt auf dem Sektor wird gut aufgenommen, etwa das

Cius-Tablet
, dessen Produktion im Mai eingestellt wurde. Mit welcher Art von Produkten sollen die Bemühungen in die Richtung fortgesetzt werden?
Das Cius ist nicht `nicht gut` aufgenommen worden, sondern es ist etwas anderes passiert: Wir haben gesehen, dass Tablets explodieren, an allen Ecken, oder Smartphones, dass dieser große Trend da ist, genau das zu nutzen, was mich produktiv macht. Unsere Strategie ist, zu sagen: Wir sind plattformunabhängig. Das Cius war nur ein Weg, um anfangs agieren zu können, heute sind wir plattformunabhängig. Collaboration ist nicht definiert durch den Hersteller, sondern wichtig ist, dass Sie da arbeiten können, wo sie sind und Device-unabhängig sind. Ich werde Ihnen das mal zeigen.

An dieser Stelle führt Michael Ganser vor, wie man mit der iPad-Frontkamera ein weiteres Live-Bild zur TelePresence-Konferenz hinzufügen kann.

Das hier ist Jabber. Jabber ist unser Client. Den gibts heute kostenlos, den kann sich jeder im App Store oder bei Android runterladen. Collaboration ist visuell, ist Video. Sie sehen ja, verglichen zum Telefon-Interview ist hier ein großer Unterschied. Ich sehe, wenn Sie mich challengen und Sie sehen, ob wir schwitzen. Es gibt keinen Kunden, der nicht gleich erkennt: Wow, ich kann mobil sein! Ich kann visual sein, bin Device-unabhängig, bin standortunabhängig und kann Menschen ganz anders zusammenbringen.

"Das Netzwerk ist cool"

Bei Routern und Switches, dem Kerngeschäft von Cisco, gibt es kaum mehr Wachstum. Woran liegt das?
Wir haben Wachstum im Routing-Geschäft. Im letzten Jahr waren es 4 Prozent. Wir gewinnen ganz massiv Marktanteile. Und warum? Weil viele Serviceprovider heute nicht mehr nur einzelne Produkte nehmen , sondern eine ganze Architektur, eine gesamte Plattform. Im Switching-Bereich hatten wir ein Flat-Quartal, was in Anbetracht der Situation, in der der Markt ist, ein starkes Ergebnis ist. Marktanteile gewinnen wir auch auf diesem Markt.

Wie sieht es mit der Implementierung von IPv6 aus?
Die Device-Explosion ist eine treibende Kraft. Wir machen ja einmal im Jahr so einen Visual Networking Index und haben herausgefunden, dass es bis 2016 rund 16 Milliarden Devices geben wird. Vor ein paar Jahren hätte man noch gesagt: Das passiert nie. Jetzt ist es, glaube ich, zumindest schon vorstellbar, bei allen Devices, die wir mit uns herumtragen. Die brauchen alle IP-Adressen. Was für uns wichtig ist, ist IPv6 ins Portfolio rein zu nehmen und führend zu sein in den Gremien, in der Innovation. Was wir intensiv machen, ist mit den Unternehmen zu diskutieren und ihnen bei der Migration zu helfen. Den Unternehmen, die auf IPv4 verbleiben, versuchen wir aufzuzeigen, wohin der Markt geht, damit sie sich entsprechend in Richtung IPv6 bewegen.

Woher kommen derzeit die schärfsten Konkurrenten von Cisco?
Wir haben eine Vielzahl von Kontrahenten. Alle sagen: Das Netzwerk ist cool, ist ein hochgradig attraktiver Markt und ist das strategische Asset, das IT heute hat. Da gibt es Etablierte, da gibt es neue Nischenplayer, die immer wieder reinkommen in den Markt, dann gibt es andere geografische Mitbewerber, die etwa aus Asien kommen, die in der Vergangenheit über Preisaggressivität und Kopien versucht waren, zu agieren. Es ist ein Set von Wettbewerbern, ein Mix aus Nischenplayern, Etablierten und neuen Konkurrenten aus Asien, mit denen wir umgehen.

Ich habe kürzlich Ihren Kollegen Achim Kaspar zur Rolle von

Cisco bei den Olympischen Spielen
interviewt. Jetzt sind die Olympischen Spiele vorbei. Was ist das Resümee dazu aus Ihrer Sicht?
Eine faszinierende Erfahrung. Die Olympischen Spiele sind um, die Paralympischen Spiele kommen noch. Die werden wir genauso unterstützen wie die Olympischen Spiele. Technologisch war es eine riesengroße Herausforderung - der größte Event der auf der Welt stattfindet. Die Infrastruktur, die wir gebaut haben, die Explosion der Anforderungen, etwa an Bandbreite, Video-Verfügbarkeit über alle Devices, war riesig. NBC, der Haupt-Broadcaster in Amerika, hat mit Cisco seine Infrastruktur gebaut. Was wir in London gebaut haben, war hochkomplex. Da gabe es Business-Probleme und Technologie-Probleme, und wir konnten die lösen. Da sehen wir mit einer Menge Stolz drauf.

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