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B2B
06/22/2019

"Benefits einer Lehre in der Industrie sind hoch"

Die Industrie sucht händeringend nach Fachkräften. Siemens versucht mit Anreizen, die größten Talente für sich zu gewinnen.

Der Fachkräftemangel hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Vor allem qualifizierte Mitarbeiter mit Lehrabschluss oder einschlägiger Berufserfahrung sind rar und daher besonders begehrt. Das zwingt vor allem Großunternehmen, die auf entsprechend erfahrene Mitarbeiter angewiesen sind, zum Handeln. Um Talente für sich gewinnen zu können, muss man mittlerweile mehr als nur einen sicheren Arbeitsplatz bieten können.

Siemens, das knapp 10.700 Mitarbeiter in Österreich beschäftigt, will mit Kombi-Ausbildungen, neuartigen Boni- und Fortbildungsprogrammen und gezielter Frauenförderung Perspektiven bieten. Die futurezone hat mit Gerhard Zummer, verantwortlich für die Lehrlingsausbildung bei Siemens Österreich, darüber gesprochen, welche Erfolge man bislang mit diesem Ansatz feiern konnte. 

futurezone: In den vergangenen Jahren war oft vom Fachkräftemangel die Rede. Wie sieht die Situation aus der Perspektive eines Unternehmens wie Siemens aus?
Zummer: Die Digitalisierung bietet enorme Chancen und eröffnet viele Möglichkeiten, dass wir in Österreich im Bereich hochtechnischer und hochqualifizierter Produkte und Dienstleistungen konkurrenzfähig sind. Dafür benötigen wir das entsprechende Personal. Bewerber und Bewerberinnen gibt es genug – wir machen aber die Erfahrung, dass es einige Schwächen im Bildungssystem gibt. Wir können zwar nachschulen, damit der Anschluss an die Berufsschule gelingt, aber längst nicht alle Versäumnisse aufholen.

Ist die Lehre nach dem bekannten Schema noch zeitgemäß oder müsste man hier bessere Alternativen bieten?
Die Benefits einer Lehre in der Industrie sind hoch: Jobsicherheit, gute Karrierechancen und ein überdurchschnittliches Gehalt sind nur einige Anreize. Trotzdem hat die Lehre leider in den letzten Jahren ein schlechtes Image bekommen. Wir steuern dem entgegen und bieten durch verschiedene Modelle für jede und jeden das Richtige: Ob Lehre mit Matura, die duale Akademie in Linz oder ein Studium verbunden mit einer Lehrausbildung.

Wie entstand die Idee, Ausbildung mit Studium zu verknüpfen? Welche Vorteile bietet diese Kombination und wie hoch ist die Nachfrage?
Praktische Grundkenntnisse samt Theoriewissen erweitern die Jobmöglichkeiten enorm. Für die Studierenden bietet diese Ausbildungsmöglichkeit besondere finanzielle Anreize: Der Berufsabschluss ist schon nach 18 Monaten und danach verdienen die Studierenden als Fachkräfte rund 2400 Euro bei uns.

Heutzutage neigen viele Arbeitnehmer dazu, häufig den Arbeitgeber zu wechseln. Wie stellen Sie sicher, dass ein Lehrling bzw. eine von Ihnen ausgebildete Fachkraft möglichst lange im Unternehmen bleibt?
Wir achten darauf, genauso viele Lehrlinge einzustellen, wie wir nach der Lehrzeit auch beschäftigen können. Solche Zukunftsaussichten motivieren die Lehrlinge natürlich. Zusätzlich haben wir einige Benefits, wie beispielsweise automatisch freie Fenstertage, ein Aktienprogramm für Mitarbeiter oder verschiedene Boni.

Wegen dieser Konditionen dürfte es wohl auch eine hohe Zahl an Bewerbern geben. Wie hoch ist die Quote an Bewerbern, die genommen werden und worauf achten sie üblicherweise besonders?
Siemens erhält eine Vielzahl von Bewerbungen und nimmt dieses Jahr österreichweit 120 Lehrlinge auf – die Bewerbungsphase läuft übrigens noch. Wir achten bei Bewerbern und Bewerberinnen zunächst auf ganz selbstverständliche Dinge. Wer unentschuldigt viel zu spät zu seinem Bewerbungsgespräch kommt oder in Jogginghose erscheint, hat schlechte Karten.

Sehen Sie derzeit gewisse Schwächen im Bildungssystem, die sie in der Ausbildung verstärkt ausgleichen müssen?
Über 80 Prozent der führenden Industrieunternehmen in Österreich geben an, Bewerber und Bewerberinnen für eine Lehrstelle aufgrund deren mangelnder Vorkompetenzen nicht aufnehmen zu können – eine Erfahrung, die wir auch machen. In der schulischen Ausbildung muss verstärkt auf die MINT-Fächer wertgelegt werden. Ausbildungsstätten und Bildungseinrichtungen müssen sich mehr abstimmen, um wieder auf einen Nenner zu kommen.

Industrielle Berufe werden oftmals noch von Männern dominiert. Wie kann man hier für mehr Vielfalt und einen höheren Frauenanteil sorgen?
Maßnahmen wie der Töchtertag sollen junge Mädchen für die Technik begeistern. Eine frühe Kompetenzförderung bei jungen Mädchen, beginnend schon im Kindergarten, wäre ein großer Schritt in Richtung „mehr Frauen in der Technik“. Noch gibt es mehr männliche als weibliche Lehrlinge bei uns. Wir freuen uns über Highlights wie 2017 in unserem Werk in Weiz, wo erstmals mehr Frauen als Männer eine technische Lehre begonnen haben.

Insbesondere aufgrund der Digitalisierung steigt die Bedeutung von lebenslangem Lernen. Wie motivieren Sie ihre Mitarbeiter, diese Angebote in Anspruch zu nehmen und wie hoch fällt die Akzeptanz aus?
Digitalisierung ist in allen Lehrberufen ein Teil der Ausbildung: In der Niederlassung in Linz gibt es seit einem Jahr die Lerninseln zum Thema Industrie 4.0. Dass unsere Lehrlinge fit für die Zukunft sind, haben sie auch bei den Austrian Skills 2018 in Salzburg bewiesen. Wir haben einen hervorragenden zweiten Platz in der Kategorie „Industrie 4.0“ belegt und uns für die Euro Skills 2020 in Graz qualifiziert – das motiviert natürlich auch unsere Lehrlinge. Grundsätzlich bieten wir aber selbstverständlich eine Vielzahl von Weiterbildungen im Bereich Digitalisierung an.