Der jüngeren Generation ist anderes wichtig als Statussymbole, glaubt SolveDirect-Gründer Martin Bittner
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Cisco-Interview

„Junge Leute wollen geile Aufgaben, keine Dienstautos“

Der Netzwerkanbieter Cisco will sich in Zukunft stärker im Bereich Software und Cloud-Services positionieren und ging deshalb unter anderem in Österreich auf Einkaufstour. Mit der Übernahme des Cloud-Anbieters SolveDirect im Mai 2013 wuchs der österreichische Cisco-Standort nicht nur mit einem Schlag um 60 neue Mitarbeiter (Tendenz weiter stark steigend).

Auch für das österreichische Start-up SolveDirect, das seit seiner Gründung im Jahr 2000 von Wien aus mit einer Service-Ticketing-Plattform den europäischen und schließlich den internationalen Markt zu erobern versuchte, schloss sich der Kreis. Heute residiert die als „Service Grid“ geführte Abteilung bei Cisco Österreich im 27. Stock im Wiener Millenium Tower hoch über der Stadt.

Round-Table-Gespräch in der Wirtschaftskammer mit US-Botschafterin Alexa Wesner, Herbert Rohrmair-Lewis, Chef der Jungen Wirtschaft, und Martin Bittner von Solvedirect.

Groß denken

„Unsere Erfolgsgeschichte zeigt, dass es auch für ein österreichisches Start-up möglich ist, von einem Konzern wie Cisco gekauft zu werden. Ich denke, das sollte allen Firmengründern hierzulande, aber auch im Rest Europas Mut machen“, sagt SolveDirect-Mitgründer Martin Bittner im Gespräch mit der futurezone. „In Österreich Erfolg zu haben ist in Wahrheit genauso schwer wie im Silicon Valley, mit dem Unterschied, dass der eine Markt acht Millionen Menschen, der andere aber 320 Millionen Menschen umfasst – mit all den entsprechenden Möglichkeiten eines derart großen Marktes.“

Start-ups empfiehlt Bittner folglich, nicht in österreichischen Dimensionen zu denken und vor allem nicht allzu viel Respekt vor großen Konzernen zu haben, selbst wenn sie einen Namen wie Cisco tragen. „In den USA, vor allem aber im Silicon Valley wird man immer angehört, wenn man was zu erzählen hat. Wenn das ganze dann noch eine gute Geschäftsidee ist, dann hat man tatsächlich gute Chancen, dass da was draus wird“, pflichtet auch Cisco-Österreich-Chef Achim Kaspar bei. Mit der Übernahme hatte die Österreich-Zweigstelle von Cisco allerdings nur am Rand zu tun. Ob ein Start-up übernommen und integriert wird, entscheidet sich einzig und allein im Hauptquartier.

Dass Europa großes Innovationspotenzial besitzt, zeigt unter anderem der „Global Innovation Index“, bei denen fünf europäische Länder die Top 20 noch vor den USA anführen. Österreich liegt auf dem relativ guten 20. Rang, hat aber im Vergleich zu Ländern wie der Schweiz, Großbritannien, Schweden, Finnland und den Niederlanden noch Luft nach oben. „Dass wir im Vergleich zur Schweiz nur wenige Firmen-Hauptsitze in Österreich haben, ist für die Start-up-Kultur ein gewisses Hindernis. Umso mehr sind unsere großen Konzerne gefragt, seien es jetzt Voest, OMV oder KTM, um diese Innovationskultur aufzusaugen und über ihre Struktur an viele Kunden zu bringen“, sagt Bittner.

"Geile Aufgaben"

Jüngste Aussagen der deutschen Bundeskanzlerin Merkel – etwa zum Thema Industrie 4.0 – sieht Bittner als Indikator, dass auch europäische Politiker das Thema Start-ups langsam verstehen. Getrieben werde die Innovation aber ohnehin von einer neuen Generation, die mit Statussymbolen und einem klassischen Karriereverlauf wenig anfangen kann. „Junge Leute kann ich nicht mit einem fetten Dienstauto oder sonst einem Statussymbol locken, sondern nur mit geilen Aufgaben“, fasst Bittner die Motivationskraft für potenzielle Start-up-Mitarbeiter zusammen.

„Junge Menschen finden im etablierten Arbeitsumfeld große Barrieren vor“, pflichtet auch Cisco-Manager Kaspar bei. „Denen geht es nicht darum, einzusteigen, 40 Jahre den gleichen Job zu haben und dann in Pension zu gehen. Vielmehr wollen sie Ideen entwickeln und diese verwirklichen“, appelliert Kaspar an Unternehmen, sich diesem Innovationsgeist nicht zu verschließen. „Der Innovationsprozess hat sich völlig umgedreht. Gab die Industrie jahrzehntelang Innovationen vor, entstehen heute sehr viele Ideen und innovative Projekte – Stichwort Apps – aus der Crowd heraus. Davor darf man sich auch als etablierter Konzern nicht verschließen“, meint Kaspar.

Cityscape of Vienna and Danube in the autumn at dusk. At the Right the so called Millenium Tower, at the left the Danube City with its new DC Tower. You can even see the airport Vienna and its white Control Tower in the back.
Was Österreich betrifft, wünscht sich Kaspar ein Steuer- und Abgabensystem, das jungen aufstrebenden Unternehmen entgegen kommt. Auch die in den USA gerade im Start-up-Umfeld gängige Methode, Mitarbeiter und Lieferanten mit Anteilen und Aktienoptionen auszubezahlen, sei hierzulande nicht Teil der Kultur. „Noch wichtiger wäre aber, dass die Politik endlich begreift, dass IT ein Kernproduktivitätsfaktor der Wirtschaft ist, ohne den heute gar nichts mehr geht. Dieser Umstand müsste sich auch viel stärker im Bildungsbereich widerspiegeln“, ist Kaspar überzeugt.

IT unterrepräsentiert

An der Fachausbildung in Fachhochschulen und an Universitäten gebe es wenig zu bemängeln. Dass in Klassenzimmern aber wie vor hundert Jahren immer noch Kreide und Tafel vorherrschen, sei symptomatisch dafür, dass IT und das Verständnis dafür im Bildungssystem völlig unterrepräsentiert seien, sagt Kaspar. Auch SolveDirect-Gründer Bittner sieht das Problem nicht vordergründig in der Fachausbildung.

Wie in Deutschland sei diese allerdings sehr technisch geprägt. Das werde gerade in Amerika – Stichwort Automobilindustrie – sehr geschätzt. Um als Start-up in den USA erfolgreich zu sein, müsse man bei den entwickelten Lösungen aber auch in der Präsentation der eigenen Firma lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Die Gefahr ist, dass eine Lösung zwar sämtliche Anwendungsszenarien abdeckt, dadurch aber als zu komplex und zu schwierig empfunden wird. Facebook ist nicht umsonst so erfolgreich, weil es so simpel und checklisten-artig funktioniert“, sagt Bittner.

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