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02/03/2012

Facebook-IPO: Kaum Gefahr einer neuen Blase

Als Facebook am Mittwoch seinen Börsengang bekannt gegeben hat und mit über 100 Milliarden US-Dollar bewertet wurde, sprachen viele Beobachter schon von der nächsten Internetblase. Doch die Situation heute ist mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende nur sehr schwer zu vergleichen.

Facebook soll insgesamt 100 Milliarden US-Dollar wert sein. Der nun in den Handel kommende Anteil ist vergleichsweise gering und beträgt nur etwa fünf Prozent oder fünf Milliarden US-Dollar. Facebook ist nach Groupon, Zynga oder LinkedIn ein weiteres milliardenschweres US-Internetunternehmen, das an die Börse geht. Der Suchmaschinenriese Google hat den Schritt bereits 2004 gewagt, das Volumen fiel im Vergleich zu Facebooks "Initial Public Offering" (IPO) mit 1,7 Milliarden US-Dollar damals aber deutlich geringer aus.

Auch wenn die Zahlen sehr imposant wirken, sehen Experten nur eine sehr geringe Gefahr einer neuerlichen Internetblase. Auch die möglichen Auswirkungen auf die gesamte Finanzwelt wären bei einer Pleite heute weit geringer als damals. „Für den gesamten Finanzmarkt ist es ein Randsegment“, so Norbert Janisch, Fondsmanager bei der Raiffeisen KG.

Auch Oliver Holle, Gründer und CEO von Wiener Internet-Investment-Funds SpeedInvest, sieht nicht die Gefahr eines plötzlichen Absturzes: "Die Anleger sind vorsichtiger geworden, ich sehe heute nicht mehr die Zocker- und Spekulationsszene, wie sie bei der Dotcom-Blase noch vorhanden war". Holle sieht durch Facebooks Börsengang viel mehr eine Chance für kleine Start-Ups, besonders aus Österreich. Investoren könnten dadurch ermutigt werden, ihr Geld auch in kleinen Unternehmen anzulegen. "Börsengänge wie Facebook schaffen eine Öffentlichkeit dafür."

Die Dotcom-BlaseDie Dotcom-Blase hat zur Jahrtausendwende die ganze Finanzwelt erschüttert. Damals haben Anleger Milliardenbeträge in vermeintlich aufstrebende Technologiefirmen gesteckt und auf das schnelle Geld gehofft. Womit die Unternehmen genau ihr Geld machten, war vielen Investoren nicht bewusst, es reichte schon, irgendetwas mit Technik zu tun zu haben.

Experten sprechen heute oft von „Präfix-Investitionen“, denn es genügte schon ein „.com“ am Ende oder ein „E-“ am Anfang eines Unternehmensnamens, um Investoren von seinem Geschäft zu überzeugen. In Deutschland wurde mit dem „Neuen Markt“ sogar ein eigenes Segment an der Börse für die Technologiefirmen kreiert. Hunderte Unternehmen haben zu dieser Zeit um Anleger geworben, im Jahr 1999 gab es 479 IPOs, ein Großteil der Unternehmen hatte mit Technologie zu tun. Davon haben 117 an ihrem ersten Tag an der Börse ihren Aktienwert verdoppelt. Nach dem Zusammenbruch waren es im Jahr 2001 insgesamt nur noch 76 Firmen, die an die Börse gegangen sind. Keines dieser Unternehmen konnte dann mehr eine Verdoppelung des Wertes am ersten Tag verzeichnen. Heute ist die Situation noch ruhiger, 2011 gab es nur noch etwa 20 Technik-IPOs.

Die Euphorie zur Jahrtausendwende hielt nicht lange an, die Blase platze im März 2000. Kurse begangen reihenweise zu sinken, was eine Kettenreaktion auslöste. Anleger verkauften zum Teil panisch und der Markt brach vollends in sich zusammen.

Die Opfer des PlatzensDie Dotcom-Blase forderte neben den finanziell ruinierten Anlegern auch viele der Unternehmen als Opfer. Eines davon ist der Online-Lebensmittelhänler webvan.com. In Spitzenzeiten mit über einer Milliarde US-Dollar bewertet, musste Webvan kurz nach Platzen der Blase schließen. 2001 erfolgte das entgültige Aus, 2000 Mitarbeiter verloren damals ihren Job. Heute existiert die Seite noch als Tochterangebot von Amazon.

Auch den Versand Pets.com gibt es heute nicht mehr. Beim IPO im Februar 1999 kam das Unternehmen noch auf knapp 83 Millionen US-Dollar, neun Monate später brach es zusammen. Österreich hat mit Libro einen populären Dotcom-Fall. Dessen Konkurs im Jahr 2002 war das drittgrößte Insolvenzverfahren in Österreich seit 1954.

örsengänge wie Facebook schaffen eine Öffentlichkeit

Die ÜberlebendenDoch nicht alle Unternehmen waren dem Untergang geweiht. Viele heutige Internetriesen sind in dieser Zeit entstanden und haben das Platzen der Blase überlebt. Eines davon ist das Online-Versandhaus Amazon. Das Angebot beschränkte sich zur Unternehmensgründung auf Bücher, das IPO erfolgte 1997. Eine Aktie wurde damals um 18 US-Dollar gehandelt, am Höhepunkt der Blase waren es über 100 US-Dollar. Nach dem Absturz war ein Anteil nur noch zehn US-Dollar wert. Amazon erholte sich und das Papier wird heute um rund 180 US-Dollar an der Börse gehandelt.

Auch eBay hat den Börsencrash überlebt. Das Auktionshaus wurde 1995 gegründet und versuchte es schließlich 1998 mit einem Einstiegspreis von 18 US-Dollar pro Aktie an der Börse. Am ersten Handelstag stieg der Wert bereits auf 53 US-Dollar. Heute beträgt der Wert rund 30 US-Dollar pro Anteil. Auch andere Unternehmen wie die Reisewebseite Priceline.com oder der Druckdienst Shutterfly haben das Platzen der Blase überstanden und wirtschaften bis heute erfolgreich.

Wenig Gefahr heuteHeute sei weniger Gefahr gegeben, dass etwas Derartiges platzt, wie Janisch erklärt. „Damals war die Börsenphase zweifellos überhitzt, es ist überall von den neuen Medien gesprochen worden.“ Im Gegensatz zu damals hätten die Unternehmen, die heute an die Börse gehen, einen reellen Wert und ein Geschäftsmodell, im Falle von Facebook die intensive Nutzung. Zur Jahrtausendwende hieß es vielmehr: „Ihr kennt uns nicht, wir versprechen aber viel Wachstum“. Auch die Erwartungen, an schnelles Geld zu kommen, seien am heutigen Aktienmarkt aufgrund vorangegangen Krisen nicht so hoch wie damals.

Dazu kommt, dass die Unternehmen heute laut Janisch mit einem Knappheitseffekt kalkulieren. So bringt Facebook nur etwa fünf Prozent seiner Aktien auf den Markt, was im Vergleich mit ähnlichen Börsengängen sehr wenig ist. Auch LinkedIn hat bei seinem Börsengang nur etwa zehn Prozent zum Verkauf freigegeben. Das trage zu einem geringeren Risiko für die Unternehmen und für die Märkte bei und ermögliche die hohe Gesamtbewertung. Dass Facebook auf rund 100 Milliarden US-Dollar bewertet werde, argumentieren Investmentbanken mit zukünftigem Wachstum. „Ich glaube nicht, dass sie einen derart hohen Preis erzielt hätten, wenn sie alle Anteile auf den Markt gebracht hätten“, so Janisch.

Keine Aktien für KleinanlegerWährend bei der Dotcom-Blase auch viele Kleinanleger betroffen waren, könne man diesmal nicht von einem ähnlichen Szenario wie damals ausgehen. Durch die Knappheit an Facebook-Aktien werde der Kleinanleger vorerst gar nicht die Gelegenheit bekommen, Aktien zu kaufen. Zuerst würden Investoren, Banken und Vorzugsaktionäre mit Anteilen bedient werden.

Janisch sieht bei Facebook eine realistische Chance für einen erfolgreichen Börsengang. Mit gutem Beispiel sei etwa Google vorangegangen, wo viele Experten zu Beginn ebenfalls Zweifel gehegt hatten. Heute ist Google eine Fixgröße an der Börse, trotz dieser ersten Zweifel. „Google hat sich etabliert“, so Janisch. Und auch wenn der Fall einträte, dass die großen Technologieunternehmen zusammenbrechen, sei der Einfluss auf den gesamten Finanzmarkt eher gering.

Parallelen zur Dotcom-BlaseTrotzdem lassen sich auch einige Parallelen ziehen. So war bei der Blase um die Jahrtausendwende das Kapital der Unternehmen nicht in materiellen Gütern, sondern in Ideen und gestigen Leistungen gesichert. Auch das Kapital von Facebook sei weniger greifbar, als es vielleicht bei anderen Unternehmensarten der Fall sei. "Rein materiell gibt es, abgesehen von ein paar Servern und Räumlichkeiten, kein Kapital", erklärt Janisch. „Es stellt sich aber immer die Frage: Wie hoch sind die Eintrittsbarrieren? Wie leicht kann die Konkurrenz etwas ähnliches machen?“ Zur Jahrtausendwende waren diese Barrieren noch sehr niedrig, bei Unternehmen wie Google und Facebook sind sie ungleich höher.

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