B2B
09.04.2015

Industrie 4.0: "China und USA haben uns längst überholt"

Festo-Österreich-Chef Rainer Ostermann ist "erschüttert", wie viele österreichischen Betriebe auf die Digitalisierung und Automatisierung der Industrie nicht vorbereitet sind.

Unter Branchenexperten besteht wenig Zweifel, dass sich die Industrie und deren Produktionsprozesse in den kommenden Jahren stark in Richtung Digitalisierung und Automatisierung verändern werden. Das Schlagwort "Industrie 4.0" ist bei einem Großteil der österreichischen Industriebetriebe allerdings noch nicht angekommen. Zu diesem Schluss kommt der "Trendbarometer Industriebetriebe 2015", eine aktuelle Gallup-Umfrage unter 200 Führungskräften aus der Industrie.

Festo-Chef "erschüttert"

"Dass über 53 Prozent der industriellen Führungskräfte den Begriff gar nicht zuordnen können und fast jeder vierte glaubt, dass dies ein vorübergehender Hype ist, erschüttert mich", meinte Festo-Österreich-Chef Rainer Ostermann bei der Präsentation der Studie, die von Festo in Auftrag gegeben wurde. „Hier gibt es viel Aufklärungs- und Handlungsbedarf, zumal andere Regionen wie China und USA uns beim Thema Industrie 4.0 längst überholt haben. Es wird dort viel mehr investiert, viele technologische Entwicklungen werden mittlerweile von China nicht mehr kopiert, sondern finden umgekehrt von dort ihren Weg nach Europa“, sagte Ostermann.

Eine Diskrepanz herrscht in der Industrie offenbar auch dabei, dass Weiterbildung und Mitarbeiterqualifikation als großer Wachstumstreiber und Produktionskostensenker gesehen wird, die Unternehmen aber offenbar nicht bereit sind, mehr in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren. So wollen nur 36 Prozent ihre Budgets für Weiterbildung in Zukunft erhöhen, bei der letzten Befragung im Jahr 2013 lag dieser Wert noch bei 46 Prozent. Da sich die Berufsbilder durch die neuen Technologien, die nun zunehmend in die Produktion fließen, stark verändern werden, ist aber genau dieser Punkt für Ostermann der Schlüssel, damit Industriebetriebe im neuen Zeitalter erfolgreich sein können.

Jede Revolution kostet Jobs

Auf die Frage der futurezone, in welchem Umfang zunächst Jobs verloren gehen werden, antwortete der Festo-Chef ausweichend. „Es wäre unseriös, hier Vorhersagen zu treffen. Jede industrielle Revolution kostet Jobs und schafft dann wieder neue. Natürlich wird es auch in der Zukunft einfache Schlosser und auch viele Handarbeitsplätze brauchen, aber vieles geht in Richtung IT und neue Fertigkeiten, die sich angehende, aber auch bestehende Mitarbeiter mithilfe der Betriebe aneignen müssen“, meinte Ostermann.

Dass für die Industrie 4.0, die weitaus flexiblere und kleinteiligere Produktionsabläufe verspricht, in erster Linie Akademiker gefragt seien, verneinten die Festo-Verantwortlichen vehement. „Wir brauchen mehr flexibles Fachpersonal, das über den Tellerrand hinausblicken kann und vielseitig einsetzbar ist“, sagt Hermann Studnitzka, der für Ausbildungsprogramme bei Festo Österreich verantwortlich ist. Anstatt wie bisher vor allem auf Fachwissen zu fokussieren, müsse die Ausbildung noch stärker in Richtung Kompetenzentwicklung, also das Umsetzen des Wissens im beruflichen Alltag abzielen“, so Studnitzka.

KMU profitieren von Industrie 4.0

Die intelligente Automatisierung der Industrie sieht Festo aber nicht nur als Notwendigkeit für große Konzerne, um weiter wachsen und bestehen zu können, sondern als noch größere Chance für kleinere und mittlere Unternehmen, ihre Produktion noch besser auf Kundenanforderungen zuschneiden zu können. „Kleinere Unternehmen sind viel flexibler und können ihre Produktionsabläufe somit viel schneller in Richtung Industrie 4.0 adaptieren als große Unternehmen“, sagt Ostermann. Bei der Ausbildung, die auch mit Kosten und Spezialisierungen verbunden ist, müssten KMU künftig enger zusammenarbeiten und etwa Qualifikationsverbünde bilden.