B2B
13.03.2018

Wie sich Industrie 4.0 auf das Stromnetz auswirkt

Vernetzung und Automatisierung in der Produktion werden nicht zu weniger Stromverbrauch führen, sagen Experten.

Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 sollen Produktionsprozesse in den kommenden Jahren in einem immer höheren Maß vernetzt und automatisiert werden, um die gesamte Wertschöpfungskette zu optimieren.

Die Stromversorgung spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Die futurezone hat deswegen Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die Vorstandsvorsitzende des österreichischen Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid, und Sebastian Schlund, Professor an der TU Wien und Experte für Industrie 4.0 und die Arbeitswelt der Zukunft, zu einem Gespräch getroffen.

futurezone: Wird Industrie 4.0 den Strombedarf erhöhen?
Sebastian Schlund: Die Prognosen gehen in zwei Richtungen. Einerseits wird es zu einem höheren Strombedarf kommen, um Intelligenz in vormals dumme Objekte zu bringen. Andererseits wird man durch gezielte Datennutzung eine intelligentere Ansteuerung von Maschinen in der Produktion erhalten. Ich glaube, dass in Summe mehr Strom eingespart wird.
Ulrike Baumgartner-Gabitzer: Ich denke, der Energieverbrauch insgesamt wird zurückgehen, aber der Strom-Anteil wird steigen. Verschiebungen wird es etwa im Bereich Wärme und Verkehr geben. Derzeit gibt es viele Ideen, viele Labortests und Start-ups, die sich mit alternativen Systemen beschäftigen. Noch verläuft der Aufstieg von zum Beispiel Elektromobilität zäh, aber wenn die Kinderkrankheiten ausgeräumt sind, wird es rasch einen Anstieg des Strombedarfs geben.

futurezone: Werden Vernetzung und Automatisierung in der Produktion dazu führen, dass der Strombedarf im Tagesverlauf ausgeglichener wird, etwa weil man Maschinen in der Nacht laufen lässt?
Schlund: Das ist eine Idee, die es schon lange gibt und die sich natürlich aufdrängt, wenn man präzise Daten aus dem Produktionsbereich hat. In diese Richtung bewegen wir uns auch, aber zwei Effekte können auftreten: Erstens, wenn zusätzliche Informationen einen Mehrwert bringen, machen das bald alle. Man hat davon nicht lange etwas. Zweitens: In der Produktion geht es immer mehr um Flexibilität, die Varianten von Produkten steigen. Außerdem gibt es gesteigerte Erwartungen, was Lieferzeiten betrifft. Man hat weniger Zeit, etwas zu produzieren und weniger Zeit, um Strom zu sparen. Industrie 4.0 wird also wahrscheinlich nicht zu weniger Stromverbrauch führen.

futurezone: Automatisierung wird möglicherweise dazu führen, dass in der Produktion Arbeitsplätze abgebaut werden. Wie wird sich das auf den Stromverbrauch auswirken?
Schlund: Wenn nur noch Roboter in einer Fabrik eingesetzt werden, kann man das Licht ausmachen - diese Idee geistert in Zehn-Jahres-Abständen herum. Zu so etwas wird es nur in hochspezialisierten Branchen kommen. Mehr Varianz, mehr Flexibilität in der Produktion laufen diesem Trend zuwider. Da sind Menschen Maschinen immer noch weit überlegen.

futurezone: Wie wird sich Einführung von Smart Grids auf das Stromnetz auswirken?
Baumgartner-Gabitzer: Die Verteilnetze werden in Zukunft smart und Energieanbieter werden ihre Kunden besser kennenlernen. Es wird auch eine stärkere Volatilität bei Preisen und eine Flexibilisierung des Angebots geben, aber wir als Übertragungsnetzbetreiber müssen all diese Entwicklungen letztlich ausgleichen. Wir haben einen ziemlich genauen Plan, wo die Entwicklung im Verbrauch hingeht und was wir brauchen, um das abfedern zu können. Wir sind aber sehr abhängig davon, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln.

futurezone: Gibt es hier Verbesserungspotenzial?
Baumgartner-Gabitzer: Bis jetzt hat jedes Land in Europa eine eigene Energiepolitik, aber es gibt eine immer stärkere internationale Zusammenarbeit. Der europäische Dachverband der Übertragungsnetzbetreiber macht einen zehnjährigen Netzentwicklungsplan, aber wir können dem mit unseren staatlichen Genehmigungsverfahren nicht nachkommen. Die dauern einfach zu lange. Immerhin funktioniert die Koordinierung unter den Übertragungsnetzbetreibern. Wir helfen uns aus und sind solidarisch, denn wenn einer ein Problem hat, haben bald mal alle ein Problem.

futurezone: Sie meinten vorhin, die Energieanbieter werden ihre Kunden besser kennenlernen. Profitiert auch Austrian Power Grid davon?
Baumgartner-Gabitzer: Wir brauchen Echtzeitdaten von den Verteilnetzbetreibern, damit wir das Netz sicher steuern können. Die persönlichen Daten der Verbraucher interessieren uns dabei nicht. In Deutschland wird heiß diskutiert, wer Zugang zu Daten erhält, in Österreich haben wir gesagt, wir brauchen Echtzeitdaten, aber in ihrer Gesamtheit, nicht personenbezogen. An Prognosedaten über die Verbrauchsentwicklung in Zukunft sind wir natürlich schon interessiert.