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B2B
12/20/2019

NOVOMATIC: „Wir sind sehr nahe an einer Revolution“

Die Digitalisierung könnte zur nächsten Industriellen Revolution werden. Österreich ist hier laut Novomatic schon gut aufgestellt.

Alexander Sekanina ist Head of Order Management bei NOVOMATIC und ist auch dafür verantwortlich, die Digitalisierung des Unternehmens voranzubringen. Dafür investiert NOVOMATIC in die Ausbildung neuer Mitarbeiter und Technologien. Die futurezone sprach mit ihm über die nächste industrielle Revolution und den Status Quo in Österreich.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Position mit der Industrie 4.0 – was versteht man darunter? 

Dazu gibt es unterschiedliche Betrachtungsweisen, je nachdem, welchen Experten man befragt. Das Thema Industrie 4.0 beschäftigt sich vor allem mit der Digitalisierung von Produktionsabläufen und Prozessen, bezeichnet aber ein ganzes Bündel neuer Technologien, die in der Industrie eingesetzt werden können. Zu den bekanntesten zählen 3D-Druck, Blockchain, vernetzte, flexible Produktionssysteme oder Cloud-Anwendungen. Dadurch wird es beispielsweise auch möglich, einzelne Fertigungsschritte,  Maschinen und manuelle Arbeit miteinander zu vernetzen und die Abfolge permanent automatisch optimieren zu lassen. Hier wird einer der größten Potentiale von Industrie 4.0 sichtbar, nämlich die Zusammenarbeit verschiedener Produktionseinheiten über alle Bereiche, Standorte und sogar mehrere Firmen hinweg. 

Einige Sprechen von Industrie 4.0 als nächste industrielle Revolution, andere vom "digitalen Wandel", wie schätzen Sie das ein? 

Grundsätzlich glaube ich daran, dass Industrie 4.0 das Zeug zu einer Revolution hat. Ich denke aber, dass wir momentan noch in der zweiten Phase eines digitalen Wandels stecken. Damit Industrie 4.0 erfolgreich sein kann, muss ich „meine Hausaufgaben“ gemacht haben – dazu gehören durchgängige IT-Systeme, digitale Informationen über alle wesentlichen Prozesse und eindeutige Schnittstellen im eigenen Unternehmen. Um in einem weiteren Schritt auch Künstliche Intelligenz einsetzen zu können, muss natürlich alles digitalisiert werden. Alle Informationen, die früher analog aufgenommen wurden, müssen jetzt zu digitalen Datensätzen werden.

Hat man im eigenen Unternehmen die Voraussetzungen dafür geschaffen, kann man weiterdenken, nicht nur dort, sondern auch in der Zusammenarbeit mit anderen Firmen.. Dann kann man nicht nur die eigenen Prozesse, sondern die ganze Lieferkette digitalisieren und z.B. durch den Einsatz von Blockchain-Technologie und Smart Contracts sogar Verträge und die Abwicklung von Lieferungen automatisieren. Wenn wir das schaffen, sind wir schon sehr nahe an einer Revolution. 

Setzen Sie bereits Künstliche Intelligenz ein? 

Wirklich Künstliche Intelligenz umfassend einzusetzen - davon ist die Produktion zumeist noch ein gutes Stück entfernt. Ein eigenständig funktionierendes System, das autonom entscheidet, wäre natürlich die höchste Form. Das wird derzeit aber nur punktuell eingesetzt. Augmented Intelligence unterstützt beispielsweise dabei, die Wahrnehmung zu schärfen. Sie ermöglicht es, Mitarbeiter mit Augmented Reality-Brillen auszustatten, die bei der Arbeit weitere Informationen einspielen.  

Also ist der Einsatz von KI noch Zukunftsmusik? 

Die Grundlage für Künstliche Intelligenz ist immer eine Umgebung, in der sie etwas lernen kann. Dafür muss sie Daten haben, aus denen sie bestimmte Verhaltensmuster ableiten kann. Das gibt es in gewissen Bereichen bereits, beispielsweise beim autonomen Fahren. In der Industriesteuerung ist das noch eingeschränkt.

Das Potenzial ist ausgesprochen groß, vor allem mit der steigenden Flexibilisierung in der Produktion, aber in der Industrie sehen wir das Ganze pragmatisch. Wir bewerten Technologien dahingehend, ob sie für uns oder unsere Kunden einen Mehrwert bieten oder uns ermöglichen, effizienter oder anders zu arbeiten. Wenn sie uns hilft, werden wir sie einsetzen, je nachdem, wie groß ihr Reifegrad ist. Zahlreiche vielversprechende Technologien sind noch im Forschungsstadium, in der Realität werden sie noch nicht flächendeckend eingesetzt.

Wenn es um Geschäfte geht, vertrauen viele Menschen noch eher einem Handschlag, als darauf, dass eine KI ihnen Entscheidungen abnimmt. 

Stellen Sie dadurch auch neue Anforderungen an junge Menschen? 

Die Qualifikationen, die man früher hatte, sind durchaus verwandt mit denen, nach denen jetzt gesucht wird. Jungen Menschen ist zum Teil nicht bewusst, dass IT und Informatik größtenteils aus Information und Mathematik bestehen, deren Grundlage die Naturwissenschaften sind.

Für Auszubildende ist es wichtig, Zusammenhänge zu verstehen. Ein gutes naturwissenschaftliches Grundlagenwissen ist wichtig, genauso wie Freude am Umgang mit den Menschen. Denn technologischer Fortschritt wird nur Akzeptanz finden, wenn er die Menschen unterstützt. Die Themen Ethik und Moral sind auch in Bezug auf Künstliche Intelligenz immer wichtiger. Wir müssen nicht nur die Frage stellen, was sie kann, sondern auch, was sie können soll und darf. 

Andererseits muss man auch bei digitalisierten Prozessen noch immer die Grundlagen des eigenen Fachbereiches beherrschen, also beispielsweise von Lean-Prinzipien in der Produktion.

Wir fördern deshalb unsere Mitarbeiter/-innen diesbezüglich sehr stark und arbeiten mit Forschungseinrichtungen, beispielsweise zu den Themen 3D-Druck, Blockchain, Produktionssysteme und Netzwerkplanung, zusammen. Wir haben Kooperationen mit zahlreichen Bildungseinrichtungen wie der FH St. Pölten, der FH Krems, TU Wien, TU Darmstadt oder der WU Wien sowie auch vielen Partnerfirmen. Wir brauchen auch in Zukunft definitiv eine Stärkung der naturwissenschaftlichen Ausbildung, denn diese Kompetenzen werden wir in unserem Unternehmen weiterhinbenötigen. 

Der Digitalministerin zufolge gibt es einen großen Unterschied zwischen großen und mittelständigen Unternehmen bei der Digitalisierung. Beobachten Sie das auch? 

Ich glaube, dass in beiden Bereichen viel Potenzial da ist. Wir haben in Österreich eine sehr gute Unternehmenslandschaft. Trotzdem denke ich, dass sich viele Unternehmen systematisch mit den neuen Möglichkeiten beschäftigen müssen, um später auch Gewinn daraus zu ziehen. Das gilt besonders für disruptive Technologien, die nicht nur inkrementelle Weiterentwicklung, sondern einen Sprung und damit eine vollständige Ablöse bisheriger Technologien bedeuten können. Große und mittelständige Unternehmen aus Österreich sind ja teilweise in Weltmärkten führend. Das ist eine sehr gute Basis, um sich dahingehend weiterzuentwickeln. 

Würden Sie sich wünschen, dass die Entwicklung in Österreich schneller vorangeht? 

Ich würde mir sehr wünschen, dass einige mittelständige Unternehmen stärker in neue Technologien investieren. Dazu gehören auch gut ausgebildete Mitarbeiter. Dort, wo es Defizite gibt, sollten die Unternehmen jetzt aktiv etwas unternehmen.

Wir setzen beispielsweise punktuell Schwerpunkte, wo wir für uns Potential sehen. Unsere Lehrlinge in der Fertigung setzen sich bereits mit 3D-Druck auseinander und wir haben zusammen mit Partnern eine Coding-Akademie gegründet, in der wir Nachwuchs-Fachkräfte ausbilden. Allerdings ist es mir wichtig, dass wir nicht nur von jungen Mitarbeitern sprechen, die noch in Ausbildung sind. Gerade Führungskräfte müssen sich mit diesen Technologien auseinandersetzen, weil sie sonst keine Möglichkeit haben, auf Augenhöhe mit ihren jungen Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren und sie durch den dichten Dschungel von kommenden Technologien zu leiten.