B2B
20.05.2012

Oracle: „Kunden können Cloud nicht mehr hören“

Nicht erst seit vergangenem Jahr ist die Cloud in aller Munde. Praktisch alle Hersteller – sei es nun im Hardware oder Softwarebereich - sind auf den Hypebegriff aufgesprungen und haben begonnen, eigene Services zu promoten. Warum auch Oracle auf die Cloud setzt, obwohl die Leute des Begriffes schon müde sind, erklärt Günther Stürner, Vice President Sales Consulting, im futurezone-Interview.

futurezone: Die Cloud läuft langsam, aber sicher Gefahr, vom gehypten Begriff zum Unwort des Jahrzehnts zu werden. Warum eigentlich?
Stürner: Das Problem mit so einem Begriff ist, dass er immer und immer wieder genannt wird und Anbieter wie Kunden den Begriff irgendwann schon gar nicht mehr hören können. Der Hype-Höhepunkt von Cloud Computing ist definitiv überschritten. Für uns als Hersteller ist das gut, weil es bedeutet, dass die Leute jetzt damit zu arbeiten anfangen.

Was tut Oracle gegen die Skepsis bei Kunden?
Die Cloud mit irgendwelchen nebulösen Begriffen zu definieren, reicht nicht. Man muss Klartext reden und erklären, was tatsächlich hinter einer Cloud-Infrastruktur steckt. Die Cloud ist ja nicht irgendetwas wolkiges, sondern in Wahrheit ein Rechenzentrum, das hochautomatisiert funktionieren muss. Die IT-Leute, die schon bisher für Aufbau und Betrieb des Rechenzentrums ihrer Firma zuständig waren, sind nicht blöd. Die können auch gut abschätzen, ob ein Hersteller in seinen Aussagen übertreibt.

Dann reden wir Klartext, was ist die Cloud?
Unter Cloud verstehe ich eine Infrastruktur, die aus unterschiedlichen Komponenten besteht, die gut abgestimmt und gut steuerbar sein müssen. Das System muss äußerst flexibel in Hardware und Software sein, sich also je nach Last vergrößern und verkleinern lassen. Kunden erwarten zudem, dass nur das bezahlt wird, was wirklich verbraucht wird. Das aufzusetzen ist nicht ganz trivial und benötigt Technologien, die es es vor ein paar Jahren so nicht gab.

Welche Technologien rechtfertigen denn den Cloud-Begriff?
Eine wichtige Basistechnologie ist sicherlich die Virtualisierung, da hat sich in den vergangenen vier bis sechs Jahren enorm viel getan. Von unserer Seite her geht es bei der Cloud auch stark um Clustering, also das Zusammenschließen von Rechnern. Ein anderer Punkt, der früher schwer zu lösen war, ist die genaue Abrechnung. Es war stets das Ziel, die Abrechnung von IT-Services, die über die Cloud bezogen werden, verbrauchsabhängig zu machen, vergleichbar mit dem Stromzähler beim Strom.

Oracle setzt seit der Übernahme von Sun stark auf sogenannte „Engineered Systems“, also Komplettlösungen, die in puncto Hardware- und Software abgestimmt sind. Was sind die Vorteile?
Viele Unternehmen haben das Problem, dass die unterschiedlichen Einzelkomponenten in ihrem System zwar gut sein mögen, diese aber schlecht abgestimmt sind, was schließlich zu Leistungseinbußen führt. Mit unseren Exa-Systemen waren wir die ersten, die Komplettpakete geschnürt haben, die über das Betriebssystem hinausgehen und die Aufteilung von Software-Komponenten wie der Datenbank auf Server und Platten miteinschließt.

Ist das der allgemeine Trend, dass IT-Verantwortliche sich ihre Systeme nicht mehr selber aus verschiedenen Komponenten zusammenstellen wollen? Das klingt nach dem Apple-Ansatz im Consumer-Bereich.
Der Trend ist sehr stark zu bemerken. Aber das ist wie mit einem Auto kaufen – da wollen Sie ja auch das fertige Fahrzeug erwerben und nicht erst sich in der eigenen Garage die unterschiedlichen Einzelteile zusammenbauen.

Aber steigt damit – analog zu den geschlossenen Systemen von Apple – nicht auch die Abhängigkeit von Firmen gegenüber Herstellern wie Oracle?
Das sehe ich nicht so. Der Weg von Einzelkomponenten zu einem „Engineered System“ oder von diesem wieder zurück oder zu einem anderen Hersteller ist immer der Gleiche. Die eingesetzten Oracle-Software-Komponenten unterscheiden sich beim „Engineered System“ nicht von denen, die man bei der Einzelkomponenten-Lösung einsetzt. Von Lock-in müsste man sprechen, wenn spezielle Middleware und Datenbank-Komponenten zum Einsatz kämen. Das ist aber nicht der Fall.

Wer sind die potenziellen Käufer derartiger Komplettsysteme? Große oder auch mittlere Unternehmen?
Als wir mit unserer Exadata-Maschine auf den Markt gekommen sind, haben wir eigentlich damit gerechnet, dass diese vor allem für die großen Kunden interessant sein wird. Interessanterweise wurden die ersten Maschinen allesamt an Mittelständler verkauft. Wie sich herausgestellt hat, sind diese im Vergleich zu großen Rechenzentren weitaus flexibler, um ein derartiges System in die eigene Infrastruktur einzupassen.

Inwiefern haben sich die Anforderungen an eine moderne IT-Abteilung geändert?
Die siloartige Strukturierung mit getrennten Verantwortlichkeiten für Server, Hardware-Komponenten und Betriebssystem wird sich durch den skizzierten Trend zu Komplettsystemen sicherlich in gewisser Weise nivellieren. Ganz generell kann man sagen, dass der interdisziplinäre Austausch mittlerweile viel wichtiger, ja notwendig, geworden ist.

Um noch einmal zur Cloud zurückzukommen: Oracle hat angekündigt, in Kürze einen eigenen Public-Service anzubieten. Was steckt dahinter?
Unter cloud.oracle.com kann man sich jetzt schon einen Überblick über die angebotenen Services – unter anderem Application Server, Java und Oracle-Datenbank – verschaffen. Im Vergleich zu Mitbewerbern bieten wir damit etwa eine Datenbank-Infrastruktur komplett mit einer Entwicklungs-Umgebung in der Cloud an, die produktiv von Kunden genutzt werden kann.