B2B
26.08.2012

Technologiedebatte: "Asien ist gut im Stehlen"

Die Niederlage Samsungs im Patentstreit mit Apple sorgt weiter für hitzige Diskussionen. Während viele Apples Vorgangsweise im Sinne des freien Markts kritisieren, empfinden andererseits viele das Urteil als gerechte Strafe für die "Kopiermentalität" asiatischer Unternehmen.

Auch auf den am Wochenende zu Ende gegangenen Alpbacher Technologiegesprächen zog sich das Thema wie ein roter Faden durch die Diskussionsveranstaltungen. Als deutlichster Kritiker der asiatischen Wirtschaftsmentalität trat der US-Technologie-Lobbyist Robert Atkinson auf, der Asien und insbesondere China für das Kopieren und Stehlen von technologischen Innovationen geißelte.

"Kopierende Wirtschaft"
"Die asiatische Wirtschaft ist im Wesentlichen auf dem Kopieren und Stehlen von geistigem Eigentum aufgebaut. Wenn man das gut beherrscht und sich noch dazu wie China an keine Spielregeln hält, kann man natürlich in zehn Jahren einen technologischen Fortschritt erzielen, der anderswo 40 Jahre gebraucht hat", so Atkinson. Diese fehlende Innovationskraft sieht Atkinson als größte Herausforderung für die asiatische Wirtschaft. "Um mittel- und langfristig das Rennen als Region zu gewinnen, muss Asien herausfinden, wie es von einer kopierenden zu einer erfinderischen Wirtschaftsregion wird", meinte Atkinson.

Als Stärke ortet der Technologieberater der US-Regierung allerdings die Produktionsleistung Asiens. Hier hätten vor allem die USA versagt. "Wir sind zwar unschlagbar, um Ideen mit viel Risikokapital in ein funktionierendes Geschäftsmodell umzusetzen, haben aber durch die Verlagerung der Produktion nach Asien viele Arbeitsplätze und auch Know-how im Land verloren", sagte Atkinson.

Kritik an Aussagen
Die Ausführungen Atkinsons sorgten in Alpbach aber auch für viel Kritik. Seung-Wook Yang, Leiter des europäischen Entwicklungsstandorts von Hyundai Motor Europe in Rüsselsheim, warnte vor Verallgemeinerungen. "Wie Europa nicht nur Deutschland oder Griechenland ist, ist auch Asien nicht nur China. Die Unternehmenskulturen in Südkorea und Japan sind völlig anders", so Yang. Koreanische Unternehmen seien beim Umsetzen und Weiterentwickeln technologischer Innovationen enorm schnell. Japanische Unternehmen wiederum hätten am Anfang vielleicht auch kopiert. Sie seien aber bekannt dafür, dass sie unermüdlich daran arbeiten, technologischen Fortschritt im Detail zu perfektionieren und weiterzutreiben.

Auch die aus China stammende Li Min, die seit mehreren Jahren beim Halbleiter-Hersteller Infineon in Villach arbeitet, kritisierte in einer Podiumsdiskussion am Samstag in Alpbach die Aussagen. "Ich plädiere in dieser Frage für weniger Moral und mehr Nüchternheit. Wenn chinesische Unternehmen Patente verletzen, ist das vor Gericht zu klären", so Min auf Nachfrage der futurezone. Hohe Subventionen chinesischer Produkte durch den chinesischen Staat - etwa in der Solarindustrie - seien für Mitbewerber zwar ärgerlich. Durch die Stützung gewisser Branchen würden sich für viele Unternehmen aus Europa und den USA aber neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben.

Infineon-Österreich-Chefin: " China für Europa wichtig"
Bei Europas zweitgrößtem Halbleiterhersteller Infineon sieht man die Diskussion um die Wirtschaftsregion Asien ohnehin differenziert. Der deutsche Konzern mit einem großen Forschungs- und Produktionsstandort in Österreich macht wie viele andere Technologiekonzerne in und mit China gute Geschäfte. "Man darf nicht übersehen, dass praktisch jeder dritte Arbeitsplatz bei Infineon auf dem chinesischen Markt erwirtschaftet wird und es viele erfolgreiche europäische Unternehmen ohne den asiatischen Markt gar nicht geben würde", sagte die Infineon-Österreich-Chefin Monika Kircher am Rande der Technologiegespräche zur futurezone.

Dass man sich als Unternehmen genau überlegen müsse, wie man seine Assets langfristig schütze, stehe natürlich außer Frage. "Während Produkt-Ideen leicht zu kopieren sind, egal wo sie entwickelt werden, ist das bei den mittlerweile notwendigen hochkomplexen Produktionsprozessen anders", so Kircher. Um das eigene Know-how in diesem Bereich zu schützen und die Wertschöpfung in der Region zu halten, lagere Infineon diese Prozesse auch nicht nach China aus. Gerade bei der Produktion und Verarbeitung neuer Materialien sieht Kircher hier europäische Unternehmen aufgrund des Forschungs- und Wissensvorsprung gegenüber anderen Regionen im Vorteil.

"Man muss nicht jeden Tag das Rad neu erfinden"
Zur Kopier-Diskussion merkte Kircher zudem an, dass Europa seine Wertevorstellungen diesbezüglich zumindest hinterfragen sollte. "Wir halten vom Kopieren sehr wenig und gehen automatisch davon aus, dass eine neue Erfindung mehr wert ist - selbst wenn diese Erfindung kein Geld bringt", so Kircher. "Anspruchsvolles Kopieren bedeutet, dass man versteht, wie ein Produkt funktioniert, dieses verbessert und für bestimmte Märkte adaptiert. Gerade europäische Unternehmen sollten sich nicht diesen Druck auferlegen, jeden Tag das Rad neu erfinden zu müssen, und sich stattdessen lieber auf das erfolgreiche Wirtschaften konzentrieren", ist die Infineon-Österreich-Chefin überzeugt.

Auch der Leiter der Forschungsabteilung Industrietechnologien der Europäischen Kommission, Herbert von Bose, warnte in Alpbach davor, den asiatischen Raum zu belächeln. "Die Ansicht, dass wir hier wunderbare Forschungsarbeit leisten und also die Intelligenten sind, und dort die Dummen für uns die stupide Produktionsarbeit machen, ist sehr gefährlich", so von Bose. Wenn man Asien nur als "Kopierer-Region" abstemple, tue man der Innovationsfähigkeit der dortigen Wirtschaft unrecht. "Natürlich wird auch kopiert - gleichzeitig sehen wir aber viele Bereiche, wo Asien mittlerweile technologisch federführend ist und maßgeblich zur Weiterentwicklung von technischem Fortschritt beiträgt", ist von Bose überzeugt.

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